Panorama

Quote eigentlich ziemlich gut Es gibt weniger Impfverweigerer als gedacht

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Die Impfbereitschaft der Deutschen wird möglicherweise unterschätzt.

(Foto: imago images/penofoto)

Angesichts der aktuellen Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik gewinnt man den Eindruck, es gäbe sehr viele Impfverweigerer in Deutschland. Doch so groß ist ihre Anzahl wohl nicht, wenn man die Statistik etwas genauer betrachtet.

Mit einer Quote von aktuell rund 57 Prozent vollständig Geimpfter scheint Deutschland noch weit davon entfernt zu sein, die vom RKI angestrebte Grundimmunität zu erreichen, die ausreicht, um die für den Herbst und Winter erwartete vierte Corona-Welle möglichst flach zu halten. 85 bis 90 Prozent sind dafür wohl nötig.

Ein Grund für die niedrige Quote sind Impfverweigerer, die mit Anreizen und künftig auch mit Einschränkungen zum Umdenken bewegt werden sollen. Man hat den Eindruck, es handelt sich um sehr viele Menschen, die partout kein Vakzin in den Oberarm bekommen wollen. Doch das täuscht, so viele Impfverweigerer kann es in Deutschland gar nicht geben.

Berechnungsbasis entscheidend

Ein Problem ist die Statistik, die das Gesamtbild verzerrt darstellt und Deutschland beispielsweise im Vergleich zu Großbritannien wie ein Land der Impfmuffel aussehen lässt. Dort haben nämlich aktuell schon mehr als 75 Prozent beide Dosen und 89,2 Prozent eine Dosis erhalten. Doch die Zahlen sind nicht vergleichbar. Denn während das Königreich die Quote aufgrund der impffähigen Bevölkerung über 18 Jahre ermittelt, basiert sie in der Bundesrepublik auf der Gesamtbevölkerung.

Das heißt, während Großbritannien rein theoretisch eine Quote von annähernd 100 Prozent erreichen könnte, ist das in Deutschland unmöglich. Rechnet man die immerhin rund 13,7 Millionen Minderjährigen heraus, ergibt sich für die Bundesrepublik eine Zweitimpfungsquote von etwa 68 Prozent. Rund 75,5 Prozent haben bereits die erste Dosis erhalten.

Nicht viel schlechter als die Briten

Dieser Vergleich hinkt allerdings auch etwas. Denn während Großbritannien jetzt erst mit Impfungen der 16- und 17-Jährigen beginnt, sind in Deutschland bereits 23,2 Prozent der rund 4,5 Millionen 12- bis 17-Jährigen einmal geimpft, also knapp 1 Million. Etwa 616.500 von ihnen haben sogar schon beide Dosen erhalten (13,7 Prozent).

Bei den erwachsenen Deutschen ergeben sich daher tatsächlich Quoten von 67 und 74 Prozent. Trotzdem: So viel schlechter als das Königreich, das seine Impfkampagne früher und mit wesentlich mehr Vakzin starten konnte, steht Deutschland gar nicht da.

Was die mögliche Anzahl der Impfverweigerer betrifft, muss man noch genauer hinsehen. Denn es gibt Menschen, die sich (noch) nicht impfen lassen dürfen oder können und solche, für die es keine Impfempfehlung gibt.

Manche können nicht, manche sollen nicht

Da ist zunächst mal die Gruppe der Genesenen. Denn diejenigen, deren Infektion nachweislich mindestens 28 Tage, aber nicht länger als sechs Monate zurückliegt, gelten als vor Covid-19 geschützt. Erst darüber hinaus ist eine einzelne Impfung fällig, was die Sache noch komplizierter macht. Denn diese Impfungen werden in der Statistik nicht gesondert ausgewiesen.

In den vergangenen sechs Monaten wurden etwa 1,5 Millionen Neuinfektionen registriert, was damit auch ungefähr die Zahl der Personen wiedergibt, die als genesen gelten und daher nicht geimpft werden müssen.

Als Impfverweigerer können auch nicht Menschen gelten, für die es keine offizielle Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) gibt. Das trifft neben den Jugendlichen von 12 bis 17 Jahren bisher auch auf Schwangere zu. Im vergangenen Jahr kamen in Deutschland 773.100 Babys zur Welt. Man kann also davon ausgehen, dass aktuell ungefähr 750.000 Frauen schwanger sind, die ebenfalls nicht zu den Verweigerern gezählt werden können, wenn sie sich vorerst gegen ein Vakzin entscheiden.

Menschen, die sich nicht impfen lassen dürfen, gibt es extrem wenige. Dazu gehören einem Beitrag des BR zufolge Personen, die gegen die Impfstoffbestandteile Polyethylenglykol (PEG) oder Polysorbat 80 allergisch sind, die auch in Kosmetika zum Einsatz kommen. Davon sind aber so wenige Menschen betroffen, dass ihre Anzahl statistisch nicht relevant ist. Das Gleiche trifft auf Patienten zu, die am sogenannten Kapillarlecksyndrom leiden.

Mit Empfehlung hohe Quoten

Insgesamt gibt es aktuell also abzüglich der Kinder unter 12 Jahren, den 12- bis 17-Jährigen, Genesenen und Schwangeren rund 64 Millionen Menschen mit Impfempfehlung. Nimmt man diese Zahl als Basis, ergibt sich eine Impfungsquote von 74,5 Prozent. Und rund 82 Prozent haben bereits eine Dosis erhalten.

Es werden sicher nicht alle mitziehen, wenn - wie absehbar - die STIKO auch Schwangeren und 12- bis 17-Jährigen eine Covid-19-Impfung empfiehlt, aber die Gesamtquote dürfte noch mal einen kleinen Schub bekommen. Und wenn man davon ausgeht, dass von denen, die es sollten, aber sich bisher nicht haben impfen lassen, viele aus guten Gründen bisher einfach noch nicht konnten oder nur zu träge sind, scheint der Anteil der harten Impfverweigerer doch deutlich kleiner zu sein, als es deren laute Vertreter glauben machen wollen.

Impfbereitschaft vielleicht deutlich höher

Das bestätigt auch das vom RKI durchgeführte Covid-19-Impfquoten-Monitoring in Deutschland (COVIMO). Die jüngste Befragung ergab, dass fast 92 Prozent der Erwachsenen bereit sind, sich impfen zu lassen oder bereits geimpft sind. Bei den über 60-Jährigen gaben 94,3 Prozent an, mindestens einmal geimpft, 76,5 Prozent vollständig geimpft zu sein. Bei den 18- bis 59-Jährigen ergaben sich Werte von 79,2 und 49,5 Prozent.

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Damit werden die offiziell erfassten Quoten vor allem bei den Erstimpfungen deutlich übertroffen. Welche der Wahrheit am nächsten kommt, ist noch unklar. Das RKI schreibt, die tatsächliche Quote liege wahrscheinlich zwischen diesen Werten.

Um Klarheit zu schaffen, fordert unter anderem Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), eine unabhängige Umfrage. "Verlässliche Zahlen sind die Basis für die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen", so Marx. "Sollte die Impfquote in der Gruppe der 18- bis 59-Jährigen tatsächlich viel höher liegen als gemeldet, hätten wir gerade mit Blick auf den Herbst eine viel entspanntere Lage."

Quelle: ntv.de

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