Panorama

Drosten zu Antikörpertests Bevölkerung ist nicht stark durchseucht

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Antikörpertests sind laut Professor Drosten derzeit noch nicht zuverlässig genug.

(Foto: imago/Westend61)

Laut Virologe Drosten hat die aktuell geltende Kontaktsperre zur Folge, dass die meisten Ansteckungen derzeit in den Privathaushalten stattfinden. Außerdem erklärt der Wissenschaftler das Problem der Antikörpertests zum aktuellen Zeitpunkt der Epidemie und empfiehlt Corona-Taxis.

Seit gut zwei Wochen gilt deutschlandweit die Kontaktsperre. Aktuelle Zahlen deuten darauf hin, dass sie erfolgreich ist - das Wachstum bei den Neuinfektionen sank zuletzt auf gut drei Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit Anfang März. Nun fänden die meisten Infektionen in Privathaushalten statt, sagte der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité im täglichen NDR-Podcast. Aufgrund der Kontaktsperre sei das wenig verwunderlich. Man könne daher nicht sagen, wo ansonsten die meisten Infektionen stattgefunden hätten. Alltagssituationen seien derzeit ausgeschaltet, sodass man sich keine Situation exemplarisch anschauen könne. "Wir stehen im Moment am Anfang dieser Epidemie, und in dieser Anfangsphase gibt es Mechanismen, die anders laufen, als in einer Phase, in der das Infektionsgeschehen in der Bevölkerung mehr gesättigt ist und andere Übertragungsnetzwerke zur Verfügung stehen", erklärt er weiter.

Zwar sei die Zahl der Corona-Tests laut RKI in den letzten Wochen gestiegen, doch kämen die Labore an ihre Grenzen. Nicht aber etwa mangels Personal oder Maschinen, sondern weil dringend benötigte Utensilien nicht lieferbar seien. Das können selbst Abstrichtupfer sein. "Wir haben in Deutschland schon sehr früh Bedarf angemeldet. In vielen anderen europäischen Ländern ist der Bedarf aber auch gestiegen", so der Virologe. "Wir sind jetzt in einem begrenzten Markt, wo essenzielle Reagenzien, die nicht beliebig in ihrer Produktion gesteigert werden können, zugeteilt werden." Und er zitiert einen Kollegen zu der Situation in den Laboren: "Wir leben von der Hand in den Mund."

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Fokussierung der Diagnostik verbessern

Zudem sei nicht nur die Quantität der Tests wichtig, sondern auch, "die Fokussierung der Diagnostik zu verbessern." Also da zu testen, wo es wirklich notwendig sei. Zu den drei wichtigsten Maßnahmen, die für die unmittelbare Zeit nach der Kontaktsperre vom medizinischen Bereich vorgeschlagen werden, gehören das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit, das Verbessern der Testqualität und -quantität sowie der Einsatz von besseren Maßnahmen zur Fallverfolgung, Isolierung und Quarantäne wie der Einsatz elektronischer Mittel wie Apps auf Mobiltelefonen.

Risikopatienten bräuchten eher eine Diagnose, damit sie nicht zu spät ins Krankenhaus eingeliefert werden. "Ein Patient mit dieser Erkrankung kann geraume Zeit zu Hause noch gut klarkommen, doch die Lunge wird schlechter und schlechter. Irgendwann ist ein Zeitpunkt erreicht, wo es so schlecht ist, dass er sich eben doch durchringt, ins Krankenhaus zu gehen. Da stellt man dann fest, dass die Lunge schon vollkommen durchinfiltriert ist. Am nächsten Tag geht es schon auf die Intensivstation und alles muss ganz schnell gehen", so Drostens Sorge. Er empfiehlt also das, was es in einigen Städten bereits gibt: Corona-Taxis, geschickt vom Gesundheitsamt. Zeigt eine Person Symptome, wird bei ihm zu Hause ein Test gemacht. Ist dieser positiv, ruft der Hausarzt seinen Patienten alle zwei Tage an, und verschlechtert sich zum Beispiel die Atemfrequenz oder das Fieber sinkt nicht, muss derjenige direkt in die Ambulanz. "Solch eine Steuerung ist kleinteilig und extrem arbeitsaufwendig. Und die lässt sich nicht exponentiell steigern, wie sich die Krankheit exponentiell steigern kann. Das vielversprechendste Mittel ist der Einsatz elektronischer Hilfsmittel, der Einsatz von Mobilfunk-Apps", ist sich Drosten sicher.

