Panorama

Trump, der Erlöser?Der Präsident, der Papst und die sieben Berge

10.05.2026, 08:38 Uhr Mittel-Fabian-Maysenhoelder-Fotoatelier-EbingerVon Fabian Maysenhölder
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Scheut sich nicht, Donald Trump zu attackieren: Papst Leo. (Foto: AP Photos/Evan Vucci and Gregorio Borgia)

Donald Trump attackiert den Papst wie kaum ein anderer Machthaber zuvor. Doch dahinter steckt kein Konflikt zwischen Politik und Religion - sondern genau das Gegenteil. Im Hintergrund steht ein amerikanisches Christentum, das gefährliche Ziele verfolgt.

Es ist Ostern 2026, im Weißen Haus findet ein festliches Mittagessen statt. Pastorin Paula White-Cain, spirituelle Beraterin des Präsidenten Donald Trump, steht am Mikrofon. Sie wendet sich an Trump, der hinter ihr steht - immer wieder dreht sie sich um: "Mr. President, niemand hat je den Preis bezahlt, den Sie gezahlt haben. Es hätte Sie fast Ihr Leben gekostet. Sie wurden verraten und festgenommen und falsch beschuldigt. Das ist ein vertrautes Muster, das uns unser Herr und Erlöser gezeigt hat."

Trump - auf einer Stufe mit Jesus. Dass damit auch zahlreiche US-Christen ein Problem haben, zeigt nicht zuletzt die Reaktion auf Trumps KI-Selbstporträt als "Jesus", wie er einen kranken Mann heilt. Der Aufschrei war selbst unter MAGA-Anhängern groß. Aber offenbar gibt es Christen, die da toleranter sind. Für einen Teil amerikanischer Christen war der Vergleich Trump-Christus, so kühn er klingen mag, nachvollziehbar und in ihrem Glauben begründet.

Und für diesen Teil steht White-Cain: für eine rechte, christlich-nationalistische Strömung im US-amerikanischen Christentum, die als "New Apostolic Reformation", kurz "NAR", bezeichnet wird - auch wenn das kein selbst gegebener Name ist und manche prominente Vertreter sogar bestreiten, dass es die Bewegung als solche überhaupt gibt.

Das "Seven Mountains Mandate"

Diese Bewegung verbreitete sich seit den späten 1990ern. Der Begriff stammt vom neocharismatischen Theologen C. Peter Wagner, der behauptete, Gott setze auch in der Gegenwart immer wieder neue Apostel und Propheten ein. Sie sollten die Christenheit anführen - aber nicht in einem rein spirituellen Sinn. Es gehe darum, die Gesellschaft zurückzuerobern.

Die NAR gilt manchen Beobachtern als die am schnellsten wachsende Strömung im amerikanischen Christentum überhaupt. Einer der bekanntesten theologischen Grundpfeiler trägt einen eindrucksvollen Namen: "Seven Mountain Mandate", das Mandat der sieben Berge. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass Christen aufgerufen seien, sieben gesellschaftliche Bereiche unter ihre Kontrolle zu bringen: Familie, Religion, Bildung, Medien, Unterhaltung, Wirtschaft, Regierung. Erst dann könne Gottes Reich auf Erden anbrechen. Eine Umfrage der Denison University vom Januar 2024 ergab, dass 41 Prozent der amerikanischen Christen an dieses Mandat glauben. Es ist also weder eine Splittermeinung noch ein Randphänomen.

Gelingen soll das durch das, was diese Christen als "spiritual warfare" bezeichnen: "geistliche Kriegsführung". Das ist weitaus mehr als nur Gebete sprechen. In der Vorstellung der Bewegung tobt ein tatsächlicher Krieg auf geistiger Ebene zwischen Gott und Satan um den Einfluss auf die Menschen. Man kämpft real gegen Dämonen, die einzelne Politiker, Städte oder Branchen besetzt halten - konkret äußert sich das oft in der Vorstellung, dass zum Beispiel LGBTQ+-Aktivisten Anwälte des teuflischen Einflusses seien. Man will ihre Macht brechen, und dazu ruft man, wenn es nötig ist, auch Engel aus anderen Teilen der Welt zu Hilfe. Als White-Cain nach der für Trump verlorenen Wahl 2020 in einem Livestream "Engel aus Afrika und Südamerika" herbeirief, war man schnell dabei, sich darüber lustig zu machen. Dahinter steht aber genau der Gedanke: Die Kräfte der geistigen Welt müssen gebündelt werden, um den Sieg herbeizuführen.

