Panorama

Umbenennung in Berlin Ein "Hofmohr" für die Mohrenstraße

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Die Berliner Mohrenstraße heißt künftig nach Anton Wilhelm Amo.

(Foto: imago images/Steinach)

Jahrelang stritt die Hauptstadt über einen neuen Namen für die Mohrenstraße. Bald heißt sie nach dem schwarzen Philosophen Anton Wilhelm Amo. Eine perfekte Wahl. Denn wenn schon umbenennen, dann nach dem Motto: Ehre, wem Ehre gebührt.

Zu einer Zeit, als man in unseren Breitengraden noch Menschen "besitzen" konnte - im Sinne von Eigentum, wohlgemerkt -, gelangte Anton Wilhelm Amo 1707 über Amsterdam in deutsche Lande. Die Forschung vermutet, dass der wohl 1703 nahe Axim im heutigen Ghana geborene Junge von Missionaren nach Holland geschickt worden war, damit er eine christliche Ausbildung erhält. Vielleicht war er aber auch Sklave, bevor ihn - von wem, ist nicht bekannt - Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg sowie Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel, "geschenkt" bekam, der den etwa Elfjährigen wiederum seinem Sohn August Wilhelm "vererbte".

Unter Adligen und Kaufleuten mit sehr viel Geld war es im 18. Jahrhundert populär, Afrikaner in exotisch wirkende Fantasieuniformen, gerne mit Turban und Pluderhosen, zu stecken und sich von ihnen befächern, "bewachen" oder bedienen zu lassen. Genannt wurden sie "Hof-" und "Kammermohren". Sie wurden als Ausweis von Reichtum und Luxus, Prestigeobjekt und Statussymbol betrachtet, galten aber auch als Beleg für Weltgewandtheit, Macht, Wissen und internationale Beziehungen ihrer Herren. Aus heutiger Sicht kann man von Missbrauch der Verschleppten sprechen. Allerdings wurden damals Recht und Unrecht, Gut und Böse vollkommen anders definiert.

Amo steht exemplarisch für die wichtige Diskussion, wie wir Handeln in der Vergangenheit Hunderte Jahre später bewerten und welche Rückschlüsse wir daraus ziehen. Er war der erste Philosoph und Rechtswissenschaftler afrikanischer Herkunft in Deutschland. Trotzdem ist er komplett in Vergessenheit geraten. Dass er endlich einer interessierten Öffentlichkeit bekannt und sein Schaffen gewürdigt wird, liegt daran, dass die Berliner Mohrenstraße in Kürze nach Amo benannt werden soll. Es ist ein gelungener Schlusspunkt unter einen jahrelangen Streit. Wenn man sich schon dazu entschließt, einen historischen Namen aus dem Bild einer Stadt zu tilgen, dann wenigstens so: Amo hat es verdient; Ehre, wem Ehre gebührt.

Eine gewisse Ironie

Die Entscheidung ist perfekt, ein - vielleicht ungewollter - Geniestreich, weil er zeigt, dass bloßes Umbenennen (oder gar der Abriss von Denkmälern) nicht alles sein kann, um Vergangenheit aufzuarbeiten. Der Berliner Vorgang bringt eine gewisse Ironie mit sich, da die "Mohrenstraße" nun nach einem evangelisch getauften "Kammermohren" benannt wird. Der Rechtsgelehrte wird heute zu Recht als einer der wichtigen Vordenker des Antirassismus gefeiert. Seine Dissertation "De iure Maurorum in Europa" ("Über das Recht der Mohren in Europa") ging leider verloren. Im Kern ist der Inhalt allerdings durch zeitgenössische Berichte überliefert. Amo stellte darin die juristischen Begründungen infrage, mit denen seinerzeit Sklaverei gerechtfertigt worden war.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Er war dazu nur in der Lage, weil seine "Eigentümer", die Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel, den Afrikaner wie ein Familienmitglied behandelten und ihm eine Ausbildung zum Juristen ermöglichten. Er beherrschte sechs Sprachen. Hätten sie Amo nur von oben herab, als minderwertig und bloße menschliche Staffage ihrer Schlösser statt als intelligenten Menschen mit Vernunft und Begabung betrachtet, hätten sie ihn kaum gefördert. Das kann man - jenseits aller Besitzverhältnisse - sehr wohl als Wertschätzung deuten. Amo hatte zudem Bewusstsein für seine Herkunft und Selbstbewusstsein genug, sie herauszustellen: Seinen Namen schrieb er im Berufsleben konsequent mit dem Zusatz "Afers", also "aus Afrika".

Amo zählt zu den vielen Persönlichkeiten der Vergangenheit, die aus kaum nachvollziehbaren Gründen maximal in akademischen Zirkeln eine Rolle spielten. Die DDR vereinnahmte ihn im Kalten Krieg. Als solidarisches Statement mit den entkolonialisierten Staaten Afrikas ließ die Universität Halle/Saale Mitte der 1960er-Jahre ein Denkmal für Amo errichten. Der Titel lautet "Freies Afrika". Gewidmet ist es "dem ersten afrikanischen Studenten und Dozenten der Universitäten Halle-Wittenberg und Jena 1727 - 1747". Zu sehen sind zwei kämpferische, stolze Schwarze - eine Frau und ein Mann - in stereotyper Weise, wie es kaum mehr geht.

