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Bill Gates antwortete kaumMit wem hatte Epstein den meisten E-Mail-Kontakt?

16.02.2026, 15:29 Uhr
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Auch mit seiner Komplizin Ghislaine Maxwell hatte Epstein selbstverständlich regen E-Mail-Kontakt. Andere Namen in seinem E-Mail-Postfach sind überraschender. (Foto: via REUTERS)

Die Epstein-Akten zeigen, wie wichtig dem Sexualstraftäter die Pflege seiner einflussreichen Kontakte war. Während einige Namen einmalig auftauchen, bestand mit anderen ein regelmäßiger Austausch. Wer zu den engsten Mail-Kontakten zählte und wer mehr gewusst haben könnte, legt nun eine Analyse nahe.

Royals, Wissenschaftler, Politiker, Multimilliardäre - die Ende Januar veröffentlichten Ermittlungsakten zu Jeffrey Epstein zeigen, wie vernetzt der verurteilte Sexualstraftäter unter den Reichen und Mächtigen war. Für einige hatte die Verbindung bereits Konsequenzen, darunter der damalige Prinz Andrew und der Ex-Außenminister der Slowakei, Miroslav Lajcak. Hinsichtlich einer systematischen Verfolgung der Verantwortlichen stehen die Behörden weltweit jedoch vor einem Problem: 3,5 Millionen Seiten müssen gelesen und vor allem eingeordnet werden. Die bloße Erwähnung einer Person belegt noch lange kein Fehlverhalten, eine sporadische E-Mail-Korrespondenz auch nicht.

Die Herausforderung besteht darin, die ungeordneten und an vielen Stellen kontextlosen Seiten hinsichtlich drei Fragen zu clustern: In welchem Verhältnis standen die erwähnten Personen tatsächlich zu Epstein? Was wussten sie von seinen Verbrechen und inwiefern waren sie in den Missbrauch an etlichen Mädchen und jungen Frauen verwickelt?

Die Arbeit einer Gruppe von Software-Ingenieuren könnte dabei nun eine wesentliche Hilfe sein. Die Experten analysierten die E-Mail-Korrespondenz von Epstein und extrahierten auf diese Weise 500 Personen, mit denen Epstein nach seiner Verurteilung 2008 am häufigsten schrieb. Rund ein Drittel machen Dienstleister, Mitarbeiter und Geschäftskontakte von Epstein aus, darunter vor allem seine Assistentin Lesley Gorff, sein Buchhalter und sein Pilot. Fast 60 Prozent der 1,4 Millionen E-Mails gingen an Personen, die Epstein dafür bezahlte, ihm das Leben zu erleichtern, schreibt "The Economist" über die Analyse. So tauschte Epstein allein mit seiner Komplizin Ghislaine Maxwell mehr als 10.000 E-Mails aus.

11.300 E-Mails mit Rechtsberaterin von Obama

Der Rest zeigt dem Bericht zufolge, wie vernetzt Epstein auch nach seiner Verurteilung in alle Bereiche der Gesellschaft war. Fast 20 Prozent der Mails tauschte er mit Personen aus dem Bankwesen aus. Besonders häufig fällt in diesem Zusammenhang Ariane de Rothschild - die französische Unternehmerin und Finanzierin verschickte und empfing insgesamt 5500 Mails. Einen besonders regen Kontakt hatte Epstein auch mit Kontakten aus der Wissenschaft. Allein 15.503 E-Mails tauschte er mit dem langjährigen Berater der Gates-Stiftung, Boris Nikolic aus, 7593 mit dem Physiker Lawrence Krauss. Tatsächlich gerierte sich Epstein gern als Spender der Wissenschaft, investierte dabei aber vor allem in Forschung, die seine eigenen elitären Auffassungen zu belegen schienen, wie etwa die Verbindung von KI und Genetik.

Acht Prozent des E-Mail-Verkehrs verlief mit Personen aus Medien und der Unterhaltungsbranche, wie etwa der PR-Beraterin und Publizistin Peggy Siegal (6437 Mails). Jeweils sechs Prozent der Adressaten stammen dem Bericht zufolge aus Politik und Justiz. In den Fokus gerät in diesem Zusammenhang vor allem Kathryn Ruemmler. Die Rechtsberaterin von Präsident Barack Obama im Weißen Haus, tauschte der Auswertung zufolge von 2014 bis 2019 11.300 E-Mails mit Epstein aus. Mit 4294 E-Mails hatte auch der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers einen engen E-Mail-Kontakt mit Epstein. Ebenso wie der britische Ex-Botschafter Peter Mandelson (4597 Mails).

Die Kontakte im System Epstein, das zeigen auch die Mails, bestehen nicht aus Zufall. Dem Unternehmer ging es um einen Austausch von Gefälligkeiten, um Vernetzung und Abhängigkeiten, auf die er später zurückgreifen kann. Besonders wertvoll waren somit Kontakte aus den höchsten Kreisen. Epstein tauschte E-Mails mit mindestens 18 aktuellen oder ehemaligen Milliardären aus, darunter Peter Thiel und Elon Musk. Prominente wie Woody Allen und Deepak Chopra kontaktierte er ebenso regelmäßig wie Politiker, etwa Ehud Barak, den ehemaligen israelischen Premierminister.