Trump - von Gott auserwähltes Werkzeug

In dieses Denken passt Trump nahtlos hinein und er nimmt diese Rolle dankbar an. Schon 2015, vor seinem ersten Einzug ins Weiße Haus, kursierten in NAR-Kreisen Visionen, die ihn als modernen "Kyros" bezeichneten - jenen persischen König aus dem Alten Testament, den Gott als Werkzeug erwählt haben soll, auch wenn er selbst nicht der frommste war. Dass Trump mehrfach verheiratet war, dass er die Bibel offensichtlich kaum kennt, dass er sich geschäftlich und privat in einer Weise verhält, die jede christliche Frömmigkeit eigentlich rundheraus ablehnen müsste - das alles ist für diese Christen kein Widerspruch. Auserwählte sind keine Heiligen, sondern Werkzeuge. Und Werkzeuge brauchen keine moralische Reinheit, sie müssen nur Wirkung zeigen und auf dem eigenen Weg zum Ziel führen.

Als Trump nach dem Attentat von Pennsylvania im Sommer 2024 erklärte, Gott habe sein Leben verschont, "um Amerika wieder großzumachen", war das genau das, was dieses Denken bestätigte: Der Gesalbte wurde geprüft und hat überlebt, um seine Mission zu erfüllen. Wenig später, Anfang 2025, hat Trump das "Faith Office" im Weißen Haus eingerichtet, deren Leitung White-Cain übernahm. Es folgten öffentliche Handauflegungen im Oval Office durch Pastorinnen und Pastoren, die Trump als "chosen one" bezeichneten, ohne das theologisch noch rechtfertigen zu müssen. Und dahinter stehen, das sollte man nicht übersehen, in der Regel Mega-Kirchen mit zehn- oder gar hunderttausenden Mitgliedern, politische Bündnisse wie Charlie Kirks "Turning Point USA" und Medienimperien. Religion und Politik sind hier nicht zwei Sphären, sondern eng miteinander verschmolzen.

Ein Christentum, das wir hier kaum kennen

In Deutschland tun wir uns manchmal schon deshalb schwer, dieses Phänomen zu beschreiben, weil das Vokabular ganz anders ist. "Evangelisch" meint hierzulande eine Volkskirche, kulturprotestantisch eingebettet, die sich zwar zu gesellschaftlichen Fragen äußert, wenn sie christliche Werte tangieren, aber keinen Schulterschluss mit politischer Macht sucht. "Evangelikal" ist im deutschen Diskurs ein schwer zu fassender Sammelbegriff, der von pietistischer Hauskreis-Frömmigkeit bis hin zu problematischen Gemeinden reicht und politisch alles andere als einheitlich ist. "Charismatisch" wiederum weckt Assoziationen an Lobpreisgottesdienste oder Pfingstgemeinden, an emotional aufgeladene Frömmigkeit. Das alles ist nicht falsch, geht aber weit an dem vorbei, was wir in dem eben beschriebenen Phänomen in den USA beobachten.

Das Christentum, das Trump fördert, ist ein Teil des sogenannten neocharismatischen Christentums. Es glaubt an moderne Apostel und Propheten, an direkte Offenbarung Gottes im Hier und Jetzt. Es glaubt - das ist eine Verbindung zum sogenannten "prosperity gospel" - an irdischen Wohlstand als Zeichen göttlichen Wohlwollens. Wer reich ist, ist gesegnet; wer noch nicht reich ist, hat vielleicht noch nicht genug geglaubt. Vor allem aber glauben viele in dieser Strömung, dass die Trennung von Kirche und Staat ein Irrweg ist. Dass christlicher Glaube eine politische Mission habe und dass die Demokratie kein Wert an sich sei, sondern ein Werkzeug, das für diese Mission genutzt werden kann.