Auch wenn das Denkmal im Stil des Sozialistischen Realismus einen skurrilen Kontrast zu Amos Epoche bildet, so gibt es eine Parallele in der Botschaft: Wissen ist wichtig (und manchmal Macht). Das 18. Jahrhundert stand im Zeichen der Aufklärung. Der fortschrittliche Mensch betrachtete Vernunft und Verstand als wichtigste Säule seines Handelns. Bildung erhielt hohen Stellenwert, die Unterrichtspflicht wurde eingeführt, Naturwissenschaften waren regelrecht en vogue. Der Mensch machte sich daran, Vorurteile und Aberglaube zu bekämpfen sowie religiöse Toleranz zu fördern. In den Ideen der Aufklärung wurzelt das Entstehen universeller Menschenrechte.

In dieser Welt des gedanklichen Aufbruchs sowie lustvoller wissenschaftlicher und philosophischer Debatten promovierte und lehrte Amo an den Universitäten Halle und Wittenberg. Dort verteidigte er die Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) und Christian Wolff (1679-1754). Letzterer wurde als Atheist aus Halle verbannt, weil er dafür warb, Ethik nicht nur über den christlichen Glauben zu definieren und auch sonst mit seinen Schriften die Kirche herausforderte. Man muss davon ausgehen, dass sich Amo mit seiner Unterstützung insbesondere für Wolff, der wie er an der Uni Halle tätig war, auch Feinde machte. Zu ihnen gehörte womöglich Johann Ernst Philippi, der ebenfalls Hochschullehrer in Halle war.

"Nur eine Mohrin ist blos deines Hertzens werth"

1747 veröffentlichte Philippi, ein Jurist und erklärter Gegner Wolffs, in der Zeitung "Belustigende Poetische Schaubühne" ein Schmähgedicht, das sich auf eine eventuell reale Heiratsofferte Amos an eine Adlige bezieht oder wie es eingangs heißt: "Eines gelehrten Mohrens, Galanter Liebes-Antrag an Die Mademoiselle Astrine, eine schöne Brünette." Die Absage der Dame aus feinem Hause fällt eindeutig aus. "Den teutschen Jungfern ist ein Mohr was unbekantes." Sie rät dem "Herrn M. Amo zu Jena", sich woanders umzusehen: "Nur eine Mohrin ist blos deines Hertzens werth." Sie ließ den Verehrer wissen, dass "meine Seele doch nie Mohren lieben" und dass ein "Mohr bey mir auf dieser Erden Niemahlen glücklich werden" könne.

Hier lässt sich leicht offener Rassismus hineininterpretieren. Allerdings waren derlei öffentliche Schmähschriften gerade zu Beginn des 18. Jahrhunderts gang und gäbe, um Leute zu diskreditieren oder zu ärgern, wobei es selbstredend sonst nur Weiße erwischte - Philippi war als Professor in Halle selbst Opfer satirischer Angriffe. Abgesehen davon sind die Aussagen von "Mademoiselle Astrine" eine aufrichtige Beschreibung damaliger Etikette und Gesellschaftsunterschiede. Geheiratet wurde nur standesgemäß. Schon deshalb hatte Amo sicher sehr schlechte Karten, Herz und Mitgift der Frau zu gewinnen.

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Auch der Umstand, dass Amo wenige Wochen oder Monate nach Veröffentlichung des Gedichts Deutschland in Richtung Westafrika verließ, wird als Indiz rassistischer Verfolgung gedeutet. Möglich ist es. Belege dafür existieren nicht. Er könnte - es wäre sehr menschlich - Halle (oder Jena) aus Liebeskummer verlassen haben, wie heute ebenfalls Leute die Flucht ergreifen, wenn sie unglücklich verliebt sind. Die Wissenschaft verfolgt eine weitere plausible These: Der Rechtsgelehrte hatte zur Zeit des Gedichts seine höfischen und akademischen Gönner verloren und sah keine Perspektive mehr für sich. Vielleicht ist es auch ein Mix aus allem.

Die Masse der aus Afrika Verschleppten hatte nicht die Chance, Karriere zu machen und als freie Menschen selbstbestimmt wieder in ihre Herkunftsländer zurückzukehren, wie es Amo offenkundig möglich war. Über sein restliches Leben ist fast nichts bekannt, selbst sein Tod wird zwischen 1753 und 1784 angegeben. Vermögend kann er kaum gewesen sein. Sein Grab nahe der ghanaischen Stadt Schama ist schlicht. Aber vielleicht folgt der Umbenennung der Berliner Mohren- in Anton-Wilhelm-Amo-Straße die Errichtung eines Denkmals. Verdient hätte es Amo. Und es wäre allemal besser, als Denkmäler einzureißen.

Quelle: ntv.de

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