Antikörpertests nicht zuverlässig

Doch was bringen die Antikörpertests wirklich, auf denen nun viel Hoffnung liegt? Auch hier ist Professor Drosten vorsichtig: "Der Antikörpertest zeigt nicht direkt die Immunität an, denn die besteht aus mehreren Abteilungen des Immunsystems. Wir können aber den Test als Indikator sehen für eine durchgemachte Erkrankung." Ein solcher Test habe aber auch seine Schwächen. "Sie reagieren fast alle kreuz, das heißt, sie geben falsche positive Signale, wenn jemand gerade eine Infektion mit einem der bekannten Erkältungscoronaviren hinter sich hat. Das sind vier verschiedene Viren. Es kann passieren, dass wir so jemanden testen und der Test positiv ist. Doch in Wirklichkeit hatte derjenige gar nicht das neue Coronavirus, sondern ein altbekanntes vor ungefähr einem Monat."

Momentan kämen hier zwei Dinge zusammen: ein nachlaufender Effekt und die sehr geringe Infektionsdichte von echten Sars-2-Infektionen. "Wir sind hier nicht mitten in einer Epidemie, sondern am Anfang und haben dann gleich die Kontaktsperre verhängt. Die Bevölkerung - auch wenn es hohe und steigende Meldezahlen gibt - ist nicht stark durchseucht. (...) Wir brauchen trotzdem eine Grundlinie, einen Ausgangszustand, der in diesen Wochen erhoben werden muss. Diese Untersuchungen müssen dann wiederholt und wiederholt werden, damit man sieht, wie viele Antikörperträger pro Woche dazu kommen. Insbesondere, wenn die Maßnahmen gelockert werden, denn dann infizieren sich Personen wieder schneller." Hongkong habe das schon gut aufgearbeitet. Dort werde wochengenau die derzeitige Reproduktionsrate der Epidemie bestimmt und veröffentlicht, "sodass man immer genau weiß, wo man steht. Wie viele Personen steckt ein Infizierter an? Bei R=1 infiziert eine Person eine weitere. Bei R=2, wie wir sie im Moment haben, gibt es eine exponentielle Vermehrung." Ziel ist es, die Reproduktionsrate alias R unter 1 zu senken.

RKI-Zahlen verlässlicher als Johns-Hopkins-Statistik

Die Zahlen der Neuinfektionen des Robert-Koch-Instituts weichen nicht selten stark von denen ab, die die Johns-Hopkins-Universität in Baltimore veröffentlicht. Drosten aber ist sich sicher, dass sie die verlässlicheren sind. Während das RKI seine Informationen auf elektronische Meldungen aus den Ländern stützt und so leichte Verzögerungen in Kauf nimmt, werden bei Johns-Hopkins unter anderem auch von Journalisten recherchierte Zahlen aus unterschiedlichen Quellen herangezogen, die nicht zu verifizieren seien.

"In allen möglichen Ländern sind die offiziellen Zahlen eines staatlichen Instituts niedriger als die von der Johns-Hopkins-Universität", so Professor Drosten. Es würden verschiedene Quellen zusammengewürfelt, so seien auch Zahlen aus Zeitungsmeldungen dabei, die von Teams ausgewertet würden. "Da werden auch mal Sachen doppelt gezählt. Die korrigieren sich dann sicher hinterher zurück. Nach ein paar Tagen gucken sie auf die staatlichen Institute. Insgesamt ist die Johns-Hopkins-Statistik etwas für die Veranschaulichung." Man sehe daran gut Tendenzen. Um die Epidemie einzuschätzen, müsse man aber mit den offiziellen Zahlen arbeiten. Ob diese von gestern oder von vorgestern seien, wäre dabei nicht so wichtig. "Das RKI ist die einzige harte, verlässliche Quelle. Danach muss die Politik entscheiden und die Wissenschaft ihre Einschätzungen finden."

Auch ntv.de führt eigene Berechnungen zu den Fallzahlen durch, die oft über den Zahlen des RKI liegen. Diese beruhen auf den tagesaktuellen Meldungen der Bundesländer, die auch das RKI für seine Auswertung verwendet. Da das RKI die Zahlen noch genauer analysiert und auch auf Gesundheitsämter in den Landkreisen zurückgreift, benötigt es länger, diese Meldungen zu verarbeiten. Zudem ist die Meldefrist beim RKI Mitternacht des laufenden Tages.

Quelle: ntv.de, nan