"Kulturelle Lücke von 20 Jahren"Böhmermann fordert Mut von ARD und ZDF

ARD und ZDF sind im digitalen Zeitalter auf der Strecke geblieben - das zumindest sagt Jan Böhmermann. Der Satiriker kritisiert auf einer Tagung die technische Entwicklung der öffentlich-rechtlichen Sender. Außerdem mache er sich große Sorgen.
Um im digitalen Zeitalter bestehen zu können, müssen sich die öffentlich-rechtlichen Sender nach Ansicht von Satiriker Jan Böhmermann noch viel stärker als bisher öffnen. "Technisch und kulturell haben die Sender eine Lücke von 20 Jahren zu überbrücken, in der sie sich wenig um technische Entwicklungen gekümmert haben", sagte Böhmermann am Montag bei einer Tagung des Grimme-Forschungskollegs in Köln. "Die Bereitschaft, Neues zuzulassen und auch mal zu scheitern, geht gegen Null." ARD und ZDF müssten noch lernen, mit Kritik und Zuschauerreaktionen umzugehen. "Der Diskurs findet statt, und man sollte sich daran beteiligen und aushalten, dass es verschiedene Meinungen gibt", sagte der Moderator.
Böhmermann zeigte sich besorgt, dass die Sender angesichts der digitalen Transformation abgehängt werden könnten. "Die fehlende Bereitschaft macht mich nervös", sagte er auf der Tagung unter dem Titel "Mehr - Medien: Programm 2020". "Ich finde es bedenklich, dass die Neue Rechte die sozialen Medien viel schneller verstanden hat als die Leute, die geradeaus denken können. Diese Leute sind alle längst da, wo die öffentlich-rechtlichen Sender leider noch nicht sind."
Er schätze sich indes glücklich, in der Affäre um sein Schmähgedicht über den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan die juristische Unterstützung des ZDF hinter sich zu haben, betonte der Moderator des "Neo Magazins Royale". "Das hat meine Crew und mich in den vergangenen Monaten bei der Stange gehalten", sagte Böhmermann. Er bereue sein Vorgehen nicht, sondern würde alles noch einmal genauso machen.
Jugendangebot soll U30-Gruppe auffangen
Auch Sophie Burkhardt, stellvertretende Programmgeschäftsführerin des neuen öffentlich-rechtlichen Jugendangebots "Funk", betonte die Bedeutung der Diskursfunktion moderner Medien. Zu jedem der rund 40 neuen "Funk"-Formate gehöre es, nach bestem Wissen Position zu beziehen und "einen Diskursraum aufzumachen". "Es geht nicht darum, dass ein Redakteur wie Gott sagt, das ist richtig, und das ist falsch", sagte sie. "Kein Beitrag steht im luftleeren Raum."
Das am 1. Oktober gestartete Jugendangebot stehe nun vor der Herausforderung, Reichweite zu erzielen, sagte Burkhardt. Derzeit würden etwa 30 neue Formate entwickelt. Welche davon ein Erfolg sein würden, sei völlig offen. "Es wäre ja ein Zauberkunststück gewesen, wenn wir innerhalb von einem Monat schon unsere Zielgruppe von mehr als 14 Millionen Menschen erreicht hätten", erklärte sie. "Unser Ziel ist erreicht, wenn die Zielgruppe die Formate kennt, mag und diese Teil ihres Lebens sind."
Der stellvertretende ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Lutz Marmor betonte, junge Leute seien auch für das lineare Fernsehen nicht verloren. Die unter 30-Jährigen sähen im Durchschnitt zwei Stunden täglich fern, die Marktanteile von Sendungen wie der "Tagesschau" seien stabil. ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler zeigte sich erfreut über die Beauftragung für "Funk". "Ich weiß nicht, ob wir uns sonst so konsequent und so intensiv um diese Zielgruppe gekümmert hätten", räumte er ein. Man hoffe, über "Funk" die junge Zielgruppe langfristig auch an das Fernsehen binden zu können.