Panorama

Überfälle in Bad SaarowDer "Maskenmann" - was bisher geschah

21.05.2015, 11:18 Uhr
maske
Wie eine Imkermaske sah die Maske aus, die der Täter bei den Überfällen getragen haben soll - daher der Name der Sonderkommission (Soko "Imker"). (Foto: Polizei Brandenburg)

Drei brutale Überfälle und eine Entführung: Im spektakulären "Maskenmann"-Prozess rückt einmal mehr die Polizei selbst in den Fokus. Offenbar hat sie bewusst Spuren zu einem weiteren Verdächtigen verwischt - einem Ex-Polizisten.

Drei brutale Überfälle und eine Entführung am südlichen Stadtrand von Berlin halten die Polizei von August 2011 bis September 2013 in Atem. Im sogenannten "Maskenmann"-Prozess steht Mario K. vor Gericht, dem 47-Jährigen droht eine lebenslange Haftstrafe. Doch laut dem Berliner "Tagesspiegel" sitzt auf der Anklagebank womöglich der Falsche. Ernste Hinweise deuten auf einen anderen Täter - einen Ex-Polizisten. Eine Chronologie der Ereignisse:

22. August 2011: Petra P., getrennt lebende Ehefrau eines Berliner Immobilienunternehmers, wird vor der Familienvilla in Bad Saarow (Brandenburg) von einem maskierten Unbekannten niedergeknüppelt und schwer verletzt.

2. Oktober 2011: Ein maskierter Mann schießt vor dem Anwesen der Unternehmerfamilie auf dessen Tochter Louisa. Die 23-Jährige bleibt unverletzt, aber ein Wachmann wird getroffen und schwer verletzt. Er sitzt seitdem im Rollstuhl. Die Polizei vermutet, dass es sich in beiden Fällen um denselben Täter handelt.

Der mutmaßliche Täter

Mario K. hat die Taten bis heute bestritten. Die Anklage stützt sich auf Indizien. Es gibt keine DNA-Spur von ihm, die Tatwaffe wurde nicht gefunden, auch das Motiv ist unklar. Zudem ist K. 1,85 Meter groß. Zeugen hatten den Täter mit circa1,70 Meter Größe beschrieben.

5. Oktober 2012: Ein maskierter Mann dringt in das Wochenendhaus des Berliner Investment-Bankers Stefan T. am Storkower See ein. Er zwingt die Ehefrau, ihren Mann zu fesseln und entführt ihn auf eine Schilfinsel, um eine Million Euro Lösegeld zu erpressen. Stefan T. kann sich eigenen Angaben zufolge nach 33 Stunden selbst befreien.

17. September 2013: Mario K. wird vor dem Einkaufszentrum "Forum Köpenick" in Berlin festgenommen. Er gilt als dringend tatverdächtig, alle drei Taten begangen zu haben. Laut Polizei gibt es zwar keinen klassischen Beweis, aber eine schlüssige Indizienkette, die gegen den 47-Jährigen spricht. Den Ermittlern zufolge hatte Mario K. seit dem Frühjahr keinen festen Wohnsitz mehr und bezog Geld vom Jobcenter. Er war bereits zwei Mal zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden.

18. September 2013: Gegen Mario K. ergeht Haftbefehl wegen dreifachen versuchten Totschlags und erpresserischen Menschenraubs. Er kommt in Untersuchungshaft.

5. Mai 2014: Prozessauftakt gegen den angeblichen "Maskenmann" vor dem Landgericht Frankfurt (Oder). Die Anklage lautet: versuchter Mord, schwere Körperverletzung, versuchter Totschlag und erpresserischer Menschenraub. Der Angeklagte weist die Vorwürfe zurück. Es wird ein Mammutprozess erwartet: Es gibt Termine bis Oktober, rund 200 Zeugen sollen gehört werden und auch Sachverständige werden geladen. Die Anklageschrift umfasst rund 200 Seiten. Direkte Beweise gibt es bislang offenbar nicht. Nach Angaben von Prozessbeteiligten stützt sich der Prozess rein auf Indizien.

8. Mai 2014: Eines der Opfer des "Maskenmanns" sagt im Prozess aus. Sie erkenne in dem Angeklagten den Mann wieder, der sie im August 2011 in Bad Saarow überfallen und zusammengeschlagen habe, so die Ehefrau des Unternehmers, Petra P..

