Panorama

Diese Generation riskiert allesLeyla Piedayesh: "Ein angeschlagenes System kann sich nicht ewig verweigern"

24.01.2026, 16:03 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecEin Interview von Sabine Oelmann
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Designerin, Autorin und Iranerin Leyla Piedayesh hat "große Hoffnung, dass dies die letzte Revolution im Iran sein wird". (Foto: Lottermann und Fuentes )

Leyla Piedayesh, Gründerin des Designlabels LaLa Berlin, spricht mit ntv.de über ihr Geburtsland Iran, die jetzige Situation dort und darüber, was Menschen im Westen tun können. Um Mode geht es nur am Rande. So viel sei gesagt: LaLa Berlin ist für die 55-Jährige Geschichte, sie hat neue Pläne. Doch darüber sprechen wir ein anderes Mal. Heute gilt der Blick dem Iran.

ntv.de: Wie sehr bist du noch mit dem Iran verbunden? Du bist mit neun Jahren nach Berlin gekommen – was macht die Situation dort mit dir?

Leyla Piedayesh: Der Iran ist für mich ein Land der Seele. Eine Kultur voller Farben, Düfte, Geschichten und Musik. Die Menschen tragen ihre Geschichte in sich wie ein kostbares Muster – aus Stolz, Schmerz, Leidenschaft, Hoffnung, Mut und Widerstand zugleich. Trotz aller Härten spürt man Lebensfreude, Wärme und Gastfreundschaft. Gleichzeitig ist mir sehr wichtig: Wenn ich vom Iran spreche, spreche ich nicht vom politischen System. Dieses Regime hat nichts mit der iranischen Kultur, Geschichte oder Mentalität zu tun. Es ist ein Gewaltapparat, der sich über das Land gelegt hat wie eine dunkle Decke. Der Iran, den ich meine, ist der Iran der Menschen – nicht der Machthaber.

Wie beunruhigt bist du?

Ich habe noch Familie dort, eine Großcousine, zu der ich sehr nah bin. Seit über zwei Wochen habe ich nichts von ihr gehört. Ich hoffe sehr, dass sie in Sicherheit ist. Unabhängig davon betrifft das, was dort passiert, Millionen. Vor allem die Jungen: Rund 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 30. Diese Generation riskiert gerade alles.

Beeindruckend sind aber auch die Bilder alter Menschen, die mit Rollator demonstrieren und sagen: "Lieber ich als meine Enkel".

Ja, das ist unglaublich bewegend. Trotzdem ist das Gros sehr jung. Viele Familien gehen gemeinsam auf die Straße. Das zeigt, wie tief der Wunsch nach Freiheit sitzt – generationenübergreifend.

Musst du Verluste verkraften?

Zum Glück nicht direkt. Aber ich kenne Menschen, die Freunde oder Angehörige verloren haben. Bei mir ist es eher so, dass meine eigene Geschichte hochkommt. Ich denke viel an meine Eltern und Großeltern – und daran, wie es für sie gewesen sein muss, damals zu gehen.

Das war 1979, nach dem Sturz des Schahs. Du warst neun Jahre alt.

Ja. Mein Bruder und ich waren in einem Alter, in dem meine Eltern gespürt haben, dass sich das Leben grundlegend verändern wird. Auch wenn am Anfang vieles noch unklar war: Die Freiheit, die sie kannten, würde nicht bleiben. Und genau diese Freiheit fordert die junge Generation heute zurück.

Sehr viele Iraner sind schöne, stolze Menschen, innerlich und äußerlich. Wie beschreibst du den typischen Iraner?

Herzlich, offen, gastfreundlich. Türen stehen offen, Tee wird angeboten, Essen wird geschätzt und geteilt. (lacht) Aber mal abgesehen von der Schönheit, gibt es im Iran großen intellektuellen Reichtum und Wissen von der Medizin bis zur Mathematik. Auch die Handwerkskunst, sie dir meine schönen Teppiche an, mit wieviel Präzision und Liebe die seit Jahrhunderten entstehen. Das macht es umso tragischer, dass dieses Land von einem System erstickt wird, das Angst als Werkzeug benutzt.

Der Iran war ein fortschrittliches Land - kann er das wieder werden?