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Selbstverständlich teilt nicht das ganze amerikanische Christentum diese Sicht. Mainline-Churches wie die Methodisten oder Episkopalen stehen den Großkirchen in Deutschland näher als der NAR. Und es gibt auch Pastoren wie den Texaner James Talarico, der sich offen gegen Trump und für eine klare Trennung von Staat und Religion ausspricht. Der Teil amerikanischer Christen, der sich von den Ideen des NAR distanziert, ist nicht gering. Aber die NAR-Strömung sitzt an mächtigen Schlüsselpositionen. Mike Johnson, der Sprecher des Repräsentantenhauses, hat zum Beispiel vor seinem Büro die "Appeal to Heaven"-Fahne aufgehängt, die in NAR-Kreisen als Erkennungszeichen gilt. JD Vance, katholisch, steht zwar einer anderen Tradition nahe, aber auch er will Kirche und Staat nicht mehr klar getrennt sehen. Und diese Allianz funktioniert - weil sie dem einen Ziel dienen soll, die Gesellschaft "aus den Händen Satans" zu befreien.

Worum es bei Trump und Leo eigentlich geht

Vor diesem Hintergrund kann man auch den Konflikt zwischen Trump und Papst Leo XIV. einordnen, der nun schon seit Monaten schwelt und immer wieder aufbricht. Es ist ein Streit, den Kirchenhistoriker "beispiellos" nennen und auch vor historischen Vergleichen nicht zurückscheuen. Nicht einmal Hitler und Mussolini, schreibt der Vatikan-Kenner Massimo Faggioli, hätten den Papst je so frontal attackiert, wie der amtierende US-Präsident es derzeit tut. Auslöser waren erst die Migrationspolitik der Trump-Regierung, dann der Krieg gegen den Iran. Leo XIV., selbst gebürtiger Amerikaner, hatte Trumps Drohung, die iranische "Zivilisation auszulöschen", als "inakzeptabel" bezeichnet, hatte zum Friedensgebet nach Rom geladen und mit elftausend Menschen im Petersdom "Haltet ein!" gerufen.

Wenn Trump nun einen solchen Papst angreift, der die Migrationspolitik der USA "unmenschlich" nennt und vor einem Krieg im Namen Gottes warnt, dann ist das kein Streit zwischen einem Politiker und einer Kirche. Es ist ein Streit zwischen zwei grundlegend verschiedenen Verständnissen des Christentums.

Auf der einen Seite steht ein Papst, der christliche Autorität als Ruf des Gewissens versteht - als Instanz, die weltliche Macht begrenzen, nicht legitimieren soll. Auf der anderen Seite steht ein Präsident, den Apostel und Prophetinnen als Auserwählten feiern und der sich genau so inszeniert. Seine Politik ist aus Sicht seiner geistlichen Verbündeten nicht einfach Politik - sie ist geistliche Kriegsführung gegen dämonische Mächte. Und in dieser Logik ist Kritik aus Rom sozusagen eine feindliche Truppenbewegung. Wer den Papst angreift, greift in dieser Erzählung einen Akteur auf der anderen Seite des (geistigen) Schlachtfelds an.

Man könnte einwenden, dass auch der Vatikan ein Staat ist, in dem geistliche und weltliche Macht in einer Person zusammenfallen - der Papst vereint beides. Das stimmt. Aber spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die Trennung von Staat und Religion auch katholische Lehre, der Vatikanstaat seither ein historisches Erbe, kein Modell für die Zukunft. Das NAR dagegen ist genau das: ein Modell, mit dem nationalistische Christen in den USA Zukunft gestalten wollen.

Genau das macht den Konflikt unversöhnlich. Die alten Säkularisierungstheorien haben behauptet, alle diese Fragen würden sich mit der Moderne von selbst erledigen. Sie haben sich geirrt. Religion ist im 21. Jahrhundert politisch wirksam wie selten zuvor. Engel aus Afrika herbeizurufen und Trump mit Jesus zu vergleichen, mag komisch klingen. Aber wer darüber nur lacht, läuft Gefahr, zu übersehen, dass im selben Atemzug ein politisches Programm formuliert wird. Eines, das die amerikanische Politik derzeit stark prägt - ob uns das passt oder nicht.

Quelle: ntv.de

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