Panorama

Kommt radikale Priesterreform? "Verhältnis zum Vatikan ist absolut eisig"

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Die schleppende Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe von Geistlichen an Kindern und Jugendlichen ist ein Grund für die Krise der Katholischen Kirche.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Tausende Missbrauchsfälle, massenweise Kirchenaustritte, ein weltweiter Vertrauensverlust. Die Katholische Kirche ist in einer schweren Krise. Der Papst hat deshalb einen Reformprozess gestartet, aber die deutschen Katholiken verlangen mehr: Im Raum stehen radikale Veränderungen.

Allein in Deutschland treten jedes Jahr mehr als 200.000 Menschen aus der Katholischen Kirche aus. Die Gründe sind vielfältig: Missbrauchsfälle und deren schleppende Aufarbeitung. Frauen, die nach wie vor vom Priesteramt ausgeschlossen werden. Der Umgang mit Homosexualität. Oder die vergleichsweise hohe Kirchensteuer.

Die deutsche katholische Kirche will gegensteuern. Vor knapp zwei Jahren hat sie einen Reformprozess begonnen - der aber weit weg sei von dem, was sich der Vatikan vorstelle, erklärt Renardo Schlegelmilch, Redakteur beim Domradio in Köln, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Bei der Kirche sei es nicht so, "dass man einfach nach einem demokratischen Prozess auf Länderebene abstimmen kann, was geändert wird", so der Experte. "Da die Kirche ein internationales Konstrukt ist, muss alles mit dem Heiligen Stuhl, also der Organisation der Katholischen Kirche, abgestimmt werden."

"Katholisches Stille-Post-Spiel"

Deutschland hat als eines der ersten Länder mit dem Reformprozess begonnen. Ende 2019 startete die deutsche Katholische Kirche ihren sogenannten Synodalen Weg. Damals sind Tausende Missbrauchsfälle bekannt geworden. Priester und Ordensleute hatten sich über Jahre hinweg an Kindern und Jugendlichen vergangen.

In der damaligen Situation beschlossen die deutschen Bischöfe, dass sich die Kirche ändern muss. Wie, das beratschlagt die Synodalversammlung. Dazu gehören 230 Menschen, die Hälfte von ihnen sind Bischöfe, die andere Hälfte sogenannte Laien-Katholiken wie Hochschulprofessoren, Politiker, Jugendvertreter, Vertreterinnen von Frauenverbänden.

Den synodalen Weg, um Veränderungen anzustoßen, beschreitet die Katholische Kirche in mehreren Ländern. Auch der Vatikan hat vor einem Jahr mit den Planungen einer eigenen Synode begonnen, offiziell ging es Anfang Oktober los. Diese unterscheidet sich jedoch stark von der deutschen Version. "Der deutsche synodale Weg bewegt sich nur auf der untersten Organisationsebene zwischen Gemeinde und Bistum, sprich zwischen den Laienkatholiken in den Dörfern und Städten und den Bischöfen", erklärt Benedikt Heider von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Bonn.

"Im Frühjahr 2022 geht es auf Ebene der Bischofskonferenz, also auf nationaler Ebene, weiter. Dort werden die Bischöfe das, was sie in ihren Gemeinden gehört haben, diskutieren." Die Ergebnisse werden schließlich an den Vatikan übermittelt. "Ich habe es das katholische Stille-Post-Spiel genannt. Man kennt es: Einer sagt was zum nächsten, am Ende kommt unter Umständen was anderes heraus", so Heider im ntv-Podcast.

Bis 2023 soll die Weltsynode des Vatikans dauern. Die deutschen Katholiken werden kaum früher fertig sein. Der synodale Weg endet hierzulande im Frühjahr 2023.

Deutsche Synode will großen Wurf

Am Ende sollen neue Regelungen für die Kirche stehen. In Deutschland wünscht sich die Mehrheit der Teilnehmer den ganz großen Wurf - tiefgreifende Reformen, wie die Abschaffung des Zölibats, die Einführung der Priesterweihe für Frauen, die Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Ehe. All das könnte in der deutschen Synode eine Mehrheit finden. "Ob das die Mehrheit des Kirchenvolks ist, sei mal dahingestellt. Aber die Mehrheit der synodalen Versammlung ist für eine Reform der Sexualmoral. Und ich gehe davon aus, dass die auch beschlossen wird", analysiert Schlegelmilch.

