Diese eine MachtDoppelt viel Duft und Sex in Düsseldorf
Von Juliane Rohr, Düsseldorf
Aufregend, provozierend, betörend - in Düsseldorf laden zwei Ausstellungen dazu ein, Sinnesreize und Sexualität in aller Komplexität zu entdecken. Anfassen und Riechen inklusive. ntv.de hat sich auf das Experiment eingelassen.
Da ist diese eine Macht, die unseren Alltag ständig begleitet. Unsichtbar beeinflusst sie unsere Entscheidungen, löst Emotionen aus und ruft Erinnerungen wach. Wir können sie weder sehen noch berühren, aber riechen. Düfte, Gerüche, Aromen, Parfums prägen unser Erleben und soziales Verhalten weit mehr, als es bekannt ist. Sie erzeugen Freude, Sympathie, Abneigung oder Angst und Ekel. Im Düsseldorfer Kunstpalast können Neugierige dieses Phänomen selbst erschnuppern. "Die geheime Macht der Düfte" ist in der gleichnamigen Ausstellung noch bis Anfang März erlebbar. Das Besondere: die duftende Zeitreise wird anhand der Kunstsammlung des Museums nachgezeichnet.
Den Auftakt macht die jahrtausendealte spirituelle und heilende Bedeutung von Räucherwerk wie Harz oder Holz in religiösen Zeremonien. Berauschende Schwaden setzten Menschen regelrecht in Ekstase. Einige Räume weiter geht es mitten hinein ins 18. Jahrhundert. Wer damals mächtig war, roch gut. Während es in den Straßen von Paris nach Abwasser, Abfällen und Fäkalien stank, war in Versailles jeder Lebensaspekt von Duft umhüllt: Möbel, Vorhänge, Kleidung, Fächer und Haut - einfach alles wurde mit edelsten Essenzen beträufelt.
Geruch triggert Emotionen
Duft war Teil der herrschaftlichen Inszenierung. Hygiene ein Fremdwort. Prompt kommt der internationale Bestseller "Das Parfum" von Patrick Süskind in den Sinn. In der Geschichte besitzt Jean-Baptiste Grenouille selbst keinen Körpergeruch, dafür ein außergewöhnlich feines Näschen. Besessen von der Idee, das vollkommene Parfum zu konzipieren, ermordet er Jungfrauen. Auch für den Kunstpalast wurden extra Düfte komponiert. Allerdings ohne Mord und Totschlag, sondern klassisch durch Destillation, Extraktion und Pressung.
Obwohl Gerüche unsichtbar und nicht greifbar sind, prägen sie den Alltag stärker als gedacht. "Duftmoleküle umgeben uns ständig, dennoch ist Duft der Sinnesreiz, der am meisten unterschätzt wird", sagt Robert Müller-Grünow ntv.de. Der 58-Jährige zählt zu den Pionieren in Sachen innovativer Duftkonzepte, berät seit über 20 Jahren Firmen, arbeitet eng mit Wissenschaftlern zusammen und hat die Ausstellung kuratiert.
Um zu wissen, wie es wann wonach gerochen hat, musste Müller-Grünow viel lesen, mit Forschern reden und konstruieren, wem welche Rohstoffe zur Verfügung standen. Es ist ein weites, noch viel zu unbekanntes Feld. Dabei wirke kaum ein Sinn so unmittelbar wie der Geruchssinn, erzählt der Duftexperte weiter. "Denn Düfte erreichen das limbische System des menschlichen Gehirns direkt." Hier entstehen Emotionen und werden Erinnerungen gespeichert. Geruchsreize nimmt der Mensch schneller wahr als Hör- und Sehreize.
Wie riecht Krieg?
Wie also riecht Kunst, wie ein Museum? Alles ziemlich dufte. In rund 50 Räumen tun sich alte und neue Duftwelten auf. Die Romantik kommt ein bisschen wie eine frisch aufgegossene Sauna daher. Die 1920er-Jahre kühn und elegant à la Chanel No.5. Der Erste Weltkrieg hingegen lässt mit einem Geruch von Schießpulver, Schweiß und verbanntem Feuerwerk schaudern. Es wird nicht langweilig. Fast könnte man über diese vielfältigen Geruchswelten vergessen, die ausgestellten Bilder, Fotografien, Objekte und Skulpturen zu betrachten. Was schade wäre, da sie von Künstlern wie Rubens, Beuys oder Richter sind.
