Panorama

Wegen Corona-Fehlalarm Bahnfahrt wird für Hunderte zur Odyssee

31540e5d7647a7194f1f33449c7d1541.jpg

Manche der Reisenden trugen Mundschutz.

(Foto: dpa)

Mitten in der Nacht kommt ein Eurocity aus Venedig in München an. Die Passagiere sind angespannt, erschöpft, aber auch verärgert. Ihr Zug war am Brenner gestoppt worden, weil es zwei Corona-Verdachtsfälle an Bord gegeben hatte. Die Reisenden kritisieren vor allem die Informationspolitik an Bord.

Coronavirus-Infizierte als Mitreisende im Zug, Zwangsstopp am Brenner, wenig Informationen über die Lage: Rund 500 Passagiere von zwei Eurocitys erlebten am Sonntagabend zunächst einen Albtraum, der dann aber in ein Happy End mündete. Denn: Zwei deutsche Frauen, die wegen Fiebers und Hustens verdächtigt worden waren, am Coronavirus erkrankt zu sein, wurden negativ getestet. So konnte ein am italienisch-österreichischen Grenzübergang mehrere Stunden gestoppter Eurocity kurz vor Mitternacht mit 500 Passagieren an Bord seine Fahrt von Venedig via Innsbruck nach München fortsetzen. Dort kam er dann am frühen Montagmorgen an, wenn auch stark verspätet.

Angespannt, erschöpft, aber auch erleichtert - so stiegen die meisten Passagiere am Hauptbahnhof um kurz vor 2 Uhr auf Gleis 12 aus. Einige ärgerten sich über die Informationspolitik der Bahn. Ein junges Paar aus Bremen berichtete: "Die Infolage war lange sehr unklar. Die meisten Infos haben wir noch aus dem Internet bekommen." Und eine ältere Frau sagte empört: "Das Informationsangebot war abenteuerlich."

Empfangen wurden die Reisenden - einige trugen Mundschutz - nicht nur von rund einem halben Dutzend Beschäftigten des Bahn-Sicherheitsdienstes und einigen Bundespolizisten. Es warteten auch ein paar Menschen, um Bekannte und Angehörige abzuholen. Eine junge Münchnerin, die selbst erst gerade mit dem Flugzeug aus Italien zurückgekommen war, holte eine Freundin ab. Per Handy hatten sie unterwegs Kontakt. "Die Auskünfte im Zug waren überhaupt nicht gut", sagte die wartende Frau. Ein Vater war eigens von Aschaffenburg durch ganz Bayern gefahren, um seine 22-Jährige Tochter abzuholen. Sie studiert in Padua und hatte angesichts der Lage so schnell wie möglich nach Hause gewollt, erzählte der 52-Jährige.

Der 31-jährige Mario aus Frankfurt beklagte die schlechte Versorgungslage im Zug: "Es gab keine kostenlosen Getränke oder Decken, gar nichts", sagte er. Nur kaufen habe man etwas können. Ein anderer Mann sagte: "Die Stimmung war zunächst recht angespannt - irgendwann wurde sie dann etwas lockerer, als bekannt wurde, dass die Tests der Personen auf den Virus offenbar negativ waren."

Brenner mehrere Stunden für Züge gesperrt

Zuvor hatten die österreichischen Behörden den Zugverkehr am Brenner - der wichtigsten Bahnstrecke von Italien nach Deutschland - aus Furcht vor dem Coronavirus gestoppt. Von der zeitweisen Sperre des Zugverkehrs waren nicht nur zwei Eurocitys, sondern auch ein Fernzug von Nizza nach Moskau betroffen. Er wurde laut Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) über eine andere Route umgeleitet. Ein Regionalexpress aus Österreich in Richtung Italien kehrte am Abend um.

In Norditalien stand das öffentliche Leben in vielen Gegenden wegen des Coronavirus-Ausbruchs ohnehin praktisch still. Die Zahl der Infizierten lag am Sonntagabend bei mehr als 150, damit ist Italien das Land mit der höchsten Zahl an bestätigten Erkrankten in Europa. Bereits zum Zeitpunkt des Zwangsstopps des Eurocitys am Brenner war ein Teil des Zuges isoliert worden. Die österreichischen Behörden bestanden darauf, dass zwei Ärzte an Bord gehen. Die Angst erwies sich als unbegründet. Die beiden erkrankten Frauen wurden nach Angaben des österreichischen Innenministeriums in Verona negativ auf das Virus getestet. So wurden die Passagiere der beiden am Brenner gestoppten Züge vor der Weiterfahrt kurz vor Mitternacht in einem der Eurocitys zusammengesetzt. Das österreichische Innenministerium teilte mit, bei allen Passagieren, die in Österreich aussteigen, würden die persönlichen Daten registriert.

Eine Südtiroler Journalistin erzählte dann nach ihrer Ankunft in München, die Polizei habe im Zug Reisende befragt, woher sie kämen und wohin sie wollten. Registriert worden seien sie im Zug aber nicht. Die 40-Jährige selbst war beruflich auf dem Weg in die deutsche Hauptstadt zur Berlinale. Ihr Abendzug zur Weiterfahrt von München aus war längst weg - sie musste auf den nächsten frühmorgens warten. Ebenso eine 27-Jährige aus Hamburg, die sie unterwegs kennengelernt hatte und die nun mit dem ersten Zug am frühen Morgen in den Norden wollte. Doch zuvor machten sich die beiden erst einmal auf die Suche nach einem heißen Kaffee.

Am Infoschalter der Bahn bildete sich schnell eine lange Schlange. Viele Reisenden wollten eigentlich noch in der Nacht weiter. Der Eurocity, mit dem sie angekommen waren, rollte eine gute halbe Stunde nach Ankunft Punkt 2.30 Uhr wieder aus dem Münchner Hauptbahnhof in die Nacht. Zu dieser Zeit waren auch schon die meisten Wartenden am Servicepoint bereits wieder weg. Die Deutsche Bahn geht davon aus, dass der Zugverkehr mit Italien an diesem Montag wieder planmäßig läuft.

Quelle: ntv.de, Roland Freund und Holger Mehlig, dpa