Jumbo-Crash vor 40 JahrenDer Tag, der das Fliegen sicherer machte

Vor vier Jahrzehnten ereignet sich eine heute undenkbare Katastrophe: Zwei voll besetzte Passagierjets krachen im Nebel auf der Startbahn ineinander. Die Luftfahrt zieht ihre Lehren - schwere Unglücke werden immer seltener.
Einer der schlimmsten Unfälle der zivilen Luftfahrt jährt sich zum 40. Mal: In einem Feuerball starben am 27. März 1977 auf Teneriffa 574 Menschen, als ein niederländischer und ein US-amerikanischer Jumbo-Jet auf der Startbahn kollidierten. Ursache war eine tödliche Mischung aus Missverständnissen, dichtem Nebel sowie einer hohen Verkehrsdichte nach einer Bombendrohung in Gran Canaria.
"Die Katastrophe von Teneriffa ist ein Paradebeispiel für die Verkettung unglücklicher Faktoren, von denen einer allein nie ein solches Unglück zur Folge gehabt hätte", sagt der Flugunfallforscher Jan-Arwed Richter. Er ist überzeugt: "Grundsätzlich ist es auch heute nicht ausgeschlossen, dass mehrere Risikofaktoren gleichzeitig auftreten wie etwa schlechtes Wetter, technische Störung und ein Fehler der Piloten; doch ist heute die Wahrscheinlichkeit, dass daraus ein Unglück entsteht, wesentlich geringer als vor 40 Jahren."
Tödliche Missverständnisse im Nebel
Die Welt der Luftfahrt hat Konsequenzen gezogen aus dem Unglück - wie immer nach Flugzeugunglücken. Experten aus Spanien, den USA und den Niederlanden untersuchten die tragische Verkettung von Umständen. Die empfohlenen Änderungen prägen die Fliegerei heute. Was war damals passiert?
Es war tatsächlich eine ungewöhnliche Verkettung außergewöhnlicher Umstände: Die Bombendrohung für den Flughafen auf der Nachbarinsel Gran Canaria hatte zur Umleitung der Verkehrsströme geführt und Teneriffas kleinem Flughafen Los Rodeos (heute: Teneriffa Nord) einen ungewöhnlich hohen Flugverkehr beschert. Trotz dichtem Nebel wollten alle möglichst schnell an ihr Ziel kommen.
Die Anweisungen für die Abflugroute nach dem Start - dem "take-off" - interpretierte der niederländische Jumbo-Pilot trotz Einwänden des Bordingenieurs als Abfluggenehmigung. "We're now at take-off" (übersetzt etwa: "Wir sind nun am Start"), quäkte es aus dem Äther. Die 747 der niederländischen Fluggesellschaft KLM beschleunigte und rollte auf eine weitere Boeing 747 der US-Airline Panam zu, deren Crew im Nebel eine Abfahrt verpasst hatte und sich daher noch immer auf der Startbahn befand.
Tonnenweise Kerosin an Bord
Eine Überlagerung im Funk sowie ein fehlendes Bodenradar taten ein Übriges: Trotz eines versuchten Ausweichmanövers in letzter Sekunde kam es zum Desaster. Die rund 70 Meter langen und bis zu 370 Tonnen schweren Maschinen krachten frontal ineinander und gingen sofort in Flammen auf. Nur 70 Personen überlebten das Unglück. Neun von ihnen erlagen später ihren Verletzungen. Insgesamt kamen bei dem Jumbo-Crash damit 583 Menschen ums Leben.
Nach umfangreichen Ermittlungen zog die Untersuchungskommission Konsequenzen und formulierte diverse Änderungen. Missverständliche Formulierungen im Funkverkehr wurden gestrichen. Unfallforscher Richter sagt: "Heute gibt es weltweite, feste Sprachregeln, welche Worte gebraucht werden dürfen, um einem Flugzeug die Startgenehmigung zu erteilen, nämlich 'Cleared for take-off' - solange ein Pilot diese Worte nicht genau so hört, darf er nicht abheben."
Auch auf die Hierarchie im Cockpit hatte das Unglück Auswirkungen: Auf der Prioritätenliste der Pilotenausbildung rückte die Teamfähigkeit der Crews nach oben. Andere Änderungen betrafen die Abläufe vor dem Start. "Das ist ein normaler Vorgang", bestätigt Germout Freitag von der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig.
Lehren aus jedem Unfall
Die bald 20 Jahre alte Behörde war zwar nicht mit dem Unglück befasst, reagiert bei Luftfahrt-Unglücken aber ähnlich wie die betroffenen Stellen. "Man lernt in der Luftfahrt ja aus jedem Unfall, aus jeder Störungsmeldung, wie man es besser machen kann", sagt auch Cornelia Cramer vom Luftfahrt-Bundesamt (LBA).
Freitag von der BFU verweist etwa auf das Unglück von Überlingen am Bodensee, wo am 1. Juli 2002 eine Boeing 757 und eine Tupolew Tu-154 in der Luft kollidierten - mit 71 Toten ist diese Tragödie noch heute eines der folgenschwersten Flugunglücke im deutschen Luftraum. Auch dort stand eine Verquickung unglücklicher Umstände am Anfang des Desasters; und auch hier gab es Sicherheitsempfehlungen, die dann international in der Fliegerei umgesetzt wurden.
Sicherer als Fahrradfahren
Das Ergebnis: Die zivile Luftfahrt wird immer sicherer - trotz eines massiv angeschwollenen Verkehrsaufkommens. Im Vorjahr trübten zwar erneut spektakuläre Unfälle die weltweite Sicherheitsbilanz. Dennoch gilt das Jahr 2016 unter Experten als eines der sichersten der Luftfahrtgeschichte.
Die Zahl der tödlichen Unfälle nimmt nach Erkenntnissen internationaler Flugunfallbüros kontinuierlich ab. In Europa oder den USA gilt die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls beim Fahrradfahren mittlerweile bei weitem als höher als beim Fliegen. "Die Wahrscheinlichkeit eines ähnlichen Unglücks wie auf Teneriffa sollte heute daher eigentlich undenkbar sein", meint der Hamburger Luftfahrtexperte Cord Schellenberg.
Er weist darauf hin, dass die aus solchen Unglücken gezogenen Konsequenzen in die Arbeit der Piloten, in ihre Ausbildung, aber auch in die Programmierung der Computer einfließen. "Aber ganz ausschließen kann man Fehler natürlich leider nie."