Panorama

Verdächtiger im Fall Maddie Christian B. kam wegen Justizpanne frei

Der Verdächtige Christian B. im Fall der verschwundenen

Der Verdächtige Christian B. im Fall der verschwundenen Maddie verbüßte bereits 2018 eine Haftstrafe wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes.

(Foto: picture alliance / Steve Parsons)

Der verdächtige Deutsche im Fall Maddie kommt vor zwei Jahren in Schleswig-Holstein aus dem Gefängnis frei. Knapp vier Wochen reist er unbehelligt durch Europa - obwohl noch eine alte Strafe offen ist. Die Freilassung scheint auf einen Justizfehler zurückzugehen.

Der Verdächtige im Fall der vor 13 Jahren verschwundenen Madeleine (Maddie) McCann ist laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) vor knapp zwei Jahren in Schleswig-Holstein zeitweise aus der Haft entlassen worden. Der 43-jährige Deutsche habe sich anschließend frei in Europa bewegen können und sei nach Italien gereist. Seine Freilassung erfolgte demnach allerdings nicht, weil die Justiz nichts mehr gegen ihn in der Hand gehabt hätte. Sondern nur, weil die Staatsanwaltschaft Flensburg zu spät handelte.

Christian B. verbüßte im August 2018 eine Haftstrafe wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes. Wenige Tage bevor diese Strafe am 31. August auslaufen sollte, wurde die Staatsanwaltschaft Flensburg aktiv. Die Juristen wollten verhindern, dass Christian B. auf freien Fuß kommt. Mithilfe einer noch offenen, alten Strafe wegen Drogenhandel auf Sylt wollte die Staatsanwaltschaft die Freilassung verhindern. Das Amtsgericht im nordfriesischen Niebüll hatte ihn dafür bereits am 6. Oktober 2011 zu einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Ursprünglich war diese Strafe zur Bewährung ausgesetzt worden.

Das damalige Problem: Um diese ältere Strafe zu vollstrecken, musste die Staatsanwaltschaft Flensburg aber erst die Justiz in Portugal um ihr Einverständnis bitten. Von dort war Christian B. im Juli 2017 nach Schleswig-Holstein ausgeliefert worden. Bei dem Antrag auf Auslieferung hatte die deutsche Justiz damals das alte Urteil wegen Drogenhandels jedoch nicht erwähnt. Ohne Einverständnis Portugals durfte die deutsche Justiz nun wegen des sogenannten Spezialitätsgrundsatzes nicht darüber hinausgehen.

Vier Wochen auf freiem Fuß

Den neuen Antrag habe die Staatsanwaltschaft dann sehr spät gestellt. Christian B. sei deshalb Ende August aus der Haft entlassen worden. "Am 18. oder 19. September 2018 reist er in die Niederlande aus und begab sich später nach Italien", zitiert die SZ aus dem Schreiben des Bundesgerichtshofs vom April dieses Jahres. Erst am 27. September 2018 sei er wieder festgenommen worden. Es dauerte folglich vier Wochen bis die Flensburger Staatsanwaltschaft erneut einen Europäischen Haftbefehl erwirkt und die italienischen Behörden Christian B. gefasst hatten. Seither sitzt er in Kiel in Haft.

Der Bundesgerichtshof hat offengelassen, wem genau hier ein Vorwurf zu machen ist - ob also vielleicht auch die portugiesische Justiz zu langsam reagiert hat. Aber der Jurist Peter Rackow, Experte für Rechtshilfe der Universität Göttingen, hat eine deutliche Einschätzung. "Wenn da ein unverbüßtes deutsches Urteil im Raum steht, dann ist das ganz klar die Verantwortung der zuständigen Staatsanwaltschaft", sagt er. "Sie ist in Deutschland für Strafvollstreckung zuständig. Wer sollte sich sonst darum kümmern?"

Über die Gründe der Verzögerung macht die Staatsanwaltschaft Flensburg bisher keine Angaben und verweist darauf, dass das aktuelle Verfahren im Fall Maddie bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig läuft.

Christian B. hat ein langes Vorstrafenregister wegen sexueller Gewalt. Unter anderem waren Videos und ein Chat aufgetaucht. Mit einem Handy war er nahe der Ferienanlage eingeloggt, aus der die damals 3 Jahre alte Maddie verschwand. Auch seine beiden Autos und Häuser aus jener Zeit in Südportugal sind bekannt, die Polizei sucht jetzt nach weiteren Zeugen.

Quelle: ntv.de, ysc/AFP