Panorama

Hoher Salzgehalt noch rätselhaft Polen weist giftige Goldalgen in Oder nach

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Für diesen Blei kommt jede Hilfe zu spät: Eine Blüte giftiger Algen könnte die Ursache für seinen Tod sein.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach massiver Kritik aus Deutschland gibt die polnische Regierung erste Ergebnisse zu Ursachen für das Fischsterben in der Oder bekannt: Eine giftige Algenart sei nachgewiesen worden. Ob womöglich eine Salzeinleitung zur Vermehrung der Pflanzen führte, ist weiter unklar.

In den untersuchten Wasserproben aus der Oder sind nach Angaben von Polens Regierung toxische Algen entdeckt worden. "Das Institut für Binnenfischerei in Olsztyn hat nach weiteren Untersuchungen seltene Mikroorganismen, sogenannte Goldalgen, in Wasserproben aus der Oder gefunden", sagte Umweltministerin Anna Moskwa. Die Blüte dieser Algen könne das Auftreten von Toxinen verursachen, welche Wasserorganismen wie Fische und Muscheln töten, aber für den Menschen nicht schädlich seien.

Auf deutscher Seite war kürzlich die giftige Algenart Prymnesium parvum in der Oder identifiziert worden. Prymnesium parvum wird gelegentlich auch Goldalge genannt, dies ist aber kein biologischer Begriff. Mehrere Arten werden so bezeichnet, weil sie golden schimmern.

Weder vom Institut für Binnenfischerei in Olsztyn noch vom polnischen Umweltministerium war zunächst in Erfahrung zu bringen, wie der lateinische Name für die von Ministerin Moskwa genannte Goldalge lautet und ob es sich um die gleiche Algenart handelt, die in Deutschland entdeckt wurde. Moskwa sagte weiter, zusätzliche Untersuchungen hätten bestätigt, dass in der Oder eine Goldalgenblüte aufgetreten sei. Die Ursache für die Algenblüte werde noch untersucht.

Umweltministerium in Brandenburg unter Druck

Das Fischsterben in der Oder beunruhigt seit Tagen die Menschen, die in Polen und Deutschland an dem Fluss leben. Nach Angaben des Umweltministeriums in Brandenburg werden derzeit eigene Warn- und Meldeketten überprüft. Es gehe unter anderem darum, ob die bestehende Messpraxis neu bewertet und angepasst werden müsse, hieß es am Nachmittag. Der "Spiegel" hatte zuvor berichtet, das Landesamt für Umwelt habe bereits Anfang August registriert, dass sich das Wasser der Oder verändert habe. Die Brandenburger Behörde sei aber tatenlos geblieben, hieß es unter anderem in dem Bericht.

"Von den bis dahin in der automatisierten Messstelle in Frankfurt (Oder) gemessenen Werten allein war nicht von einem Fischsterben auszugehen", teilte dazu eine Ministeriumssprecherin mit. Auch in der Vergangenheit hatte es ihr zufolge schon deutlich hohe Werte gegeben, die auf Salzfrachten hingedeutet, aber kein Fischsterben in der Oder ausgelöst hätten. Erhöhte Salzkonzentrationen in der Oder gibt es dem Ministerium zufolge bereits seit vielen Jahrzehnten.

Die automatische Messstation Frankfurt (Oder) verzeichnete vom 7. zum 8. August einen Anstieg der Kurven bei den Parametern Leitfähigkeit, Sauerstoffgehalt und Chlorophyll. Diese waren laut Umweltministerium für sich allein noch nicht interpretationsfähig. Insbesondere lieferten sie mit Blick darauf, dass die Oder ohnehin wegen des extremen Niedrigwassers, starker Hitze und hoher Wassertemperaturen unter Stress stehe noch keine direkteren Hinweise. Die Werte seien aber weiter beobachtet worden.

"Kein Datenrückfluss": Polen in der Kritik

Nach internationaler Vereinbarung hätte die polnische Seite das für die Oder geltende Meldesystem auslösen müssen, als ein massenhaftes Fischsterben dort bekannt wurde. Das habe Polen bis heute nicht getan, stellte die Ministeriumssprecherin klar. Man hätte mit einer Warnung bessere Vorkehrungen treffen können, etwa Sperren errichten. Nun lieferten die Landesbehörden ständig Daten an die polnische Seite, von dort komme aber nichts, berichtete Zelt. Dem Ministerium sei bislang von den polnischen Behörden lediglich mitgeteilt worden, dass Gewässerproben entnommen wurden und Fische untersucht würden.

Der Gewässerökologe Christian Wolter hatte die giftige Alge bereits am Mittwoch als möglich Ursache des Fischsterbens genannt: "Die Art ist bekannt dafür, dass es gelegentlich zu Fischsterben kommt". Unklar sei aber nach wie vor, ob das Toxin der Alge der Grund für das Fischsterben in der Oder sei. Ob sie in diesem Fall Giftstoffe produziert hat, müsse noch nachgewiesen werden, betonte der Forscher des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Er sprach von einer massiven Algenblüte mit 200 Mikrogramm pro Liter und mehr als 100.000 Zellen pro Milliliter Wasser und vermutete eine Salzeinleitung in den Fluss als Auslöser.

"Ursachenforschung eine wahre Sisyphusarbeit"

Noch ein weiterer Experte sah die massive Vermehrung bestimmter Algen als entscheidenden Faktor. "Für mich stellt sich das relativ plausibel so dar, dass es zu dieser massiven Vermehrung von Algen gekommen ist - und im Zusammenhang ist die Abgabe von toxischen, von diesen Algen produzierten Substanzen gut dokumentiert", sagte Jörg Oehlmann, Leiter der Abteilung Aquatische Ökotoxikologie an der Goethe-Universität Frankfurt. "Von diesen Toxinen wissen wir auch, dass sie schon bei recht niedrigen Konzentrationen derartiges Fischsterben verursachen können." Ob dies letztlich Blaualgen seien oder etwa die zuletzt in der Oder identifizierte giftige Algenart Prymnesium parvum bleibe aber erst noch zu klären, so Oehlmann.

Das Phänomen des massenhaften Algenwachstums ist Oehlmann zufolge entweder auf die hohen Temperaturen und die starke Sonneneinstrahlung oder die menschengemachte Einführung bestimmter Substanzen zurückzuführen. Die Ursachenforschung zu der Katastrophe durch Analyse der Stoffe in der Oder sei nun eine wahre Sisyphusarbeit, da etwa 350.000 Substanzen potenziell in einer Wasserprobe vorhanden sein könnten - und auch eine ausführliche Diagnostik nie alle abdecke. "Es kann Wochen dauern, bis man die dahinter steckende Substanz auch wirklich identifiziert hat und beim Namen nennen kann", sagte Oehlmann.

Die EU-Kommission ist nach eigenen Angaben höchst besorgt und drängte bei den Untersuchungen zum Fischsterben in der Oder auf Ergebnisse. "Es ist höchst wichtig und dringend, die Ursache zu ermitteln und die geeigneten Maßnahmen flussabwärts zu ergreifen", sagte ein Sprecher der Brüsseler Behörde. "Je eher wir die Ursache dieser ökologischen Katastrophe ermitteln können, desto eher können wir damit beginnen, die weiteren Folgen für die Natur, die Fischerei, die Landwirtschaft und die Freizeitgestaltung zu bewältigen und zu begrenzen", sagte der Sprecher.

Quelle: ntv.de, mau/dpa

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