Panorama

Zweite Welle, neuer Lockdown Israel zieht die Virus-Notbremse

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"Was haben Sie bisher gemacht?" Die Corona-Politik der israelischen Regierung stößt in der Bevölkerung auf Kritik.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Pandemie zwingt Israel neue Belastungen auf: Zum zweiten Mal binnen eines halben Jahres müssen die rund neun Millionen Einwohner des Landes mit massiven Einschränkungen leben. Premier Netanjahu erzürnt nicht nur orthodoxe Juden.

Der Anstieg der Fallzahlen lässt den Israelis keine andere Wahl: Im Kampf gegen das Coronavirus muss Premierminister Benjamin Netanjahu die Auflagen zur Eindämmung der Pandemie erneut verschärfen. In einer landesweit übertragenen TV-Ansprache begründete Netanjahu den unpopulären Schritt am Sonntag mit den rapide zunehmenden Neuinfektionen.

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Die neuen Maßnahmen, die zunächst auf drei Wochen befristet sind, sollen ab dem kommenden Freitag gelten. Ab diesem Stichtag treten Einschränkungen in Kraft, die weit über die von Ende März bis Anfang Mai verhängten Auflagen während des ersten Lockdowns hinausgehen. Zugleich greift die Corona-Politik der israelischen Regierung damit tief in das Familienleben von Millionen Israelis ein. Ende der Woche beginnt das jüdische Neujahrsfest. Zehn Tage später folgt mit Jom Kippur der höchste Feiertag im jüdischen Jahreslauf.

Die geplanten Feierlichkeiten und Familienzusammenkünfte müssen in diesem Jahr wohl ausfallen. Vorgesehen sind den Ankündigungen zufolge unter anderem folgende Vorschriften:

  • In Innenräumen dürften während des Lockdowns nicht mehr als zehn Personen zusammenkommen. Bei Versammlungen im Freien liegt die zulässige Grenze bei 20 Teilnehmern.
  • Schulen und Einkaufszentren bleiben geschlossen.
  • Die Bevölkerung wird aufgerufen, sich während des Lockdowns nicht weiter als 500 Meter von ihrer Wohnung zu entfernen (Arbeitswege ausgenommen).

"Das werden keine Feiertage, wie wir sie gewohnt sind", räumte Netanjahu ein. "Sicherlich werden wir sie diesmal nicht zusammen mit unseren erweiterten Familien feiern können." Tatsächlich wirkt sich insbesondere die erste Lockdown-Auflage nicht nur auf den Alltag, sondern massiv auch auf das religiöse Leben in Israel aus. Die Beschränkung der Teilnehmerzahl macht gemeinsame Gebete in Synagogen im gewohnten Rahmen nahezu unmöglich.

Schon jetzt schlägt Netanjahu innenpolitisch erheblicher Gegenwind entgegen. Wohnungsbauminister Yaakov Litzman, der Chef der ultra-orthodoxen Aguda-Partei, trat aus Protest zurück. Er drohte zudem, mit seiner gesamten Fraktion aus dem Regierungsbündnis auszuscheren. "Diese Maßnahme stößt Hunderttausende Bürger vor den Kopf", kritisierte er. "Was haben Sie bisher gemacht? Warum werden solche Maßnahmen ausgerechnet an hohen jüdischen Feiertagen umgesetzt?" Litzman, der bis vor wenigen Monaten noch dem Gesundheitsministerium vorstand, war Berichten zufolge selbst schon mit dem Coronavirus infiziert - nachdem er in aller Öffentlichkeit gegen offiziell geltende Auflagen verstoßen hatte.

Pandemie-Warnsignale auf Rot

Tatsächlich befindet sich Netanjahu in einer schwierigen Lage. Die erste Ansteckungswelle im Frühjahr konnte bis Anfang Mai noch vergleichsweise effektiv eingedämmt werden. Ab Juni jedoch setzte bei den Fallzahlen ein zunächst schleichender Anstieg ein. Den gesamten Sommer über lag die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen deutlich über dem Niveau der ersten Welle. Seit Anfang September zieht das Fallaufkommen drastisch an. Bei gerade einmal 9,1 Millionen Einwohnern im Land zählt Israel derzeit Tag für Tag im Schnitt mehr als 1500 Neuinfektionen - mehr als zum Beispiel Deutschland, wo rund neunmal mehr Menschen leben. Zugleich liegt die Zahl der täglich gemeldeten Todesfälle in Israel schon jetzt über dem Niveau des Frühjahrs.

Viel Spielraum bleibt den israelischen Behörden damit nicht. Ohne Gegenmaßnahmen droht die Pandemie in Israel vollends außer Kontrolle zu geraten. Nahezu alle Indikatoren stehen auf Rot: Die Klinikauslastung liegt bei den Intensivkapazitäten in manchen Einrichtungen bereits nah an der 90-Prozent-Marke oder darüber. Landesweit befinden sich mehr als 500 Covid-19-Patienten mit schwerem Verlauf in Behandlung - die von der Regierung selbst gesetzte Warnschwelle liegt bei 250. Und auch an der Test-Front zeichnet sich keine Entspannung ab: In den vergangenen Tagen stießen die Labore bei fast jeder zehnten Probe auf einen positiven Befund. In Deutschland liegt diese Quote seit Wochen deutlich unter 1,0 Prozent.

Die Corona-Politik Netanjahus stößt aber nicht nur unter religiösen Juden auf scharfe Kritik. Der neuerliche Lockdown wird auch die israelische Wirtschaft massiv belasten. Zwar bleiben Lebensmittelgeschäfte und Apotheken geöffnet, und auch der Betrieb in Büros und Fabriken soll - bis auf den Kundenverkehr - weitgehend ungestört weiterlaufen. Doch insgesamt dürften die privaten Konsumausgaben vor und während der Feiertage deutlich unter den Vorjahren bleiben. Das israelische Finanzministerium bezifferte die voraussichtlichen Kosten bereits auf 6,5 Milliarden Schekel (rund 1,6 Milliarden Euro). Israel befindet sich als Folge des ersten Lockdowns bereits in einer Rezession.

Vor diesem Hintergrund muss die israelische Regierung eine heikle Gratwanderung wagen: Unabhängig von allen innenpolitischen Erwägungen und der Rücksicht auf das religiöse Leben versuchen die Behörden vor allem zu verhindern, dass es während der anstehenden Feiertage zu einer innerisraelischen Reisewelle kommt. Dann nämlich, so steht zu befürchten, käme es unausweichlich auch zu einer Ausbreitung des Erregers über die Altersgrenzen hinweg. Wenn es dem Virus gelingen sollte, wieder bis in die besonders gefährdeten Risikogruppen vorzudringen, dann wäre wohl - in Israel und allen anderen betroffenen Ländern - kaum noch zu verhindern, dass auch die Zahl der Todesfälle sprunghaft ansteigt.

Quelle: ntv.de