Für den olfaktorischen Aha-Moment öffnen die Besucherinnen und Besucher mal Flakons, heben Glashauben an oder drücken Knöpfe und Pumpzerstäuber. Mancher Raum wird subtil mit Diffusoren beduftet. Es riecht nach Weihrauch, Yasmin und Orange oder unbekanntem wie Zibet, das aus den Analdrüsen einer Katze stammt. Kostbares Adlerholz, schon in der Antike beliebt, hat ein bisschen was von frischem Misthaufen. Die Duftvorlieben haben sich eben über die Jahrhunderte gewandelt.
Sex in allen Nuancen
Plötzlich duftet es nach Waschmittel, Cola oder synthetischen Duftstoffen, die mehr können als man gemeinhin denkt. Mit frischem Wissen, dass synthetische Moleküle wie Hedoin und Iso E Super, die erotische Anziehung beeinflussen, geht es gleich noch schräg gegenüber ins NRW-Forum. Dort lädt die Ausstellung SEX NOW dazu ein, Lust, Körper und Begehren in all seinen Nuancen zu entdecken. Sie zeigt, wie eng Sex mit Design, Kunst und unserem Alltag verwoben ist.
Die Ausstellung gibt einen historischen Überblick über die sich wandelnde Sexualmoral bis hin zu aktuellen Debatten. Harmloses mischt sich mit Hardcore. Das Porno-Potenzial der Schau macht den Jugendschutz unabdingbar. Das haben die Verantwortlichen des Museums in Absprache mit den entsprechenden Behörden entschieden. Die Ausstellung ist durch explizit sexuelle Inhalte nicht jugendfrei.
Nicht nur das sorgt für Schlagzeilen: Unzensiert teilt ein Museum erotische Fantasien, queere Perspektiven und verhandelt die Frage nach Sexualität in der Zukunft. Völlig frei von Tabus und ohne Stigmata. In einem eigenen Only-Fans-Account werden exklusives Material und Einblicke hinter die Kulissen bereitgestellt. Kurator Alain Bieber und sein Team wollen einen offenen, humorvollen und zukunftsgewandten Diskurs über Sex anstoßen.
Make Love, Not War
400 Objekte treten in den intimen und kritischen Dialog über Sexualität heute. Funfacts klären dabei spielerisch auf und gleichzeitig wird Wissen vermittelt. Wussten Sie, dass es Dildos seit der Antike gibt? Interaktion ist auch in diesem Haus gefragt. Ein vibrierendes Herzbett aus dem Computerspiel "Die Sims" verführt zum sexy Spiegelselfie. In einem riesigen geschlechtsfluiden Flauschwesen wird auf Kisseninseln gekuschelt. Dank ausliegender Bücher können neue Sichtweisen zu Geschlecht, Sexualität und Zugehörigkeit angelesen werden.
Hinter einem Vorhang warten bequeme Liegen inklusive erotischer Hörbücher sowie Sexspielzeug. Berühren erlaubt, aber bitte nicht selbst Hand anlegen. In zehn Räumen dreht sich alles auch um die Frage, was Kunst uns über Sex erzählen kann. Im #MeToo-Raum bezeugen künstlerische Positionen Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe. Ungleichheit und Scham sind bis heute trotz sexueller Revolution immer noch prägend.
Stereotype wie Männer als High-Performer und Frauen als passives Objekt beim Sex werden im NRW-Forum auf den Kopf gedreht. Die Sex-Industrie ist inzwischen weniger männlich dominiert, immer mehr Frauen prägen die Branche. Dennoch gerät inzwischen weltweit die mühsam erkämpfte sexuelle Freiheit zunehmend unter Druck. Den liberalen Strömungen stellt sich zunehmend eine konservative Bewegung entgegen, die sich auf traditionelle Werte beruft. Kurator Alain Bieber und wünscht sich mit seinem Team in dieser wankelmütigen Welt wieder die Devise "Make Love, Not War".
Die geheime Macht der Düfte bis 8. März, Kunstpalast, Ehrenhof 4-5, 40479 Düsseldorf
SEX NOW bis 3. Mai, NRW-Forum, Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf
