Panorama

"Können Pandemie kontrollieren" Forscher feiern Brasiliens Modellstadt

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Ein Mädchen in Serrana verlässt ihre Schule nach dem Unterricht.

(Foto: AP)

Die Einwohner im brasilianischen Serrana freuen sich über Sorglosigkeit, offene Geschäfte und Besucher. In der Modellstadt sind fast alle Erwachsenen geimpft. Eine Studie zeigt überraschende Effekte. Die können auch anderswo Hoffnung machen.

Rund 300 Kilometer von São Paulo entfernt hat in den vergangenen Monaten ein Massenexperiment für das menschliche Leben stattgefunden. Während im restlichen Brasilien die Pandemie brutal wütete, erhielten in der Stadt Serrana zwischen Februar und April rund 28.000 Menschen zwei Impfdosen Coronavac aus einem Sonderkontingent. Forscher beobachten, was dabei geschah.

Die Ergebnisse des "Projeto S" geben auch anderswo Hoffnung, denn die Wissenschaftler können mehrere gute Botschaften verkünden. Die Wichtigste davon: "Wir können bestätigen, dass es möglich ist, die Pandemie zu kontrollieren, nicht nur im Labor, sondern in der realen Welt", sagte der medizinische Direktor der Studie, Ricardo Palacios, bei der Präsentation. "Der Schlüssel dazu ist die Impfung, auch gegen die Variante P1." Die brasilianische Mutation P1 ist wesentlich aggressiver als die erste weltweit verbreitete Virusvariante. Die Immunisierung hilft zudem auch den Ungeimpften. "Die Erwachsenen breiten einen Schutzschirm aus über den ungeimpften Kindern", sagte Palacios.

Brasilien ist von der Corona-Pandemie besonders schwer getroffen worden. Täglich werden derzeit mehr als 60.000 Neuinfektionen und rund 2000 Tote registriert; der Inzidenzwert liegt bei 200. Mindestens jeder Dreizehnte der 212 Millionen Einwohner war bereits infiziert. Mindestens 460.000 Menschen starben nach offiziellen Angaben. Der rechte Präsident Jair Bolsonaro handelte seit Beginn der Pandemie aktiv gegen Schutzmaßnahmen und Einschränkungen. Er profitiert dabei von großer Unsicherheit und Falschinformationen, die in der Bevölkerung zirkulieren - auch in Serrana.

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45.000 Einwohner für ein riesiges Labor: Die Mittelstadt Serrana.

(Foto: AP)

Für das Projekt sei darum Überzeugungskraft notwendig gewesen, sagt Bürgermeister Leo Capitelli in einem Videogespräch mit ntv.de: "In den sozialen Netzwerken verbreiten sich viele Impfmythen, sie hinterlassen die Menschen voller Zweifel". Die Mittelstadt liegt in der einem Zuckerrohranbaugebiet im Südosten Brasiliens, etwa 45.000 Menschen sind dort ansässig. "Wir haben deshalb intensiv mit Arbeitgebern, Geistlichen und anderen Meinungsführern zusammengearbeitet", berichtet Capitelli. "Wir sind zum Teil von Haus zu Haus gegangen, um den Leuten das Projekt zu erklären und warum es so wichtig ist, dass sie mitmachen."

Geheimplanung über ein halbes Jahr

Der hohe Einsatz hatte Erfolg. 98 Prozent der gesunden Volljährigen in Serrana bekamen zwei Dosen Coronavac verabreicht, den chinesischen, auch als Sinovac bekannten Impfstoff. Landesweit sind erst zehn Prozent der Bevölkerung geimpft. Viele der Einwohner sind Arbeitspendler. Das macht die Studienergebnisse wertvoll, da sie in Verhältnissen entstanden, die andernorts auch herrschen. Es gibt viel Kontakt mit Menschen aus unterschiedlichen sozialen Umfeldern. Das Virus ist deshalb potenziell sehr mobil. Nur eben in kleinerem Maßstab und nachweisbaren Ergebnissen.

Die Studie führte das renommierte Butantan Institut des Bundesstaats São Paulo durch. Dies produziert Coronavac in Brasilien. Die Beteiligten planten "Projeto S" ein halbes Jahr lang in aller Heimlichkeit. Damit wollten sie einen Massenumzug von Impfwilligen in die Stadt verhindern und die Bedingungen so normal wie möglich halten. Alle Erwachsenen konnten sich impfen lassen, ausgenommen waren Schwangere und Stillende oder Menschen mit schweren Vorerkrankungen. "Das ist fantastisch, an wissenschaftlichen Erkenntnissen mitgewirkt zu haben, die auf der ganzen Welt nützen können im Kampf gegen Covid-19", zeigt sich Capitelli stolz.

Rund um die Stadt herum herrschen hingegen weiterhin dramatische Zustände. Für die wird auch Bolsonaro verantwortlich gemacht. Am Wochenende gingen deshalb Menschen in weiten Teilen Brasiliens auf die Straße. Sie werfen dem Präsidenten tödliche Fahrlässigkeit vor, oder in ihren Worten "Völkermord", und fordern seine Absetzung. Nur 24 Prozent der Brasilianer sind laut Umfrage von Datafolha mit Bolsonaros Amtsführung einverstanden, 45 Prozent bewerten sie als schlecht. Fast die Hälfte der Brasilianer befürwortet ein Amtsenthebungsverfahren. Seit April ermittelt ein Untersuchungsausschuss des brasilianischen Senats 90 Tage lang gegen Bolsonaro.

