Panorama

München gedenkt der Amok-Opfer "Beschütze diese schöne Stadt"

Der Amoklauf von München hat nicht nur die Stadt geschockt. Groß ist die Anteilnahme auf der Trauerfeier für die neun Opfer. Bundespräsident Gauck ruft die Gesellschaft zum Zusammenhalt auf. Besonders bewegend ist ein muslimisches Gebet.

Bundespräsident Joachim Gauck hat Staat und Gesellschaft beim Trauerakt zum Gedenken an die Opfer des Münchener Amoklaufs zum Zusammenhalt aufgerufen. "Eine Allianz von Staatsorganen und wacher, aktiver Bürgergesellschaft bleibt die beste Versicherung dagegen, dass das zynische Kalkül der Gewalttäter aufgeht", sagte Gauck in München. Taten von Amokläufern und Terroristen dürften die Menschen nicht in immerwährende Furcht stürzen. "Wir werden nämlich bleiben, was wir sind: eine mitmenschliche, solidarische Gesellschaft." Zugleich forderte er Wachsamkeit. Die Gesellschaft dürfe Menschen, die in Gewalt abzudriften drohten, nicht allein lassen.

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Bundespräsident Gauck forderte Zusammenhalt, aber auch Wachsamkeit.

(Foto: dpa)

Gauck sprach auf dem Trauerakt der Bayerischen Staatsregierung, des Bayerischen Landestages und der Landeshauptstadt München, an dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer sowie Angehörige der Opfer teilnahmen. Auch Bundesratspräsident Stanislaw Tillich, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter sowie eine Reihe Berliner und bayerischer Minister nahmen daran teil. Damit wurde der Opfer des Amoklaufes eines jungen Deutsch-Iraners vor gut einer Woche in München gedacht. Der Mann hatte in einem Einkaufszentrum neun Menschen getötet, 35 wurden verletzt. Danach nahm er sich selbst das Leben.

"Allzu schnelle Schlüsse verbieten sich"

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Zunächst wird im Münchner Liebfrauendom der Opfer gedacht - etwa mit neun brennenden Kerzen.

(Foto: dpa)

Der Bundespräsident drückte den Hinterbliebenen der Toten und den anderen Opfern und ihren Angehörigen sein Mitgefühl aus. "Niemand kann die Lücke schließen, kann jetzt heilen, was geschehen ist", sagte er. Es müsse aber darüber nachgedacht werden, welche Ursachen Menschen, wie den Täter in München, zu derart mörderischen Taten trieben. Einen absoluten Schutz gegen Täter, vor allem Einzeltäter, gebe es nicht, so Gauck. "So viel Sicherheit kann kein Staat bieten, erst recht kein demokratischer." Aber eine Allianz von Staatsorganen und wacher, aktiver Bürgergesellschaft bleibe die beste Versicherung dagegen, dass das zynische Kalkül der Gewalttäter aufgehe.

Gauck rief zudem zu mehr Aufmerksamkeit, Verständnis und Hilfe für psychisch Kranke auf. "Die Gesellschaft darf diese Menschen, gerade junge Menschen, nicht allein lassen und dulden, dass sie auf gefährliche Weise zu Randständigen werden", sagte Gauck.

Seehofer sprach angesichts des Amoklaufs vom wohl schwierigsten Moment in seinem Leben. Diese Tat, aber auch die Attentate von Würzburg und Ansbach hätten sich in die Herzen der Menschen gebrannt. "Bayern ist im Mark getroffen." Erneut forderte Seehofer von der Bundesregierung mehr Engagement im Kampf gegen den Terrorismus. "Sicherheit ist das höchste Gut einer Demokratie, die oberste Pflicht des Staates. Eine Regierung darf nicht tatenlos zusehen, wenn die Sicherheit der Bevölkerung auf dem Spiel steht."

"Unsere Menschlichkeit nicht zu verlieren"

Zuvor hatte es einen ökumenischen Gottesdienst im Münchner Liebfrauendom gegeben. Der Münchner Kardinal und Erzbischof Reinhard Marx und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm leiteten gemeinsam die Feier. Für die Opfer wurden neun weiße Kerzen entzündet. Da sieben der Getöteten Muslime waren, sprach auch eine Vertreterin des islamischen Glaubens ein Gebet. "Allah, wir bitten Dich um Hilfe für uns, unsere Menschlichkeit nicht zu verlieren", sagte Dhahri Hajer vom Muslimrat München.

Alle Menschen seien Kinder Adams, betonte Hajer, unabhängig von Nationalität, Religion oder Hautfarbe. Sie erinnerte an den Koran, in dem es sinngemäß heiße: "Wer einen Menschen tötet, so ist es, als ob er alle Menschen tötet." An Allah richtete sie den bewegenden Appell: "Beschütze diese schöne Stadt und ihre Bewohner, beschütze Deutschland." Das Land solle davor bewahrt werden, in einen "Kreislauf des Hasses und der Gewalt" zu verfallen. An dem Gottesdienst beteiligten sich auch Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche und des Judentums.

Marx wandte sich direkt an die Angehörigen der Opfer, sprach ihnen Anteilnahme aus und versuchte, Trost zu spenden: "Diese Toten sind nicht ins Nichts zurückgestoßen. Sie leben." Versöhnung sei das Gebot der Stunde. Nicht das Trennende, sondern das Verbindende müsse ins Blickfeld rücken - unabhängig von Religion und Herkunft. Bedford-Strohm sagte, nach dem Erschrecken der Tatnacht und nach weiteren schlimmen Nachrichten und aus anderen Orten sei es nun Zeit, inne zu halten. "Uns alle bewegt die Frage, wie wir jetzt in die Zukunft gehen sollen." Vielleicht könne aus dem Erschrecken dieser Tat ja eine neue Achtsamkeit für die Kostbarkeit des Lebens entstehen.

Erst im Anschluss an die Trauerfeiern im Dom und im Landtag wollten Gauck, Merkel, Seehofer und Reiter sich unbeobachtet von der Öffentlichkeit mit den Angehörigen treffen. Ein intimes Trauergespräch sollte dies werden - weitab der öffentlichen Debatten, nur über die Sorgen der Familien.

Quelle: ntv.de, mli/rts/dpa/AFP