Allerdings wird die Priesterweihe für Frauen und die Akzeptanz der gleich gesellschaftlichen Ehe in der katholischen Kirche nur schwer umzusetzen sein. Eine solche Regelung würde sich in einer "kirchenrechtlichen Grauzone" bewegen. Die deutschen Katholiken hätten die Hoffnung, "dass der Vatikan guten Willen zeigt". Sonderlich wahrscheinlich ist das aber nicht. "Das Verhältnis zwischen Deutschland und dem Vatikan ist absolut eisig im Moment. Der Vatikan und auch andere Länder in der Weltkirche nehmen es Deutschland ziemlich übel, was da gerade passiert. Nicht nur wegen der Inhalte, sondern weil Deutschland vorprescht mit der Überzeugung: Wir wissen, wo es lang geht, wir weisen den Weg. Diese Haltung stößt den Leuten ziemlich auf", sagt Schlegelmilch im Podcast.

Die deutsche synodale Versammlung kann grundsätzlich jede Veränderung beschließen, daran ist aber niemand gebunden. Das heißt, am Ende kann jeder Bischof theoretisch sagen: Das, was ihr beschlossen habt, ist schön und gut, aber in meinem Bistum setze ich das nicht um! Und weit über den Bischöfen steht natürlich noch der Papst selbst. Der würde die Abschaffung des Zölibats oder Frauen als Priester nicht erlauben, analysiert Vatikan-Experte Schlegelmilch. "Das widerspricht den fundamentalen Glaubensüberzeugungen der katholischen Kirche. Wenn etwas beschlossen wird, das gegen tiefste katholische 2000 Jahre alte Überzeugungen geht, hat der Vatikan keine andere Möglichkeit als ein rotes Stoppschild vorzuhalten."

Deutsche Katholiken in der Zwickmühle

In der deutschen katholischen Kirche seien die progressiven Bischöfe zwar in der Mehrheit, sagt Schlegelmilch. Es gebe nur fünf oder sechs, die sich in den synodalen Sitzungen wirklich laut gegen Reformen aussprechen. Aber das ist am Ende egal, wenn der Vatikan nicht mitspielt - so war es schon einmal: "Rom hat das in den 1960er Jahren zum Beispiel mit den Beschlüssen der Würzburger Synode gemacht. Damals gab es Ärger über Verhütung, die Pille. Da wurde auch ein Reformprozess in Deutschland gestartet, weil der Druck auf dem Kessel sehr hoch war. Rom hat die Ergebnisse und Vorschläge damals aber ignoriert", berichtet Theologe Heider.

Papst Franziskus hatte 2019 einen Brief an die deutschen Katholiken geschrieben. Darin gratulierte er ihnen zu ihrem Mut für den synodalen Weg, warnte sie aber auch, den Prozess von der Politik bestimmen zu lassen. Damit wollte der Heilige Vater Erwartungen runterschrauben und deutlich machen, dass Kirchenpolitik keine Demokratie ist.

Die deutsche katholische Kirche ist in einer Zwickmühle. Einerseits sind Reformen dringend notwendig. Die Kirche muss sich öffnen und modernisieren, um für junge Menschen, Frauen und Homosexuelle attraktiver zu werden. Andererseits riskieren die deutschen Katholiken einen Bruch mit dem Vatikan.

Drei Szenarien zum Ausgang der Synode

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Experte Schlegelmilch sieht drei Szenarien, wie der Reformprozess enden könnte. Möglichkeit eins: Die Konservativen setzen sich durch und es ändert sich nichts. "Aber das wird nicht passieren, weil die in der Minderheit sind." Möglichkeit zwei: Die Progressiven setzen sich durch und der Reformprozess fährt gegen die Wand, weil der Vatikan das Stoppschild hochhält. Möglichkeit drei: Ein "schwammiger Kompromiss", wie es Schlegelmilch bezeichnet. "Der wird nicht viel verändern, aber Dokumente bringen, wo drin steht: Wir bemühen uns, Frauen mehr Rechte zu geben und so weiter. Wo jeder ein bisschen hinter steht."

Die für die Kirche dringend nötigen Reformen dürften aber ausbleiben, sind die Experten überzeugt. "Der Versuch, die Kirche grundsätzlich zu reformieren, wird gegen die Wand fahren", sagt Schlegelmilch. Deshalb sieht Benedikt Heider die Gefahr, dass der deutsche Reformprozess zu noch größerer Ablehnung und Enttäuschung führen könnte. Es werde Partizipation "an ganz vielen Stellen nur simuliert" und nicht gelebt. "Ob eine Institution, die einen absoluten Wahrheitsanspruch aus sich heraus erhebt und in der Postmoderne auf völlige Einheit und Einheitlichkeit in allen Fragen und Glaubenssätzen setzt, überhaupt reformierbar ist, weiß, wenn überhaupt, der liebe Gott."

Die deutschen Katholiken sind jedenfalls reformwillig. Anfang des Monates stimmte die Synodalversammlung sogar mit 95 zu 94 Stimmen dafür, die Abschaffung des Priestertums zur Frage zu stellen. Deren Abschaffung wäre der ganz große Wurf - aber der Vatikan wird sein Stoppschild hochhalten.

Quelle: ntv.de

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