Panorama

Parallelen zu US-Entwicklungen Fleischfabriken werden zu Corona-Hotspots

Schweinehälften passieren einen der Kontrollterminals im Zerlegebereich eines Schlachthofs. Foto: Ingo Wagner/Archivbild

Die Arbeitsbedingungen in Fleischbetrieben werden schon lange immer wieder kritisiert.

(Foto: Ingo Wagner/Archivbild)

In den USA sind Schlachthöfe und Fleischfabriken gefährliche Coronavirus-Brutstätten. In Europa zunächst nicht. Doch jetzt steigen ausgerechnet in Deutschland die Infektionszahlen in fleischverarbeitenden Betrieben massiv an. In NRW wird ein Schlachthof geschlossen, die Parallelen zu den USA sind deutlich.

In einem Fleischbetrieb im Kreis Coesfeld werden mehr als 200 Mitarbeiter positiv auf Sars-Cov-2 getestet. Daraufhin wird der Schlachthof der Firma "Westfleisch" vorläufig geschlossen. Im Kreis Steinfurt im Münsterland werden derzeit Hunderte Bewohner von Sammelunterkünften getestet. Auch sie arbeiten in fleischverarbeitenden Betrieben in der Region. Insgesamt rund 1700 Bewohner in etwa 100 Unterkünften seien aus nahezu allen Städten und Gemeinden gemeldet worden, teilte der Kreis mit.

Damit entwickelt sich eine Branche in Deutschland zum Corona-Hotspot, die auch schon in den USA aufgefallen war. Dort ruht mittlerweile die Produktion in Dutzenden Schlachthöfen und fleischverarbeitenden Fabriken, nachdem sich zahlreiche Arbeiter mit dem Coronavirus angesteckt hatten. Inzwischen sind offiziellen Angaben zufolge rund 5000 von ihnen an Covid-19 erkrankt, mindestens 20 sind gestorben.

In diesen Fabriken sind die Maßnahmen, die die Ausbreitung des Coronavirus verhindern können, kaum einzuhalten. Denn die Arbeiter stehen eng beieinander an den Fließbändern, an denen Rinder, Schweine und Hühner geschlachtet und weiterverarbeitet werden. Der Job ist außerdem körperlich sehr anstrengend, weshalb viele Arbeiter auf die schützende Maske verzichten, um besser atmen zu können. In den letzten Wochen haben 115 Fleisch- und Geflügelfabriken in den USA Covid-19-Infektionen gemeldet, berichtet Bloomberg. Einige Ausbrüche waren so schwerwiegend, dass mindestens 18 Anlagen komplett stillgelegt wurden.

Schlecht für die Arbeiter, gut für das Virus

Die Hallen für die Fleischproduktion sind immer kühl und feucht, in diesem Klima hat es das Coronavirus offenbar besonders leicht. Die großen Tierkörper bewegen zudem die Luft ständig, sodass das Virus immer weiter getragen wird. In den USA rekrutieren die Fleischfirmen ihre Mitarbeiter vor allem aus mexikanischen und mittelamerikanischen Einwanderern, die dann in Sammelunterkünften eng beieinander leben. Die meisten dieser Arbeiter haben keine Krankenversicherung, sie arbeiten bei den Konzernen für Stundenlöhne um die 15 US-Dollar, andere Arbeit gibt es in den ländlichen Gebieten kaum. US-Medienberichten zufolge wurden Arbeiter gezwungen, weiter zum Dienst zu erscheinen, obwohl sie bereits deutliche Covid-19-Symptome wie Husten und hohes Fieber zeigten.

In Europa galten ähnliche Ausbrüche lange als unwahrscheinlich, dabei ist das Bild durchaus ähnlich. In Deutschland kommen die Arbeiter der Schlachtbetriebe häufig aus Osteuropa. Auch sie leben oft in Gemeinschaftsunterkünften zusammen, in denen soziale Distanzierung kaum möglich ist. Dementsprechend verbreitet sich das Virus schnell weiter.

Der im Kreis Coesfeld geschlossene Betrieb hat rund 1200 Beschäftigte. Die Arbeiter sind nach Angaben von "Westfleisch" mehrheitlich in Wohnungen mit drei, vier oder fünf Personen untergebracht. Wie Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Montag in Düsseldorf mitteilte, wurden dort 249 von bislang rund tausend untersuchten Beschäftigten positiv auf das Coronavirus getestet. Bei 476 Beschäftigten verlief der Test demnach negativ, 278 Testergebnisse standen zunächst noch aus. Nun sollen die bis zu 20.000 Mitarbeiter aller Schlachtbetriebe in Nordrhein-Westfalen auf das Coronavirus getestet werden.

"Erhebliche epidemiologische Gefahrenquelle"

"Westfleisch" zeigte sich in einer Stellungnahme "tief betroffen über die Entwicklung in den vergangenen Tagen", wehrte sich aber gleichzeitig vor Gericht gegen die angeordnete Schließung des Schlachthofs in Coesfeld. Einen entsprechenden Eilantrag wies das Verwaltungsgericht Münster jedoch ab. In der Begründung heißt es, der Betrieb sei "aufgrund ersichtlich unzureichender Vorsichtsmaßnahmen" zu einer "erheblichen epidemiologischen Gefahrenquelle" nicht nur für die Belegschaft geworden. Es sei davon auszugehen, dass es noch eine unbestimmte Anzahl von Corona-Verdachtsfällen oder Ansteckungen dort gebe, hieß es in dem Gerichtsbeschluss.

Das Amt für Arbeitsschutz habe bei einer Überprüfung festgestellt, dass es sowohl im Bereich des Zerlegebandes als auch in den Umkleiden Probleme gebe, den Mindestabstand von 1,50 Metern einzuhalten, so das Gericht. Die Mund-Nasen-Schutzmasken würden an den Fließbändern nicht korrekt getragen. Die Firma sei nicht in der Lage gewesen, Infektionsschwerpunkte zu benennen. Gewerkschaften fordern schon seit langem schärfere Kontrollen und grundlegend bessere Arbeitsbedingungen in allen Fleischbetrieben.

In den wenigen Schlacht- und Zerlegebetrieben, die in den USA inzwischen als vorbildhaft gelten, wurden die Schutzmaßnahmen für die Arbeiter deutlich ausgebaut. Bei den Mitarbeitern wird zweimal während der Schicht Fieber gemessen. Schon wer erhöhte Temperatur hat, wird zu weiteren Symptomen befragt. Die ausgegebene Schutzkleidung wurde erweitert, die Arbeiter müssen Masken tragen, überall wurden Plexiglasscheiben eingezogen. Trotzdem kehren viele aus Angst vor dem Virus nicht an ihren Arbeitsplatz zurück. Die Debatte um die Zukunft von Fleischproduktion und -konsum hat in den USA bereits Fahrt aufgenommen.

"Westfleisch" betont, man befolge nach dem Ausbruch die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts. Die betroffenen Mitarbeiter seien ebenso wie ihre Kontaktpersonen in häuslicher Quarantäne. Nach Angaben des Gesundheitsamts seien die Krankheitsverläufe "vergleichsweise milde".

Quelle: ntv.de