14. Mai 2014: Ermittler der Sonderkommission werfen der Polizeiführung Brandenburgs vor, die Ermittlungen behindert zu haben. Auch Polizeipräsident Arne Feuring steht im Kreuzfeuer der Kritik.

23. Juni 2014: Zweifel an der Darstellung des zeitweise entführten Managers werden laut. Es sei nicht vorstellbar, wie dieser im Dunklen durch das unwegsame Gelände am Großen Storkower See habe fliehen können, ohne sich im Gesicht oder an den Händen zu verletzen, sagt Gutachter Harald Voß. Bei einem Ortstermin in dem Sumpfgebiet hatte er das Verletzungsrisiko bei der nächtlichen Flucht als sehr hoch eingestuft.

16. September 2014: Eine Kriminologin wird als Sachverständige wegen Befangenheit vom Prozess ausgeschlossen. Sie hatte die Aussagen des Entführungsopfers auf Glaubwürdigkeit untersucht und starke Zweifel an der Tatschilderung geäußert. Laut Gericht hat die Kriminologin ihre fachlichen Kompetenzen überschritten und war voreingenommen.

18. September 2014: Mit einem neuen Zeugen versucht die Anklage ihre Theorie von der Entführung per Kanu zu stützen. Ein Hundebesitzer hatte in der Tatnacht am 22. August 2011 einen Unbekannten mit einem Paddel gesehen.

29. September 2014: Ein Zeuge sagt aus, er habe den "Maskenmann" in Tatortnähe gesehen. Doch seine Aussagen vor Gericht stimmen nicht ganz mit denen früherer Vernehmungen überein. Er kriege seine Beobachtungen zeitlich nicht mehr auf die Reihe, sagt der Mann.

2. Oktober 2014: Die Verteidigung will den Tathergang auf der Insel noch einmal vor Ort nachstellen lassen. Gleichzeitig zeigen die Anwälte des Angeklagten ein Video, das die Aussagen des Opfers massiv in Zweifel zieht.

13. Oktober 2014: Die Schwurgerichtskammer lehnt den Antrag der Verteidigung auf einen weiteren Ortstermin ab. Der Prozess geht in eine weitere Pause. Am 3. November soll er fortgesetzt werden - und erst im Februar 2015 zu Ende gehen.

29. Oktober 2014: Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Brandenburg, Peter Neumann, erhebt im RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg) schwere Vorwürfe gegen die Polizeiführung des Landes Brandenburg im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum "Maskenmann"-Fall: Es sei ein Skandal, dass eine Oberkommissarin wohl wegen ihrer kritischen Haltung von dem Fall abgelöst worden sei.

Der neue Verdächtige

Der 52-Jährige war Polizist bei der Fliegerstaffel Berlin-Brandenburg und sogar an den Ermittlungen beteiligt. Laut "Tagesspiegel" gibt es eine Reihe von Indizien gegen ihn, die seine Kollegen nicht weiter verfolgten. Sein Alibi ist demnach nicht so stichfest wie bislang angenommen. Außerdem kannte er zwei der Opfer. Ein mögliches Motiv könnten Schulden sein. Sein Beamten-Verhältnis wurde laut Polizeipräsidium Brandenburg inzwischen auf eigenen Wunsch beendet. Gegen ihn habe die Einleitung eines Disziplinarverfahrens im Raum gestanden. Angeblich wegen Bestechlichkeit.

1. Dezember 2014: "Maskenmann"-Ermittler stehen im Zeugenstand. Der Beamte berichtet, dass er nach nur einem Monat Arbeit überraschend von dem Fall abgezogen worden sei. Ein Kollege sagt aus, seine offenen Fragen zu dem Fall seien nicht gehört worden.

4. Dezember 2014: Der Chefermittler wird als Zeuge befragt und weist den Vorwurf zurück, er habe die Ermittlungsarbeit behindert. Allerdings räumt er ein, er habe gesagt, dass Fragen zu bestimmten Komplexen nicht gestellt werden dürften.

15. Dezember 2014: Ein Gutachter erklärt Mario K. für schuldfähig. Es gebe keine Hinweise auf psychopathologische Auffälligkeiten, die Auswirkungen auf die Schuldfähigkeit haben könnten, sagt der Sachverständige vor dem Landgericht aus. Ausgangspunkt dieser Feststellung sei, dass die drei Taten von demselben Menschen verübt worden seien - und dass dieser der Angeklagte sei.

18. Dezember 2014: Ein leitender Ermittler bekräftigt seine Zweifel an der Storkower Entführung vom Herbst 2012. Der Polizeibeamte hatte in den Aussagen des Opfers, eines Investment-Managers, Ungereimtheiten gesehen, doch vergeblich versucht, seine Zweifel in die Ermittlungsarbeit einzubringen.

8. Januar 2015: Ein Hauptkommissar sagt im Prozess aus, eine Mitarbeiterin der Mordkommission habe auf Anweisung ihres Chefs aus dem Abschlussbericht an die Staatsanwaltschaft alle entlastenden Maßnahmen für Mario K. herauslassen sollen. Die Mitarbeiterin habe sich geweigert, der Bericht sei dann von einer anderen Polizistin unterschrieben worden. Die Verteidigung spricht von einem "ungeheuerlichen Skandal". Das Landgericht lässt die beiden Polizistinnen als Zeugen vorladen.

22. Januar 2015: Die Schwurgerichtskammer gibt einem Antrag der Verteidigung statt, wonach das Knie von Mario K. untersucht werden soll. Während der "Maskenmann" von Zeugen als "gut zu Fuß" beschrieben wird, soll der Angeklagte beim Laufen Probleme haben – das Resultat einer Schießerei vor 17 Jahren.

12. Februar 2015: Ein Sachverständiger hält es für unwahrscheinlich, dass der mutmaßliche "Maskenmann" in der Lage ist, ein Sumpfgelände zu durchqueren.

19. Februar 2015: Neue Vorwürfe gegen die Ermittlungsleitung im Falle der Entführung des Managers in Storkow werden laut. Einer Beamtin zufolge gab es eine Reihe von Ungereimtheiten. Offene Fragen und Zweifel hätten nicht angesprochen werden dürfen.

17. April 2015: Die Staatsanwaltschaft beginnt mit ihren Plädoyers. Dabei steht zunächst die Glaubwürdigkeit des Entführungsopfers im Mittelpunkt. Scharfe Kritik übt die Anklage an der Presse, die die Glaubwürdigkeit ebenso in Zweifel gezogen hat wie einige Polizisten, die als Zeugen aussagten. Das Entführungsopfer sei einer Hetzjagd ausgesetzt worden, es habe jedoch kein Motiv für eine Inszenierung der Tat gegeben.

29. April 2015: Staatsanwalt Jochen Westphal fordert in seinem Plädoyer eine lebenslange Freiheitsstrafe für den Angeklagten. Er sei durch die Summe der Indizien überführt. So hätten ihn zwei Opfer an körperlichen Besonderheiten und an der Stimme erkannt. Auch "nachweislich falsche Alibifährten" sprächen für seine Täterschaft.

15. Mai 2015: Nach einem Bericht des Berliner "Tagesspiegel" gibt es aus Sicht der Verteidigung neue Erkenntnisse. Der Zeitung zufolge wurde der Verdacht gegen einen Ex-Polizisten womöglich vorschnell zu den Akten gelegt. Unter anderem soll das Handy des früheren Polizisten bei allen Taten zur Tatzeit in der jeweiligen Funkzelle erfasst worden sein. Anhand des Dienstplanes konnte er aber ein Alibi vorweisen. Dieses soll nach "Tagesspiegel"-Angaben durch seine von ihm getrennt lebende Frau erschüttert worden sein.

15. Mai 2015: Der Ex-Polizist erstattet noch am selben Tag, an dem die Vorwürfe an die Öffentlichkeit kommen, Anzeige gegen seine Frau. Zum Inhalt macht das Polizeipräsidium Brandenburg keine Angaben.

17. Mai 2015: Der Fall bekommt mit den Veröffentlichungen auch eine politische Dimension. Die Opposition von CDU und Grünen im brandenburgischen Landtag fordert das Gericht auf, wieder in die Beweisaufnahme einzutreten. Von einem Untersuchungsausschuss sowie dem Austausch des Staatsanwalts ist die Rede.

18. Mai 2015: Die Staatsanwaltschaft weist die Vorwürfe zurück. Der Ex-Polizist habe sich zu der Zeit, in der der Täter laut Aussage des Entführungsopfers am Tatort war, im Dienst befunden.

Nach bisheriger Planung könnte im Juni ein Urteil in dem Prozess gesprochen werden. Sollte jedoch das Gericht - beispielsweise auf Antrag der Verteidigung - erneut in die Beweisaufnahme eintreten, wäre ein Ende wohl wieder offen.

Quelle: ntv.de, dsi

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