Das ist die große Hoffnung. Klar ist: Das hier ist kein kulturelles oder religiöses Problem. Es ist ein System aus Gewalt, Korruption und Kontrolle, das gezielt junge Menschen unterdrückt, weil es genau weiß, dass diese Generation keine Angst mehr hat. Die Hoffnung ist Demokratie, Selbstbestimmung, Meinungsfreiheit – und dass der immense Reichtum des Landes endlich den Menschen zugutekommt. Dafür müsste allerdings auch das gesamte Unterdrückungsnetzwerk verschwinden: Revolutionsgarden, militärische Strukturen, die mit Angst, Waffen und Geld operieren.

Es existieren viele Meinungen zum Iran, es ist schwer herauszufinden, wem man glauben soll und kann. Was haben deine Eltern dir erzählt?

Eigentlich nicht viel, zumindest nichts Politisches, denn meine Eltern waren verstummt. Meine Eltern sind eigentlich, so traurig das auch klingen mag, nie hier angekommen. Ich wurde zur Rebellin, habe gemacht, was ich wollte, und habe sie nie verstanden, vor allem meinen Vater nicht. Die Weisheit, die es braucht, um seine Eltern zu verstehen, die ist mir leider viel zu spät gekommen. Meine Mutter ist vor vier, mein Vater vor 17 Jahren gestorben.

Das war vor Frauen, Leben, Freiheit …

Ja, ich hatte immer genug mit meinem aktuellen Leben zu tun. Eine Firma, ein Kind, ein Leben. Darin war ich vollkommen verstrickt. Als ich einen Schritt zurück gemacht habe, in das Leben meiner Eltern, war es schon zu spät, sie waren nicht mehr da. Die gesamte Reflexion, das Verständnis, das Mitgefühl, es kam viel zu spät. Erst war ich ein Teenager, dann habe ich mein Leben aufgebaut, und plötzlich war das Leben meiner Eltern vorbei.

Wünschst du dir, dass sie diese Proteste heute miterleben könnten?

Sehr. Jedes Mal, wenn ich auf eine Demo gehe, mache ich das auch für meinen Vater und meine Mutter. Ihr größter Wunsch war, zurückzukehren – in einen friedlichen Iran.

Dein eigener Wunsch, in den Iran zu gehen, wo kommt der her?

Ich glaube, das hat viel mit dem Älterwerden zu tun und der Frage, wo man eines Tages seinen Lebensabend verbringen möchte. Ich weiß, dass meine Vorstellung romantisch ist, aber die alten Bilder meiner Großeltern und Großtanten kommen mir momentan wieder so stark in den Kopf. Das ist oft eine schönere Vorstellung als das, was ich heute hier auf den Straßen sehe. Ob die Realität meine Vorstellung überholt hat, weiß niemand. Dazu müssten auch die geopolitischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten geklärt sein.

Ist ja noch ein bisschen hin …

Ich bin tatsächlich nicht so verhaftet, ich bin ein Nomade. Ich bin nicht verwurzelt.

Bist du gern allein?

Inzwischen schon, aber Verwurzelung passiert in mir und nicht im außen. Ich bin mit neun hierhergekommen, habe Freundeskreise aufgebaut, bin weggezogen, habe neue gefunden, wieder weggezogen, wieder neue gefunden. Einige Menschen bleiben, andere sind in Abschnitten da und manch andere für immer - so wie ich selbst. Ich habe mich immer wieder neu definiert – und werde das auch weiterhin tun.

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Julia Malik, Aino Laberenz, Leyla Piedayesh, Pheline Roggan, Heike Makatsch, Jasmin Tabatabai and Pegah Ferydoni 2014 bei einer Lala Berlin Show während der Mercedes-Benz Fashion Week. (Foto: IMAGO/WENN)

Du planst ein neues Buch.

Ja. Nach "Irans Töchter " möchte ich über Verlust, Brüche und Neuanfänge schreiben. Auch über die Insolvenz. Wenn einem plötzlich alles entzogen wird, was Sicherheit gibt, versteht man vieles über das Leben – und auch über den Iran. Wenn Systeme zusammenbrechen, bleibt nur der Wille weiterzuleben. Das gilt für Menschen wie für Gesellschaften.

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Was können wir hier im Westen konkret tun?

Vor allem: sichtbar bleiben. Haltung zeigen. Nicht wegsehen. Der Westen schaut zu wenig hin – teils aus wirtschaftlichem Eigeninteresse, teils aus Angst. Neutralität ist in dieser Situation keine neutrale Haltung. Es geht nicht um perfekte Lösungen, sondern darum, Menschen nicht allein zu lassen. Wenn man sich das Blutbad anschaut, will man, dass möglichst schnell etwas passiert. Denn je länger es dauert, desto mehr Sorgen mache ich mir um die Kraft der Menschen. Hauptsache, sie werden gerettet.

