Panorama

Epidemiologe Ulrichs bei ntv "Delta ist verdrängt - ein gutes Zeichen"

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Der Epidemiologe Timo Ulrichs - hier im Gespräch mit ntv-Moderatorin Nele Balgo - ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Der weitaus größte Teil aller Corona-Infektionen fällt in Deutschland auf die Omikron-Variante - nach allem, was man bisher weiß, ist das eine gute Nachricht. Dem Virus freien Lauf zu lassen, wäre trotzdem keine gute Idee, wie Epidemiologe Ulrichs bei ntv erklärt.

ntv: Ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, dass Omikron jetzt so dominant ist?

Timo Ulrichs: Dass Delta verdrängt ist, ist eigentlich ein gutes Zeichen, denn mit Delta hatten wir ja wesentlich mehr Probleme und schwere Verläufe. Der Anteil von Leuten, die ins Krankenhaus mussten, war höher. Jetzt haben wir zwar eine ziemlich hohe Durchseuchung und das wird auch noch weiter nach oben gehen, aber der Anteil derjenigen, die eine Krankenhausbehandlung nötig haben, ist relativ klein. Nur müssen wir eben sehen, dafür sind ja auch die Maßnahmen gut, dass nicht alle auf einmal ins Krankenhaus kommen.

Warum verbreitet sich Omikron in den Städten schneller?

In Ballungszentren finden die Übertragungen häufiger statt, da hat man im Allgemeinen mehr Kontakte als auf dem Land. Darüber hinaus ist natürlich die Testinfrastruktur besser ausgebaut und man kommt leichter an Antigen-Schnelltests. Man hat also ein etwas klareres Bild. Das heißt umgekehrt aber auch, dass eine hohe Dunkelziffer erwartet wird, wo nicht so häufig getestet wird. Man muss davon ausgehen, dass die Ballungszentren die Ausgangspunkte sind, von wo aus auch die Peripherie irgendwann miterfasst wird. Aber es gibt sicherlich ein fälschlicherweise zu niedriges Lagebild in anderen Gegenden.

Wer steckt sich denn momentan vor allem an und warum ist das so?

Es sind die Menschen, die viele Kontakte haben, im Gegensatz zu denen, die wenige haben. Eher die jüngeren Erwachsenen zum Beispiel und auch die, die über ihre Arbeit und über weitere Kontakte in ihren Familien auch nochmal eine Art Drehscheibe sein könnten.

Omikron sorgt ja auch für einen deutlichen Anstieg auf den Normalstationen. Wie stark wird sich das auch noch auf die Intensivstationen auswirken?

Es wird sicherlich Fälle geben, die dann leider weitergehen von den Normalstationen auf die Intensivstationen. Allerdings sehen wir ein leicht verändertes klinisches Bild. Das heißt, wir haben wesentlich seltener junge stark Betroffene, bei denen es bis zur Beatmungspflichtigkeit geht. Aber auch bei den oberen Atemwegen und wegen weiterer Komplikationen muss man sehr gut aufpassen, dass diese Menschen ordentlich behandelt werden. Es ist zu hoffen - und das sieht man an den klinischen Bildern auch ganz gut, dass die allermeisten, die ins Krankenhaus kommen, normal auf den Stationen behandelt werden und dann auch wieder rauskommen.

Warum ist von absichtlichen Infektionen unbedingt abzuraten?

Es wird immer davon gesprochen, dass die Omikron-Variante mildere Verläufe macht. Das ist natürlich alles relativ. Milder im Vergleich zu einer Covid-19-Erkrankung, die dann auf der Intensivstation endet, das ist natürlich klar. Aber es gibt durchaus schwere Verläufe. Es gibt das Risiko, dass man mit einer Covid-19-Erkrankung dann noch Folgeerkrankungen hat, im Sinne eines Long-Covid-Syndroms, auch mit Gedächtnisverlust oder Einschränkungen im mentalen Bereich. Das möchte man niemandem wünschen. Und deswegen sollte man hier vorsichtig agieren, für sich selbst und natürlich auch für die Umgebung. Denn letztendlich gilt für Omikron das, was wir schon gelernt haben in der Pandemie. Je älter die Menschen sind, desto höher ist das Risiko für schwerere Verläufe. Wenn wir immer von mild sprechen, dann meinen wir tatsächlich eher, dass die Intensivpflichtigkeit weniger ausgeprägt ist.

Wie sehen Sie die Priorisierung von PCR-Tests?

Wir müssen uns in den nächsten Wochen daran gewöhnen, dass die Testungen nicht mehr so ohne Begrenzungen laufen werden, weil so viele Menschen einen Test nachfragen. Das Erste, was etwas limitiert ist, sind die Virus-PCR-Tests, weil die sehr aufwendig sind. Das sollte man tatsächlich reservieren für Leute, bei denen es wirklich darauf ankommt, dass sie wissen, ob es sich um eine Infektion handelt oder nicht - gerade wenn man mit Menschen Umgang hat, die zu den Risikogruppen gehören. Dann kann man das Nächstbeste machen und Antigen-Schnelltests nehmen. Die sind zwar etwas fehlerbehafteter, aber immerhin geben sie auch noch ein gutes Bild, auch dann, wenn man etwas häufiger testet, um das Zeitfenster zu erwischen, wo man genug Virusmaterial im Nasen-Rachenraum hat, um die Infektion zu erkennen.

Impfstoffhersteller Valneva verkündet, dass in 87 Prozent der Serumproben nach einer dritten Dosis des Totimpfstoffs auch neutralisierende Antikörper gegen Omikron erkannt wurden. Kann der Totimpfstoff von Valneva am Ende der Retter dieser Pandemie sein?

So etwas sehen wir ja auch nach der dritten Impfung mit einem der bereits zugelassenen Impfstoffe. Das ist aber natürlich eine sehr gute Nachricht. Von den Totimpfstoffen erhoffe ich mir vor allen Dingen, dass sich auch die Menschen, die gewartet haben und denen das mit den neuen Impfstoffen zu schnell ging, damit Erstimpfen lassen und dazu beitragen, dass wir aus dieser Pandemie rauskommen.

Mit Timo Ulrichs sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

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