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Vorsicht vor Impfeuphorie Der erste Piks hat Tücken

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Erst 10 bis 14 Tage nach der Impfung bildet der Körper eine erste Immunantwort.

(Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

Mehr als jeder vierte Deutsche ist inzwischen erstgeimpft - ein Hoffnungsschimmer. Doch Forscher warnen vor zu hohen Erwartungen an den ersten Piks. Die Verlockung sei groß, das Ende der Pandemie zu früh zu feiern.

Die sozialen Medien sind voll davon: Bilder von strahlenden Menschen, die stolz das Pflaster auf ihrem Arm präsentieren. Es ist nicht nur Ausweis ihrer Impfung - es ist auch ein Symbol: Für das Ende der Corona-Angst und den Beginn eines neuen (alten) Lebens. Die jüngste Debatte um die Wiederherstellung von Freiheiten für Geimpfte nährt viele Hoffnungen: Muss ich bald keine Maske mehr tragen? Darf ich umarmen, wen ich will? Kann ich in Bars gehen, in die Sauna, auf Konzerte? Die Überzeugung, dass von der eigenen Person keine Gefahr mehr ausgeht, kann euphorisch machen. Doch Forscher warnen davor, dass ein ganzer Gesellschaftsteil an diesen Punkt kommt. Denn die Pandemie ist nach dem ersten Piks keineswegs vorbei.

Eine Studie aus Schweden verweist auf den psychologischen Effekt, den allein die Gewissheit einer bald zu erwartenden Impfung haben kann. Die Menschen würden unvorsichtiger und nachlässiger, schreiben die Autoren. In einem Umfrageexperiment habe sich gezeigt, dass schon die Information über sichere, wirksame und verfügbare Impfstoffe "die freiwillige soziale Distanzierung der Menschen, die Einhaltung der Hygiene-Richtlinien und ihre Bereitschaft, zu Hause zu bleiben, verringern". Gerade kurz vor Ende der Pandemie sei die Gefahr deshalb groß, dass bestehende Maßnahmen zur Eindämmung des Virus nicht mehr ausreichten.

Ein Blick auf Israel zeigt, was die Forscher meinen. Anfang Januar 2021 musste das Land in einen dritten, harten Lockdown gehen, denn die Fallzahlen explodierten trotz der weltweit schnellsten Impfkampagne. Etwa 15 Prozent der Israelis hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ihre erste Spritze erhalten. Dennoch erkrankten nicht nur viele Ungeimpfte, sondern auch Erstgeimpfte innerhalb weniger Tage nach der Impfung. Ähnliches spielt sich derzeit in Chile ab: Auch dort sind die Infektionszahlen weiterhin hoch, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 223 - und das, obwohl mittlerweile mehr als 42 Prozent der Chilenen ihre erste Impfung erhalten haben. Die Quote der Erstimpfungen allein ist also noch kein Gamechanger.

Was oft vergessen wird: Nicht nur dauert es nach der ersten Impfdosis mindestens zehn bis 14 Tage, bis sich die Wirkung des Vakzins entfaltet - durch einen einzigen Pikser wird auch noch kein maximaler Schutz hergestellt. Zwar haben Studien inzwischen belegt, dass das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, schon für Erstgeimpfte immens verringert ist. Doch die Gefahr, dass ein infizierter Erstgeimpfter das Virus im eigenen Haushalt weiterträgt, reduziert sich selbst bei Astrazeneca und Biontech laut einer Untersuchung der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) drei Wochen nach der Impfung lediglich um 38 bis 49 Prozent - je nach Impfstoff.

Neue Freiheit mit Schönheitsfehlern

Wichtig zu wissen ist das vor allem für diejenigen, die bis zu zwölf Wochen auf ihre Zweitimpfung warten müssen - so lautet die Empfehlung etwa bei Astrazeneca. Und auch mit mRNA-Vakzinen Geimpfte sollen laut Ständiger Impfkommission (STIKO) erst nach sechs Wochen die zweite Dosis erhalten. So können zwar trotz des nach wie vor knappen Impfstoffs möglichst viele Menschen innerhalb kurzer Zeit grundimmunisiert werden, für Erstgeimpfte gilt allerdings in der Zwischenzeit: vorsichtig bleiben, um nicht doch noch ungeimpfte Angehörige anzustecken.

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Dass die Sorge vor der Sorglosigkeit der Erstgeimpften nicht ganz unbegründet ist, legt eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und ntv nahe. Demnach gaben 52 Prozent der befragten Erstgeimpften an, sich jetzt sicher geschützt vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu fühlen. 43 Prozent sind sich über die Möglichkeit einer Ansteckung trotz der ersten Dosis weiterhin bewusst - und machen sich deshalb Sorgen. Aber: Immerhin 94 Prozent der Erstgeimpften halten sich nach eigenen Angaben trotzdem weiterhin an die geltenden Corona-Maßnahmen. Nur sechs Prozent geben an, dies schon nach der Erstimpfung nicht mehr zu tun.

Endgültige Freiheit, das hat Kanzleramtsminister Helge Braun in einem ARD-Interview Anfang der Woche noch einmal klargestellt, wird es für Geimpfte ohnehin frühestens zwei Wochen nach der zweiten Dosis geben - und auch dann nicht ohne ein paar Schönheitsfehler. Denn weil auch Zweitgeimpfte zu "einem gewissen Prozentsatz" Infektionen weitergeben könnten, sei das Ende von Maske tragen und Abstand halten auch für sie erst möglich, wenn "große Teile der Bevölkerung geimpft sind", erklärte Braun. Und soweit wird es womöglich erst im Herbst sein.

Quelle: ntv.de

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