Angst vor Haft statt vor RaketenDubai-Influencer berichtet über Warn-SMS der Regierung

Iranische Raketen und Drohnen treffen die Vereinigten Arabischen Emirate - auch die Influencer-Metropole Dubai. Posts und Beiträge über die Angriffe werden von der Regierung jedoch unterbunden. Wie genau, berichtet ein britischer Tiktoker.
Erst ein lauter Knall, dann steigt Rauch auf am Flughafen von Dubai: Aufnahmen von vergangener Woche zeigen, wie eine Drohne nahe der Terminals des Dubai International Airport einschlägt. Vier Mitarbeitende sollen dabei verletzt worden sein, aufgenommen wurde der Vorfall offenbar mit einem Smartphone. Doch es sind genau solche Videos, die den Menschen in Dubai zum Verhängnis werden können: Videos, die zeigen, wie die Wüstenmetropole angegriffen wird.
"Ich habe viel mehr Angst davor, für das Posten der falschen Inhalte bestraft oder inhaftiert zu werden, als vor den iranischen Raketen und Drohnen", sagt der Brite Ben Moss der "Daily Mail" in einem Interview. Der 31-Jährige lebt seit rund drei Jahren in den Vereinigten Arabischen Emiraten und verdient dort, wie etliche andere Expats, sein Geld als Lifestyle-Influencer.
Moss hatte Anfang der Woche eine SMS der örtlichen Polizei erhalten, in der eindrücklich vor Aufnahmen wie der vom Flughafen gewarnt wird: "Das Fotografieren oder Teilen von Sicherheits- oder kritischen Standorten oder das Weiterleiten unzuverlässiger Informationen kann rechtliche Konsequenzen haben und die nationale Sicherheit und Stabilität gefährden. Fügsamkeit hilft, die Gemeinschaft sicher und stabil zu halten. Ihre Sicherheit ist unser Glück."
Zwar sei diese Nachricht an alle Einwohnerinnen und Einwohner rausgegangen. Ausländische Influencer wie Moss hätten jedoch eine weitere offizielle Warnung erhalten. Wie die "Frankfurter Rundschau" berichtet, wurde ihnen mitgeteilt, dass sie für Beiträge über den Iran-Konflikt ins Gefängnis kommen könnten. Wer die Regierung kritisiert oder Videos der Raketenabwehr veröffentlicht, riskiere Geldstrafen von bis zu umgerechnet 230.000 Euro, bis zu fünf Jahre Haft - und sogar Abschiebung.
Folglich hätten zahlreiche Influencer entsprechende Beiträge gelöscht und vor allem eine Botschaft veröffentlicht: alles sicher in Dubai. Laut dem "Standard" tauchten Bilder von Rauchsäulen, Drohneneinschlägen und verängstigten Menschen in Dubai immer seltener auf. Stattdessen gingen viele Internet-Persönlichkeiten wieder zu Videos von Luxus-Läden, entspannten Dinners und Partys vor Dubais Skyline über.
Seit Jahren positioniert sich das Emirat am Persischen Golf als Urlaubsparadies und Luxusdestination. Und wirbt für diese Kampagne Influencer und andere Social-Media-Persönlichkeiten an. Nun liege der "Verdacht nahe, dass hier eine staatliche Beschwichtigungskampagne läuft und die [...] Influencer ihren 'Arbeitgebern' gehorchen", schreibt die österreichische Tageszeitung.
Flucht per Privatjet
Wer kann, flieht aber ohnehin. Oder hat dies schon längst getan. Bereits die ersten iranischen Angriffe auf Dubai hätten gerade unter den wohlhabenderen Einwohnern eine massive Fluchtbewegung ausgelöst. Viele habe es dabei in den benachbarten Oman gezogen, wie der "Guardian" berichtet.
Jetvip, ein in der Hauptstadt Maskat ansässiges Charter-Unternehmen für Privatjets, teilte der britischen Tageszeitung Anfang März mit, ein Flug nach Istanbul mit einer Nextant, einem der kleinsten verfügbaren Jets, koste umgerechnet rund 85.000 Euro - etwa das Dreifache des üblichen Preises. "Die Nachfrage ist sehr hoch, das Angebot jedoch sehr gering", sagte ein Sprecher der österreichischen Charterfirma Albajet.
Ben Moss und seine Partnerin Parisa machten es genau andersherum: Zum Zeitpunkt der ersten iranischen Attacken lebten sie in der Stadt Ra's al-Chaima, etwa 45 Autominuten von Dubai entfernt, verließen ihre dortige Luxuswohnung aber aus Angst vor den Raketen. Nun leben die beiden in Dubai, da ihr "Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der hervorragenden Luftverteidigung dieses Landes gewachsen ist". Moss verstehe die Sicherheitsbedenken hinsichtlich der Veröffentlichung von Videos über Drohnen- oder Raketenabwehrmaßnahmen und respektiere die Regierung.
"Völlig abgeschottet"
Für den Menschenrechtler Khalid Ibrahim vom Gulf Centre for Human Rights kommt die Regulierung von Influencer-Inhalten keineswegs überraschend. "Dieses Land ist völlig abgeschottet", zitiert ihn die "Frankfurter Rundschau". "Jeder, der seine Meinungsfreiheit genießen und beschreiben möchte, was in dem Land geschieht, ist einem Risiko ausgesetzt."
Dass Regierungen im Kriegsfall die Berichterstattung beschränken, ist allerdings keine Seltenheit. Im vergangenen Jahr hatte der "Spiegel" berichtet, dass Israel während des Raketenkriegs mit dem Iran die Pressefreiheit massiv beschnitt. Journalisten hätten Beiträge über Kampfzonen vorher absegnen lassen müssen.
Die Regierung habe argumentiert, "dass Teheran durch die Berichte präzise Aufschlüsse über Einschlagsorte und Wirkung seiner Waffen erhält. Auch Informationen zur Reaktionsweise von Sicherheits- und Rettungskräften könnten Iran helfen, seine Strategie zu verfeinern." Private Posts und geteilte Videos seien genauso unter die Zensurverordnung gefallen wie Beiträge etablierter Sender und Zeitungen.