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Wann droht Kontrollverlust? Die Reproduktionsrate alleine genügt nicht

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Eine Zahl R über 1 ist alleine noch kein Grund, eingeführte Lockerungen rückgängig zu machen oder künftige Maßnahmen zu verschieben.

(Foto: imago images/Xinhua)

Nachdem sich in Deutschland die Reproduktionszahl R für längere Zeit unter 1 bewegte, liegt sie jetzt wieder über dem kritischen Wert. Das ist bedenklich, aber R alleine sagt nicht alles, vor allem so lange eine andere Zahl niedrig bleibt.

Den zweiten Tag in Folge hat das Robert-Koch-Institut (RKI) in der Corona-Krise für Deutschland eine Reproduktionsrate von über 1 gemeldet, aktuell beträgt sie 1,13. Das bedeutet, dass rein rechnerisch ein aktiv Infizierter mehr als eine andere Person ansteckt und sich die Pandemie damit wieder exponentiell ausbreitet. Das ist durchaus ein Grund zur Besorgnis, schließlich mahnte die Kanzlerin Mitte April, bei einer bleibenden Reproduktionszahl 1,1 sei das Gesundheitssystem im Oktober überlastet, steige R auf 1,3, könne dies sogar schon im Juli der Fall sein. Doch was Merkel vor fast vier Wochen gesagt hat, gilt heute so nicht mehr. Und wer nur die Ansteckungsrate im Blick behält, verliert den Überblick.

Komplizierte Schätzung

Zunächst einmal kann R nicht eindeutig bestimmt werden, sondern ist eine Schätzung. Das liegt unter anderem daran, dass die tatsächlichen Infektionszahlen nicht bekannt sind, sondern nur die offiziell gemeldeten. Außerdem gibt es einen zeitlichen Verzug bei der Diagnose von Covid-19 und den Meldungen der Erkrankungen.

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Und schließlich spielt auch die zunehmende Zahl von Tests eine Rolle, die laut RKI zuletzt vom 13. April bis 6. Mai von rund 136.000 auf fast 154.000 angestiegen ist. Bisher wurden vor allem Patienten getestet, die Covid-19-Symptome und Kontakt zu einer infizierten Person hatten oder zu einer Risikogruppe gehören. Seit Mai empfiehlt das RKI, schon dann zu testen, wenn nur Symptome vorhanden sind. Es werden also künftig weniger Corona-Infektionen durchs Raster fallen. Das bedeutet, die Zahl wächst an, auch wenn sich die Lage an sich nicht geändert hat.

Das RKI betreibt ein sogenanntes "Nowcasting", versucht also einen gegenwärtigen Zustand aufgrund zurückliegender und nicht vollständiger Daten zu bestimmen. Je größer die zur Verfügung stehende Datenbasis ist, desto genauer kann R geschätzt werden. Das bedeutet wiederum, dass die Unsicherheiten mit niedrigeren Infektionszahlen wachsen. R könnte also genauso gut bei 0,8 oder bereits bei 1,3 liegen.

Ein Trend braucht Zeit

Um weitgehend zuverlässig aus den Zahlen einen Trend zu bestimmen, benötigt das RKI mehrere Tage oder sogar Wochen. "Grundsätzlich schätzt das Modell eine Reproduktionszahl, die das Infektionsgeschehen vor zehn bis elf Tagen abbildet", sagte eine RKI-Sprecherin ntv.de. So erklärt sich unter anderem, dass die Behörde erst am 16. April offiziell eine Reproduktionszahl unter 1 meldete, obwohl die Schätzungen bereits davor niedriger waren. Dies bedeutet außerdem, dass auf Basis der aktuellen Zahlen die Auswirkungen der jüngsten Lockerungsmaßnahmen noch nicht bewertet werden können.

Das RKI schreibt in seinem Lagebericht vom Sonntag, "aufgrund der statistischen Schwankungen, die durch die insgesamt niedrigeren Zahlen verstärkt werden, kann somit weiterhin noch nicht bewertet werden, ob sich der während der letzten Wochen sinkende Trend der Neuinfektionen weiter fortsetzt oder es zu einem Wiederanstieg der Fallzahlen kommt."

Die Reproduktionsrate unabhängig von der Entwicklung der Neuinfektionen zu betrachten, ergibt also wenig Sinn. Trotz der aktuell über 1 geschätzten Ansteckungsrate bewegen sich diese seit dem 6. Mai unter 1000, zuletzt sogar deutlich niedriger. Heute registrierte das RKI bundesweit nur 357 hinzugekommene Fälle, wobei die Behörde noch prüft, weshalb ein baden-württembergischer Landkreis 150 Infektionen weniger als am Vortag meldete.

Neuinfektionen derzeit entscheidender als R

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So oder so liegt die Zahl der Neuinfektionen derzeit trotz der aktuell auf 1,13 geschätzten Zahl R unter 1000. Dies bestätigt auch der von ntv.de ermittelte Sieben-Tage-Trend. Und in der derzeitigen Pandemie-Lage ist das entscheidend. Denn das RKI schätzt, dass die Gesundheitsämter grob 1000 Neuinfektionen pro Tag mit den zugehörigen Infektionsketten kontrollieren könnten.

Trotzdem darf man die Situation nicht unterschätzen. "Der Anstieg der geschätzten Reproduktionsrate mache es erforderlich, die Entwicklung in den nächsten Tagen sehr aufmerksam zu beobachten", schreibt das RKI.

Quelle: ntv.de