"Ein Münchner Kulturgut"Kampf um die Eisbachwelle geht weiter
Von Marko Schlichting
Sie hat den Englischen Garten in München zum Surferparadies verwandelt: Die Eisbachwelle. Doch nach Reinigungsarbeiten im Herbst vergangenen Jahres war sie in sich zusammengefallen. Eigentlich hätte sie schon vor Wochen erneuert werden sollen. Aber es gibt Probleme. Und am Sonntag wählt München einen neuen Stadtrat.
"Surfen ist für mich wie fliegen", sagt Alexandra Lang. "Das ist so ein unvorstellbares Gefühl. Wenn ich tagsüber surfe, habe ich am Abend nie schlechte Laune. Da kann passieren, was will." Alexandra Lang surft am Liebsten im Meer. Sie ist Freizeitsurferin, liebt die Kanarischen Inseln. "Die Eisbachwelle surfe ich leider nicht. Dazu fehlt mir die Erfahrung", sagt Lang, die die Surfcommunity in München kennt.
Nun will sie in den Münchner Stadtrat, kandidiert bei den Kommunalwahlen am Sonntag für die Europapartei VOLT, die seit fünf Jahren mit der SPD, den Grünen und der Rosa Liste die aktuelle Regierungskoalition in München bildet. Sie kann den Wunsch der Surferinnen und Surfer nach "ihrer" Eisbachwelle verstehen. Aber sie kennt auch die Bedenken der Stadt München. Und sie ist sich sicher: "Es wird eine Lösung gefunden werden."
Die Geschichte
Dabei gibt es die Eisbachwelle in München erst seit den 1980er Jahren. Davor war sie nur ein Wellchen, das ungefähr sechs Wochen im Jahr "ging", wie das die Surfer nennen. Dann hat ein arbeitsloser Tankschutzmonteur namens Walter Strasser die zündende Idee: Der Motorradrocker rückt eines Tages mit einem Jeep an. Dann packt er einen Presslufthammer aus, sperrt die nahe gelegene Prinzregentenstraße, damit kein Auto über das Elektrokabel seines Werkzeugs fahren kann und montiert eine Eisenbahnschwelle ins seitliche Bett des Eisbachs. Es klappt.
Strasser erzeugt eine stehende Welle. Und sorgt damit für eine besondere Attraktion in München, die bald von Surferinnen und Surfern aus aller Welt besucht wird. Wellenreiter kommen aus Kalifornien, Japan und Australien in die Stadt des Bieres, der Wiesn - und des Surfens.
Wellenreiten im Fluss ist natürlich etwas anderes als im Meer, erzählt Alexandra Lang. "Wenn man im Meer surft, kommt die Welle von hinten. Man muss sie anpaddeln und fährt dann in einer Richtung. Im Eisbach ist das anders. Wir nennen das Riversurfen. Wenn man dabei ins Wasser springt, ist man sofort auf der Welle und fährt auf der Stelle hin und her. Das ist ein ganz anderes Surfen."
Für ungeübte Surfer ist das nichts. Deswegen wollte der Freistaat Bayern, dem der Eisbach ursprünglich gehörte, vor 18 Jahren das Surfen verbieten. Zu gefährlich, hieß es, und man wolle für mögliche Unfälle keine Haftung übernehmen. Nach längeren Verhandlungen übernahm die Stadt München den Eisbach – im Tausch gegen einen kleinen Grünstreifen. Sie erlaubte das Wellenreiten zwar nicht, duldete es aber. Jedoch nur für geübte Surfer.
Das Problem
Dann kommt der Oktober 2025: Nach einer Bachauskehr, also einer Säuberung des Eisbachs, baut sich die Welle nicht mehr auf. Surferinnen und Surfer dürfen kurzfristig andere künstliche Wellen nutzen, aber das ist nicht dasselbe. Sogar Walter Strasser, der Tüftler von einst, meldet sich. Er ist zwar kurz nach der Jahrtausendwende nach Sardinien ausgewandert, wo er sich jetzt mit dem Bau von Didgeridoos beschäftigt, doch in einer E-Mail an das Baureferat der Stadt München bietet er seine Hilfe an.
Er habe die "Eisi" jahrelang beobachtet, kenne sie wie niemand sonst, schreibt er. Das stimmt. Strasser war zehn Jahre lang freiwillig der "Hausmeister" der Eisbachwelle, konnte sie auch schnell mal verschwinden lassen, wenn der Surfertrubel zu groß war. Poserinnen und Poser konnte er nicht ausstehen, berichten Wellenreiter, die damals dabei waren.
Doch die Stadt setzt lieber auf Wissenschaftler von mehreren Unis aus ganz Deutschland, darunter auch der Hochschule München. Tatsächlich haben sie mittlerweile Lösungen parat. Doch es scheitert an der Umsetzung. Die Stadt München hat unterdessen das Surfen im Eisbach grundsätzlich verboten. Es bestehe Lebensgefahr, heißt es. Teile der Surfcommunity sehen das anders.
Alexandra Lang kann die Entscheidung der Stadt verstehen. "Wenn man jetzt die Welle aufbaut und die Stadt dafür Geld ausgibt, hat die Stadt Angst, dass sie möglicherweise für Unfälle haftbar gemacht werden kann. Das Surfen auf der Eisbachwelle ist wie gesagt nicht erlaubt, wird aber geduldet. Die Stadt fürchtet, dass sie am Ende diese Duldung nicht mehr dulden kann. Ich denke, das ist gerade ein Zusammenspiel zwischen der Stadt und der Verwaltung, und da muss eine rechtliche Lösung gefunden werden."
Das Kulturgut
Die Surferinnen und Surfer glauben, sie können das Problem selber lösen, einfach durch Vernunft und Umsicht. Immer wieder fordern sie die sofortige Öffnung der Eisbachwelle, zuletzt am vergangenen Sonntag bei einer Demonstration, an der etwa 250 Menschen teilnahmen.
Auch Alexandra Lang fordert: "Die Eisbachwelle muss wieder her. So schnell wie möglich. Und sie muss für jeden erfahrenen Surfenden benutzbar sein. Denn die Welle ist in den letzten Jahrzehnten ein Münchner Kulturgut geworden." Finden auch Stars auf der ganzen Welt: Die American-Football-Legende Tom Brady hat sich mit den Wellenreiterinnen und Wellenreitern aus München solidarisiert, und auch Surfer und Sänger Jack Johnson hat die Eisbachwelle ausprobiert. Sein größter Hit aus dem Jahr 2006 ("Better Together) könnte heute für das stehen, was die Eisbachwelle braucht: Die Zusammenarbeit von Stadt, Verwaltung und Surfern.