Panorama

"Immer das gleiche Muster"Epstein-Akten: "Zeit zu zeigen, dass wir viele sind"

17.02.2026, 18:44 Uhr L2340833Von Vivian Micks
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Jensen_Demo
Bilder, die schocken sollen: Vor dem Kanzleramt demonstrieren Betroffene gegen sexualisierte Gewalt an Kindern.

Die Welt reagiert schockiert auf die Enthüllungen von Missbrauch im Epstein-Fall. Dabei sollte das längst niemanden mehr überraschen: Es gibt mehr Parallelen zu deutschen Fällen, als viele glauben.

"Raped by a man" - "von einem Mann vergewaltigt" steht mit weißem Edding auf dem Kinderfoto, das Lena Jensen auf einem Pappkarton vor dem Kanzleramt in die Höhe hält. Das Bild zeigt sie als Kleinkind. Sie ist eine der Initiatorinnen der Demo "Justice for survivors - hört uns endlich zu!", die sich mit den Opfern im Epstein-Fall solidarisieren und selbst als Kinder Opfer von sexualisierter Gewalt wurden.

Trotz Minusgraden ist Jensen nicht alleine gekommen: Dutzende Kinderbilder kleben auf Plakaten, die von vielen der etwa 300 Teilnehmer in die Höhe gehalten werden. Sie sollen zeigen, in welchem Alter die Betroffenen durch die Hölle gingen, wie sie selbst sagen. Dazu haben sie Botschaften geschrieben wie "Kinder brauchen eine Lobby" und "Epsteins gibt es auch in Deutschland".

Die Veröffentlichung der Epstein-Akten hat für viele Betroffene einen Stein ins Rollen gebracht. Eine Demo wie diese habe es von Betroffenen noch nicht gegeben, sagt Jensen ntv.de. Viele hätten Angststörungen, gingen nicht in Menschenmassen. Der Zeitpunkt sei nun aber gekommen, Betroffenen eine Stimme zu geben. "Es ist jetzt einfach Zeit, wirklich herauszutreten und zu zeigen, dass wir viele sind und dass wir uns nicht mehr zum Schweigen bringen lassen."

Täter haben keine Angst

Was in den Epstein-Akten wie ein Krimi wirkt, der sich in den USA abspielt, ist in Wirklichkeit ein gängiges Schema in Missbrauchsringen. "Was viele nicht wissen, ist, dass die Geschichten, die da drin sind, bei ganz, ganz vielen Betroffenen ähnlich sind", sagt Jensen. Täglich kommen neue Bilder und Infos zu den Verbrechen ans Licht. Für viele Betroffene kaum auszuhalten, denn für sie sind sie kein Schock, sondern rufen schmerzhafte Erinnerungen hervor.

Beispielsweise sei die Vorgehensweise der Täter sehr ähnlich, sagt Jensen. "Viele, die hier sind, werden immer wieder das Gleiche erzählen. Auch wir wurden sediert und dann sexuell missbraucht, sodass man einschläft und aufwacht und Schmerzen im Intimbereich hat." Auch wurden andere Kinder über einen längeren Zeitraum so konditioniert, dass sie selbst zu Tätern werden sollen. "Es ist immer das gleiche Muster und deshalb kennen wir das alles. Wir sind nicht schockiert, das war einfach unser Leben."

Was Jensen bei den Epstein-Akten aber am meisten an ihre eigenen Erfahrungen erinnert, sei der Umgang mit den Tätern. "Die haben einfach keine Angst. Das hatten meine Täter auch nicht. Weil sie keine Konsequenzen spüren, und das wissen die." Die Zahlen des Bundeskriminalamts geben ihr recht - von 14.597 registrierten Fällen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs wurden 2020 in Deutschland nur 1.336 Personen verurteilt. Das sind gerade einmal 9,2 Prozent. Für das Jahr 2024 wurden 16.354 Fälle verzeichnet. Hinzu kommen 1.191 Fälle sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen und 446 Fälle sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen. Das Dunkelfeld ist nach Einschätzungen des BKA erheblich, die Zahl der Täter liegt um ein Vielfaches über den registrierten Fällen und Verurteilungen.

Politik soll wachgerüttelt werden

Auch online nimmt die Gewalt zu: 2024 berichtete etwa ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland im Alter von 12 bis 19 Jahren, bereits einmal sexualisierte Gewalt im Netz erlebt zu haben. 25 Prozent gaben an, ungewollt mit pornografischen Inhalten in Kontakt gekommen zu sein, und ebenfalls 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 8 und 17 Jahren berichteten von Cybergrooming-Erfahrungen.

"Wir brauchen einfach jetzt diesen Moment, dass die Menschen verstehen, wie wichtig es ist, Kindern eine Stimme zu geben und dass Kinder Gerechtigkeit verdient haben", sagt Jensen. Sie erhoffe sich durch die Demo vor dem Kanzleramt vor allem Gehör von der Politik. Es brauche eine Reform des Sexualstrafrechts, das Kinder besser schützt und mehr Hilfe für Betroffene. "Und wir brauchen ein Ende der Täterkultur des Wegsehens", so Jensen. "Wenn die Epstein-Enthüllungen die Menschen jetzt nicht wachrütteln, wann dann?"

Quelle: ntv.de

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