Panorama

Unklare Lage in Kliniken Die Corona-Herbstwelle zieht langsam an

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Wie problematisch wird der dritte Corona-Herbst?

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Herbstwelle ist da, doch die Lage bleibt schwer einzuschätzen. Bei den Neuinfektionen dürfte die Dunkelziffer hoch sein. Auch das Bild in den Kliniken scheint uneindeutig. Modellierer sehen jedoch Hinweise auf einen verkraftbaren Winter - das Virus bleibt aber für Überraschungen gut.

Mit erschreckender Verlässlichkeit taucht auch im dritten Pandemie-Jahr die Herbstwelle auf. Die Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 steigen seit einem Monat und zuletzt mit deutlich mehr Schwung. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz legte innerhalb der vergangenen Woche um fast ein Viertel zu und nähert sich nun der 600er-Marke. Zuletzt lag sie Ende Juli höher. Doch das wahre Ausmaß dürfte sie nicht abbilden: Seit Längerem gehen Experten von einer gewaltigen Dunkelziffer aus.

Bereits die bekannten Zahlen sind erschreckend hoch: Im Sieben-Tage-Schnitt sind es zuletzt rund 73.000 neue Corona-Fälle pro Tag. Dennoch wird dies in der Öffentlichkeit mittlerweile mit Fassung aufgenommen, schließlich ist die Corona-Müdigkeit groß. Zudem sind drei Viertel der Bevölkerung geimpft und die vorherrschende Omikron-Variante gilt als milder.

CoronavirusSituation in Deutschland

Während bei den Neuinfektionen von einer hohen Untererfassung ausgegangen wird, galten die Zahlen aus den Kliniken als verlässlicher zur Einschätzung der Corona-Lage. Doch das gilt nicht mehr uneingeschränkt. Zwar gibt es laut dem Intensivregister DIVI einen steilen Anstieg der Intensivfälle mit Covid-19 um rund 50 Prozent im Vergleich zur Vorwoche. Doch die Interpretation der Daten sei schwierig, schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) in seinem aktuellen Wochenbericht. So würden in der Statistik auch Fälle mit aufgeführt, "die aufgrund einer anderen Erkrankung ins Krankenhaus kommen oder intensivmedizinisch behandelt werden müssen und bei denen die Sars-CoV-2-Diagnose nicht im Vordergrund der Erkrankung bzw. Behandlung steht".

Starker Anstieg in Bayerns Kliniken

Der Anstieg in den Krankenhäusern ist unter anderem in Bayern sichtbar: Dort stieg die Zahl der binnen einer Woche mit oder wegen Corona eingelieferten Patienten auf ein Allzeithoch von 1849, wie aus Zahlen des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hervorgeht. München meldete 47 Prozent mehr Patienten mit Corona auf Normal-, Intensiv- und Übergangsstationen als vor einer Woche. Aber auch dort sehen mehrere Krankenhäuser die Patienten, die mit und nicht wegen Corona kommen, in der Überzahl.

CoronavirusJahresvergleich Intensivfälle

Die Problematik, dass die Daten zur Zahl der Intensivpatienten keine Unterscheidung zwischen Patienten erlauben, die wegen Covid-19 oder aber lediglich mit einem Sars-CoV-2-Nachweis behandelt werden, ist lange bekannt. Verbesserungen sind seit Monaten angekündigt. Kliniken argumentierten aber auch, dass der Aufwand für die Isolierung bei allen positiv getesteten Patienten gleich hoch sei.

Einige Kliniken in Bayern sprachen bereits von einer angespannten Lage unter anderem wegen vieler selbst an Covid-19 erkrankter Mitarbeiter. Es komme zu Einschränkungen bei planbaren Operationen und in Einzelfällen zu Stationsschließungen, hieß es etwa von den Kliniken der Ludwig-Maximilians-Universität. Auch die Helios Kliniken Oberbayern berichten von mehr infizierten Mitarbeitern. Deutschlandweit stieg die Zahl der Intensivstationen, die einen eingeschränkten Betrieb melden, zuletzt auf rund 38 Prozent. Zum Vergleich: Ende 2021 war mehr als die Hälfte der Intensivstationen am Limit.

Auf Oktoberfest folgt hohe Inzidenz

Speziell in Bayern gehen die vergleichsweise hohen Fallzahlen nach Experten-Einschätzungen auch auf das Anfang der Woche beendete Oktoberfest zurück. Auffällig beim Vergleich der Sieben-Tage-Inzidenzen ist eine gewisse Ballung um München herum: Sowohl die Stadt als auch drei der vier direkt angrenzenden Landkreise liegen nun über 1000, der Landkreis München nur relativ knapp darunter. Insgesamt meldete das RKI für neun bayerische Landkreise und die Landeshauptstadt München Werte über 1000.

Bisher ist der Aufwärtstrend bei den Neuinfektionen und den Klinikaufenthalten an der Zahl der Corona-Todesfälle noch nicht zu abzulesen - erfahrungsgemäß folgen diese erst in einem Abstand von drei Wochen auf Infektionswellen. Zuletzt wurden im Sieben-Tage-Schnitt pro Tag 65 Corona-Todesfälle erfasst. Zur düstersten Pandemie-Zeit im Januar 2021 lag dieser Wert mehr als zehnmal so hoch.

Doch wie geht es weiter? Das dürfte auch davon abhängen, ob sich neue Varianten des Coronavirus durchsetzen können. Mögliche Kandidaten sind Sublinien der Omikron-Variante wie BA.2.75.2 oder BQ.1.1. In Deutschland jedoch dominierte laut RKI zumindest bis vergangene Woche die Omikron-Sublinie BA.5 das Geschehen. Seit Wochen liegen deren Anteile bei 95 bis 97 Prozent. Bei der Sublinie BA.2.75 und deren Abkömmlingen ist laut RKI zwar seit Juni weltweit eine zunehmende Ausbreitung beobachtet worden. Noch immer liegt der Anteil in der Stichprobe für Deutschland aber bei weniger als einem Prozent.

"Können für den Winter positiv sein"

Sollten weiterhin keine neuen, problematischen Varianten auftauchen, dürfte der Winter wenig unangenehme Überraschungen bereithalten - das jedenfalls schlussfolgert eine Studie von Forschern des deutschen "Modellierungsnetzes". In diesem Fall werde "die Inzidenz der jetzigen Herbst/Winterwelle wahrscheinlich ähnlich wie die der ersten Omikron-Welle", schrieb Physikerin Viola Priesemann, die an der Studie beteiligt war, auf Twitter. Die Krankenhausbelastung könnte sogar geringer ausfallen. "Es freut mich sehr, dass wir für diesen Winter (relativ) positiv sein können."

Sollte sich aber doch eine neue Virusvariante durchsetzen, die den Immunschutz teilweise umgeht, jedoch kein höheres Risiko für schwere Krankheitsverläufe aufweist, sei mit einer Belastung des Gesundheitssystems zu rechnen, die "in der Größenordnung der bisherigen Spitzenwerte während der Omikron-Welle Anfang 2022" liege, so Priesemann. Im schlimmsten Fall - einer Variante, die zusätzlich auch schwere Verläufe auslöst - könnten "die bisher erreichten Spitzenwerte der Krankenhausbelastung in der Pandemie deutlich überschritten werden". Bisher gebe es jedoch keine "starke Evidenz", dass dieser Fall eintritt, so Priesemann, die auch im Corona-Expertenrat der Bundesregierung sitzt. "Aber das kann sich jederzeit ändern."

Quelle: ntv.de, mit dpa

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