Eine für alleBomben, Jubel – und Hoffnung, so zart wie ein Schmetterling
Eine Kolumne von Sabine Oelmann.webp)
Die Kolumnistin will in vorfrühlingshafter Erwartung nur ihren Garten fegen, da hört sie Gesänge in den Straßen. Natürlich lässt sie Spaten und Harke liegen und schaut, woher die Musik kommt. Iraner versammeln sich vor der Botschaft Israels um die Ecke, die Stimmung ist ausgelassen. Der Frühling im Vorgarten muss warten.
Wenn einem Volk so viele Bomben um die Köpfe fliegen wie den Iranern momentan, sie dann trotzdem jubeln und tanzen, und zwar nicht nur im Exil, sondern auch auf den Straßen Teherans und in anderen iranischen Städten, dann will das was heißen. Wenn ein Volk in Kauf nimmt, dass durch diese Bomben weitere Angehörige und Freunde von ihnen sterben, und wenn dieses Volk weiß, dass ein amerikanischer Präsident nicht aus reiner Nächstenliebe dafür sorgt, dass die Mullahs und die Hisbollahs und die anderen -lahs platt gemacht werden, dann kann das nur bedeuten, dass es so dermaßen schrecklich im Iran ist, dass sie diese, normalerweise extrem belastenden Umstände, mit einem Schulter- oder Augenbrauenzucken – und tanzend – hinnehmen.
In der vergangenen Woche habe ich meinen Vorgarten frühlingsfit machen wollen. Habe also den Müll, der aus den Mülltonnen derer, die zu dumm sind, diese zu schließen, und der dort heraus durch die Straßen weht, weggeschmissen. Ich habe die übriggebliebenen Blätter von den Bäumen, die dort vor sich hin matschten, zusammengekehrt, und die Blumentöpfe, die den tatsächlich strengen Winter überlebt hatten, neu sortiert. Ich schob meine großen Bambusse an die richtigen Stellen und stellte fest, dass auch die Tischtennisplatte den Winter überlebt hat.
Frauen jubeln, Männer strahlen
Von weitem höre ich trommelnde Musik, ich meine, "Hava nagila" zu erkennen, dann wieder laute Rufe einzelner Personen, gefolgt von Antworten vieler Personen. Ich schrubbe noch ein paar verwitterte Gartenmöbel mit dem Schleifpapier, das aus irgendeiner Tonne in mein Gärtchen geweht sein musste, überlege, ob es sinnvoll ist, noch ins Gartencenter zu fahren oder ob der Nachtfrost doch noch einmal zuschlagen würde. Erstaunt über die Natur und diesen ewigen Circle of Life schnappe ich mir aber dann doch lieber den Hund und gehe in Richtung der Musik.
In die Straße, wo die israelische Botschaft ist. Iranische Fahnen wehen, Frauen haben sich in israelische Flaggen eingewickelt, zwei Dutzend Polizisten stehen an der einen Ecke, ein weiteres Dutzend an der anderen Ecke der Straße. In der Mitte eine Art Bühne, ein Mann, den ich nicht verstehe, brüllt ins Mikrofon. Ich verstehe wirklich kein Wort, es klingt aber nett. Plötzlich tanzt die - noch - überschaubare Menge zu – warum auch immer – ausgerechnet "YMCA", Frauen jubeln, Männer strahlen und trinken Bier.
Auf den Plakaten steht: "Thank you, Mr President", auf manchen sogar "Thank you BB", was wohl Donald Trump und Benjamin Netanjahu meint. Zwei junge Menschen steuern auf mich zu und sprechen mich an, leider tendiert mein Persisch gegen Null. "Are you Persian", versuchen sie es auf Englisch, als sie meinen bedauernden Gesichtsausdruck sehen. Ich sage "No, but I'm a journalist", als ob das irgendwas bedeuten würde.
Ist aber so, ihre Gesichter hellen sich auf, auch, weil sie meinen Hund streicheln dürfen und dieser sich, nachdem er beide für sympathisch befindet, bei der jungen Frau "rückwärts einparkt". Ich erkläre ihr, dass das ein großer Liebesbeweis ist, das würde er nur machen, wenn er Personen echt gut findet, und in ihre wunderschönen blauen Augen schießen Tränen.
Der Einzige - im Augenblick
Der junge Mann ist nun nicht mehr zu halten, er erklärt mir die Welt. Seine Welt. "Ich weiß, dass das komisch klingt, dass wir uns über diese Bomben freuen, aber anders hätten wir dieses Regime nie beenden können. Es ist nun Zeit für etwas Neues. Wir sind zur Botschaft gekommen, um den Israelis danke zu sagen." Das Bild von Schah-Sohn Reza Pahlavi wird in dem Moment an uns vorüber getragen. "Ist er der Richtige?" frage ich die beiden. "Er ist zumindest der einzige, auf den wir uns einigen können. Auf den wir uns einigen sollten", antworten sie unisono. Ich frage, ob sie glauben, dass er jetzt aus dem Exil in den Iran reist. Sobald die Bombardierungen durch sind, auf jeden Fall, nicken sie.
Sie hoffen nun auf eine Zukunft ohne Angst, ohne Unterdrückung – und natürlich haben sie die ganze Zeit die Sorge, dass die Bomben auch diejenigen treffen, die vollkommen unschuldig sind. In Teheran, in Tel Aviv, in Dubai und Doha. Sie wollen, sobald es geht, in den Iran reisen.
Hoffnung und Aufbruch
Was wird noch da sein, wenn der Staub sich gelegt hat? Werden die Menschen im Iran es schaffen, eine Regierung zu bilden? Anführer zu benennen? Trump hat gesagt, das sei nun ihre Aufgabe, dafür wolle er nicht auch noch sorgen müssen. Das Schlimme: Er hat recht. Auch schlimm: Dass man "Danke BB" und "Danke Donald" sagen muss. Ausgerechnet! Aber da muss man nun drüberstehen.
Diese beiden jungen Menschen, mit Nasenringen und blond gefärbten Haaren, sie sehen so glücklich aus. Und gleichzeitig so zart. So zerbrechlich. Die Hoffnung ist da, aber vage, sie flattert. Sie könnte jederzeit davonflattern. Lasst uns tanzen.