Die Zahlen der Toten variieren stark, von 20.000 bis 50.000.

Auf jeden Fall wäre es wichtig, dass die westliche Welt sich klar gegen das Regime positioniert. Wenn ein Regime "sein" Geld im Ausland schützt und zugleich im eigenen Land auf unschuldige Menschen schießen lässt, darf die Antwort nicht länger kollektive Bestrafung, durch wirtschaftliche Sanktionen sein.

Sondern?

Der Westen hat Mittel: Regime‑Vermögen einfrieren, Menschenrechtsverbrechen juristisch verfolgen, den Iranerinnen und Iranern freien, sicheren Zugang zum Internet ermöglichen – und den politischen Druck gezielt auf jene richten, die unterdrücken, nicht auf jene, die Freiheit fordern.

Kann Geld helfen?

Geld hilft immer, aber wem soll man es denn geben? Wichtiger ist Öffentlichkeit, Druck, klare politische Positionierung gegen das Regime – nicht gegen die Bevölkerung. Die Menschen im Iran brauchen nun die Unterstützung, die sie verdienen, sie brauchen Rückhalt von außen,um ihren Mut nicht zu verlieren.

Kann Mode etwas verändern?

Mode verändert die Welt nicht direkt, aber sie transportiert Haltung. Sie macht sichtbar. Sie drückt deine Identität aus, deine Haltung, kann auch Spiegel deiner Seele sein. Nach "Woman Life Freedom" haben sich viele jungen Mensch im Iran von den strengen Regeln der Bekleidung befreit . Wenn du deinen Schleier abnimmst und bauchfrei trägst, dann ist das ganz klar eine sehr wichtige Botschaft. Die Aussage ist: "Ich mach' jetzt, was ich will!" Ich habe damals die "Women Life Freedom"-Hoodies gemacht, um Solidarität zu zeigen und Geld für Organisationen zu generieren. Das zeigt, dass Mode sichtbar machen und helfen kann.

Ziehst du eine gewisse Inspiration aus dem, was gerade im Iran passiert?

Was mich inspiriert ist die Kraft, die in den Menschen steckt. Was für ein Lebensdurst aus Unmut in Mut verwandelt wird. Wie diese Leute bereit sind, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um für ihre Freiheit zu kämpfen. Die Kraft, die dahintersteckt, ist inspirierend. Das zeigt mir, was wichtig ist, dort geht es um die Existenz, um Dinge, die wir haben und für alltäglich halten.

Welche Rolle kann Reza Pahlavi spielen?

Nach all den Jahren stellt Reza Pahlavi endlich eine ernstzunehmende Opposition zum aktuellen Regime dar. Er erhebt keinen Machtanspruch, sondern versteht sich als Wegbereiter in Richtung Demokratie – eine Position, die bisher niemand auf dem Schirm hatte, weil viele andere Oppositionelle hinter den starren Mauern des Regimes gefangen gehalten werden. Mit seiner Erfahrung im Ausland kennt er die Strukturen demokratischer Staaten und setzt sich dafür ein, dass das iranische Volk geschützt wird, dass die Täter für ihre Gewalt verantwortlich gemacht werden und dass freie Wahlen stattfinden können. Viele junge Menschen im Iran sehen in ihm sogar eine Art "Vater des Landes" – nicht als König, sondern als Stimme der Freiheit, die eine Brücke schlägt in eine Zukunft, in der die Menschen selbst über ihr Land entscheiden.

Hast du Hoffnung?

Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt! Die Kraft der Iraner ist groß, die Energie ist da, daran glaube ich – sonst könnten wir einpacken, wenn wir jetzt nicht aufrecht bleiben. Ein System, das so angeschlagen ist, kann sich dem Druck der Bevölkerung nicht ewig verweigern.

Was wäre dein momentanes Fazit?

Dass es mit internationaler Unterstützung, Druck und gezielten Maßnahmen wirklich eine Chance gibt, dass dieser Kampf für Freiheit und Demokratie im Iran gelingt. Ich möchte meiner Tochter und der jungen Generation unbedingt mitgeben, dass es sich lohnt, für eine Welt zu kämpfen, in der wir in Freiheit und Gerechtigkeit leben können. Ich habe große Hoffnung, dass dies die letzte Revolution im Iran sein wird und wir bald alle dort auf den Straßen tanzen können.

Mit Leyla Piedayesh sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de

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