Epstein "bombardierte" Gates

In einigen Fällen pflegte Epstein seinen Kontakt zu den Einflussreichen über Familienmitglieder, heißt es weiter. So stand er sowohl mit dem Linguisten Noam Chomsky als auch mit dessen Frau Valeria in Kontakt und unterhielt sich häufiger mit Soon-Yi Previn, der Frau von Woody Allen, als mit Allen selbst.

Nun ist die Anzahl der E-Mails das eine, die Qualität des Austauschs jedoch das andere, wie die Untersuchung deutlich macht. Demnach waren zwar die meisten Korrespondenzen ausgewogen, mit einer ähnlichen Anzahl von gesendeten und empfangenen E-Mails. Eine Ausnahme bildete jedoch beispielsweise Bill Gates: Der E-Mail-Austausch war größtenteils einseitig. Epstein "bombardierte" den Microsoft-Gründer förmlich mit Nachrichten, Gates antwortete kaum. Auch im Fall von Autorin J.K. Rowling, deuten die Beweise darauf hin, dass der Kontakt einseitig von Epstein ausging, heißt es weiter.

Zudem ist ein einfacher E-Mail-Austausch, sei er noch so häufig, kein Beleg dafür, dass die Adressatin oder der Adressat etwas von Epsteins Verbrechen wusste, möglicherweise sogar Teil von ihnen war. Viele der in den Akten genannten Personen beteuern, dass sie nichts von dem Missbrauchsnetzwerk und der Manipulation von Mädchen und jungen Frauen wussten. In einigen Fällen könnte dies durchaus der Wahrheit entsprechen, wie die Auswertung der E-Mails laut dem Bericht nahelegt.

Mitarbeiter sollten Hinweise entfernen

Die Korrespondenz zeigt demnach, wie sehr Epstein darauf geachtet zu haben scheint, die sexuellen Übergriffe, die mit der Zeit ans Licht kamen, nicht mit seinem einflussreichen Netzwerk zu vermischen. In etlichen Mails mit Mitarbeitern und Dienstleistern geht es laut dem Bericht darum, Hinweise auf Epsteins Verurteilung wegen Anstiftung zu Prostitution im Jahr 2008 aus dem Internet zu entfernen. In einer E-Mail aus dem Jahr 2010 vom Schwager von Ghislaine Maxwell geht es etwa um Bemühungen, Details zur Verurteilung Epsteins von Wikipedia und Google zu entfernen.

Doch nicht alle werden sich auf Unwissen berufen können. Einige E-Mails belegen zweifelsfrei, dass der Adressat von Epsteins Machenschaften gewusst haben muss, wie "The Economist" deutlich macht. So wurden die 1,4 Millionen E-Mails auch danach analysiert, wie relevant sie für Epsteins Verbrechen waren. Das Ergebnis: Die große Mehrheit der Nachrichten enthält inhaltlich keine Bezüge zu Straftaten. Rund 1.500 Nachrichten wurden hingegen als "beunruhigend" markiert. In diesen Bereich fallen besonders viele der viel kritisierten Schwärzungen.

Nun gingen die meisten dieser E-Mails mutmaßlich an junge Frauen, mögliche Betroffene, wie der Bericht deutlich macht. Dies lege zumindest der Inhalt der Nachrichten nahe. Epstein bittet in diesen Nachrichten etwa um Nackfotos. In einigen Fällen wird auch darauf hingewiesen, dass die Eltern umgangen werden sollen. Epstein überprüft einen Vertragsentwurf "nach französischem Recht" mit einer "Auszubildenden", der "sexuelle Spiele" vorsieht.

"Deine Kleinste war ein bisschen ungezogen"

Das Gesetz zur Veröffentlichung der Epstein-Akten sieht Schwärzungen zum Schutz der Betroffenen vor. Die Auswertung der E-Mails untermauert jedoch den Vorwurf einiger Abgeordnete und Anwälte, dass darüber hinaus auch die Namen von einigen möglichen Mitwissern und Verantwortlichen geschwärzt wurden. In einer Nachricht von einem geschwärzten Absender heißt es laut der Auswertung etwa: "Danke für einen lustigen Abend ... Deine Kleinste war ein bisschen ungezogen."

Andere Nachrichten sind weniger eindeutig, geben jedoch zumindest ein vages Indiz, dass der Adressat eine Ahnung von Epsteins Machenschaften gehabt haben könnte. In einer E-Mail an Steve Tisch, dem Besitzer eines NFL-Teams, bittet Epstein etwa um ein Telefongespräch, weil "ich keine Aufzeichnungen dieser Gespräche mag". Tisch machte bereits deutlich, dass er seine Beziehung zu Epstein bereute und beteuerte, dass alle Nachrichten "erwachsene Frauen" betrafen.

Für die Staatsanwaltschaften sind nun vor allem die E-Mails interessant, in denen der Bezug zum Missbrauchsnetzwerk deutlich wird und dessen Adressaten trotzdem nicht geschwärzt wurden. So gebe es durchaus einige Nachrichten, in denen Epstein Freunden oder Geschäftspartnern von "Mädchen" schrieb, die er arrangiert habe, heißt es in dem Bericht weiter. Die Zahl an Personen, die in den Fokus weiterer Ermittlungen rutschen könnten, dürfte dabei noch steigen. Nach immenser Kritik hat das US-Justizministerium jüngst begonnen, einige Schwärzungen öffentlich zu machen.

Quelle: ntv.de, spl

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