Die Regierung soll sich zu spät um Impfstoffe gekümmert haben, da sie auf Herdenimmunität hoffte, sowie in der Amazonas-Metropole Manaus gleich zweimal den Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung begünstigt haben. Dort hatte sich bereits in der ersten Welle vor einem Jahr ein Großteil der Bevölkerung angesteckt. Mutmaßliche Folge war der Ausbruch der hochansteckenden, aggressiven Virusvariante P1 in der Dschungelstadt - die Manaus' Bevölkerung dann erneut infizierte und chaotische Zustände verursachte, in denen Familien händeringend nach Sauerstoff auf dem Schwarzmarkt suchen mussten, den sie dann zu ihren Angehörigen in die Krankenhäuser brachten. Wenn sie es sich leisten konnten.

Überraschender Nebeneffekt

In Serrana wollten die Forscher vor allem beobachten, welchen Einfluss eine massenhafte Impfung auf die schweren Krankheitsverläufe und solche mit Todesfolge hat. "Wir mussten ein engmaschiges System installieren, um die epidemiologischen Entwicklungen zu überwachen", erzählt der Chefarzt des öffentlichen Krankenhauses, Marco Borges, in einem Telefonat mit ntv.de: "Wir haben ausgewertet, wie sich das Virus in der Stadt bewegt." Erst wurde eine Vielzahl von Teststationen eingerichtet. Dann unterteilten die Wissenschaftler die Stadt in 25 soziale Bereiche, wo Menschen zusammentreffen, etwa bei der Arbeit. Einmal pro Woche werteten die Mitarbeiter die Daten aus den Sozialbereichen aus: Neuinfektionen, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle.

Die Bevölkerung wurde im Wochenabstand in vier aufeinanderfolgenden Gruppen mit zwei Dosen geimpft. So konnten die Forscher innerhalb von acht Wochen den Effekt der verschiedenen Stufen erfassen. Insgesamt gingen Fälle mit Symptomen um 80 Prozent zurück, die Krankenhauseinweisungen um 86 Prozent und die Todesfälle um 95 Prozent. Die Wissenschaftler um Ricardo Palacios stellten aber auch einen Nebeneffekt fest, den sie so nicht erwartet hatten. "Was uns überrascht hat war, dass in der vierten Gruppe, also die zuletzt geimpft wurde, ein deutlicher Rückgang der Infektionen, der schweren und der Todesfälle zu sehen war. Schon eine Woche, bevor sie ihre zweite Dosis erhielten." Sie profitierte von der Immunisierung der anderen.

Ergebnisse für die Welt

Auch wenn die Wirksamkeit von Coronavac geringer ist als von Impfstoffen, die etwa in Deutschland verabreicht werden, macht die Studie nicht nur den Dutzenden Entwicklungsländern Hoffnung, die ihrer Bevölkerung das chinesische Vakzin anbieten. "Wir gehen davon aus, dass Impfstoffe mit einer höheren Wirksamkeit, von 90 Prozent oder mehr, die Schwelle bis zur Herdenimmunität absenken", sagt Chefarzt Marco Borges. "Man würde es dann also mit einer kleineren Zahl Geimpfter bereits schaffen, die pandemische Verbreitung des Virus auszubremsen."

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Ein- und ausgehender Verkehr wird kontrolliert.

(Foto: AP)

Eine ganze Stadt als Labor - der Aufwand in Serrana war laut den Beteiligten enorm, aber lohnend. Die Ergebnisse der Studie hätten die Menschen optimistischer gemacht und ihnen Sorgen genommen, berichtet Marco Borges: "Was ich spüre, ist ein gewisser Stolz, Teil dieser besonderen Studie zu sein. Die Menschen sind stolz, aus Serrana zu kommen."

Die Erkenntnisse aus der Modellstadt könnten über Brasilien hinaus die Diskussionen beeinflussen, wie eine massenhafte Impfung ablaufen sollte, um Menschenleben zu retten. Und darüber hinaus, wie dies von der Wirtschaft weiteren Schaden abwenden könnte. Bolsonaros eigenes Argument, eben die dürfe nicht unter Kontaktbeschränkungen leiden, könnte sich so gegen ihn wenden. Besonders in einkommensschwächeren Bevölkerungsschichten sind die Menschen darauf angewiesen, vor Ort zu arbeiten, etwa als Händler, Putz- oder andere Servicekräfte. Sie spüren die Auflagen an ihrem ohnehin schon geringen Einkommen besonders.

In Serrana bemerkt Bürgermeister Capitelli bereits den entsprechenden Effekt für die Wirtschaft: Dank der massenhaften Impfungen läuft es, Supermärkte und andere Geschäfte etwa sind wieder zugänglich wie zuvor - im Gegensatz zu anderen Orten im Bundesstaat São Paulo, wo die Situation weiterhin kritisch ist und die Einschränkungen gelten. "Das Interesse an der Stadt ist stark gewachsen durch Projeto S", berichtet er. Der Verkehr in die Stadt und aus ihr heraus werde kontrolliert, Mitarbeiter machten Besucher auf Verhaltensregeln aufmerksam. "Wir wollen Investoren und neue Unternehmen anlocken, um die Arbeitslosigkeit zu drücken", zeigt sich Capitelli hoffnungsfroh: "Für Serrana wird es eine Zeitrechnung vor dem Projeto S geben. Und eine danach."

Quelle: ntv.de

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