Panorama

Auf Schienen quer durch EuropaBrüssel verschenkt Interrail-Tickets

04.03.2018, 11:29 Uhr
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Ein Ticket, ein Rucksack - und jeden Tag neue Leute (gestellte Aufnahme): Die EU-Kommission greift mit der Verlosung von Interrail-Tickets einen populären Vorschlag von Aktivisten auf. (Foto: dpa)

Die EU-Kommission stellt Tausende Interrail-Tickets gratis zur Verfügung, um der jungen Generation den europäischen Gedanken ans Herz zu legen. Aber haben Schulabgänger in Zeiten von Billigfliegern überhaupt noch Lust auf lange Bahnfahrten?

Heute Schweiz, morgen Italien und dann ab nach Griechenland - nicht mit Flugzeugen, sondern mit Zügen: Generationen junger Leute haben in den vergangenen Jahrzehnten so den Kontinent erkundet. Nach dem Abi erstmal Interrail, lautete das Motto. Ein Interrail-Ticket versprach für mehrere Wochen freie Fahrt auf Bahnstrecken, die auf mehr als 250.000 Kilometern quer durch ganz Europa führen. Wer stundenlange Reisen mit Rucksack auf mitunter unbequemen Sitzen nicht scheut, kann so für vergleichsweise wenig Geld viele Länder entdecken.

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1982 am Hamburger Hauptbahnhof: Drei Jugendliche auf ihrer Interrail-Fahrt. Dieser nostalgischen Idee möchte die EU wieder neuen Schwung geben. (Foto: picture alliance / Werner Baum/d)

In Zeiten von Billigfliegern scheint das 1972 ins Leben gerufene Konzept ein bisschen nostalgisch. Doch jetzt bekommt die Idee durch ein Projekt der EU-Kommission neuen Schwung. Die Brüsseler Behörde will dieses Jahr bis zu 30.000 jungen Leuten ein solches Ticket zur Verfügung stellen. Im EU-Haushalt sind dafür rund zwölf Millionen Euro vorgesehen.

Die Pläne gehen zurück auf einen Vorschlag des Europäischen Parlaments, allen Europäern zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket zu schenken. Vorgebracht hatte ihn vor anderthalb Jahren unter anderem der CSU-Europaabgeordnete Manfred Weber. Weber und andere EU-Politiker griffen damit einen Vorschlag auf, der ursprünglich von den beiden Aktivisten Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer stammt.

Mit Bahnfahrten lerne man Land und Leute im Gegensatz zu anderen Reisemöglichkeiten "viel intensiver" kennen, erklärte der Europaabgeordnete Weber. "Das Interrail-Ticket bringt Menschen zusammen und hilft, dass Europa zusammenwächst."

Darauf hofft letztlich auch die EU-Kommission. Dass das Interrail-Ticket die europäische Idee tatsächlich fördern könnte, lassen verschiedene Kommentare im Netz vermuten. Ein Nutzer schrieb auf Twitter: "Mit #Interrail hab ich nach der Schule Europa kennen und lieben gelernt, und viele andere auch." Kritisch fügte er hinzu: "Ist aber teuer geworden mittlerweile - deshalb gut, dass die EU es allen ermöglicht."

Wer fährt lieber Zug, als zu fliegen?

"Allen" ist freilich nicht ganz richtig: Geplant ist nach Angaben aus EU-Kreisen bislang, dass sich junge Leute auf einem Internetportal bewerben können - wahrscheinlich werden sich deutlich mehr Leute melden, als Tickets bezahlt werden können. Dann wird eine Auswahl per Losentscheid getroffen. Im Sommer sollen die ersten Glücklichen verreisen können.

Ein Interrail-Ticket kostet je nach Gültigkeitsdauer für junge Erwachsene bislang zwischen 200 und 500 Euro. Wollte die EU jedem Bürger, der gerade 18 geworden ist, ein solches Ticket kaufen, lägen die Kosten Schätzungen zufolge bei mehr als einer Milliarde Euro. Weber will sich als Fürsprecher der Idee weiter dafür einsetzen. Das Geld, so heißt es, sei damit sehr viel besser angelegt als andere Förderprogramme der EU, mit denen der europäische Zusammenhalt gestärkt werden soll.

Der Fahrgastverband Pro Bahn begrüßt die EU-Pläne grundsätzlich. "Es ist gut, wenn man versucht, junge Menschen zum Bahnfahren zu bringen", sagt Sprecher Karl-Peter Naumann. Allerdings müsste man aus seiner Sicht generell Zugfahren für Heranwachsende attraktiver machen - und zwar mit Ermäßigungen, auch national.

Andere Stimmen beurteilen den Vorstoß kritisch. "Wer setzt sich heute stundenlang in einen Zug, wenn er für 20 Euro viel schneller von Berlin nach Barcelona oder für 35 Euro von Hamburg nach Stockholm fliegen kann?", lautet eine typische Frage. Befürworter halten dagegen, dass die Idee Reisende anziehen dürfte, die nach Entschleunigung suchen, die durch das Fenster des Zuges die vorbeiziehende Landschaft beobachten wollen - oder die auf der Suche nach Abenteuern sind.

Die Nachfrage scheint jedenfalls vorhanden: Nach Angaben der Eurail Group wurden 2016 mehr als 250.000 Interrail-Tickets geordert. Damit verzeichnet das Angebot deutliche Zuwächse: 2005 habe man dagegen nur rund 100.000 Tickets verkauft, heißt es.

Dass die Entdeckung Europas per Zug immer noch junge Menschen begeistert, lässt sich auch auf Instagram beobachten. Eine Suche mit dem Schlagwort #Interrail bringt Hunderttausende Ergebnisse mit Bildern und Eindrücken aus allen Ecken Europas . Die Aufnahmen zeigen etwa Reisende im italienischen Bologna, an der Berliner Mauer oder mit Rücksäcken bepackt an einem verschneiten Schweizer Bahnhof. Die Stichprobe belegt: Interrail lebt.

Quelle: Tom Nebe, dpa

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