Panorama

Dramatische Corona-Entwicklung Frohe Weihnachten kaum noch möglich

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Geht die Entwicklung so weiter, wird es zu Weihnachten erneut hohe Corona-Todeszahlen und überlastete Intensivstationen geben.

(Foto: picture alliance / ZB)

Die Corona-Lage verschärft sich rapide. Die Neuansteckungen gehen senkrecht in die Höhe, entsprechend nehmen die schweren Erkrankungen und die Todeszahlen zu. Geht die Entwicklung so weiter, ist ein unbeschwertes Weihnachtsfest kaum noch möglich - vor allem mit Blick auf das neue Jahr.

Vor genau einem Jahr betrug in Deutschland die 7-Tage-Inzidenz 155 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Auf den Intensivstationen wurden 3376 Corona-Patienten behandelt, im Wochenschnitt wurden täglich 168 neue Covid-19-Tote registriert. Durch Impfungen und Tests kann das Land jetzt höhere Inzidenzen verkraften, doch angesichts der enorm schnell steigenden Fallzahlen und Personalnotstände ist der Puffer bereits aufgebraucht. Weihnachten droht auch in diesem Jahr ein trauriges Fest zu werden.

Heute liegt die 7-Tage-Inzidenz in Deutschland erstmals über 300, ist also rund doppelt so hoch wie vor zwölf Monaten. Damals konnte ein "Lockdown light" den Anstieg wenigstens vorübergehend bremsen. Ob 2G, 2G plus und 3G-Regeln, Lockdowns für Ungeimpfte oder andere mögliche Maßnahmen eine ähnliche Wirkung haben werden, ist ungewiss.

Viel hängt von der Konsequenz der Durchführung ab, doch schon jetzt kündigen Behörden an, die erforderlichen Kontrollen nicht leisten zu können. Und selbst wenn die Maßnahmen wirken, tun sie dies erst mit großer Verzögerung.

Intensivstationen schon jetzt in Not

Besonders schlecht sieht es bereits auf den Intensivstationen aus, von denen etliche schon ihre Kapazitätsgrenzen erreicht haben. Aktuell werden dort fast 3200 Covid-19-Patienten behandelt, also fast schon wieder so viele wie vor einem Jahr.

Die Lage ist tatsächlich sogar dramatischer als im November 2020, denn damals gab es noch rund 5700 betreibbare freie Betten. Heute sind es noch knapp 2700, also weniger als die Hälfte. Das liegt vor allem am eklatanten Personalmangel, der sich im Laufe des Jahres verschärft hat. Viele Pflegerinnen und Pfleger haben erschöpft und entnervt gekündigt, Nachwuchs kann kaum rekrutiert werden.

Deshalb nützt auch die sogenannte Notfallreserve wenig, die FDP-Vize-Chef Wolfgang Kubicki "endlich aktiviert" sehen möchte. Auch für diese Betten wird Personal benötigt, das von anderen Stationen abgezogen werden muss. Das bedeutet unter anderem, dass nicht unbedingt erforderliche Operationen verschoben werden müssen.

Weihnachten mehr als 5000 Intensivpatienten möglich

Andererseits ist Personal aus anderen Stationen nur bedingt auf Intensivstationen einsetzbar, für komplizierte Fälle mit künstlicher Beatmung sind sie selten geschult. Das Gleiche ist bei Leasing-Kräften der Fall, mit denen die Krankenhäuser die Lücken zu füllen versuchen.

Das ausgelaugte Intensiv-Personal wird die aktuelle Entwicklung vermutlich mit Schrecken verfolgen. In den vergangenen vier Wochen hat sich die Zahl ihrer Patienten nahezu vervierfacht. Steigt sie weiter in diesem Tempo an, könnten sie zu Weihnachten weit mehr als 5000 Menschen versorgen müssen. Das wären praktisch ebenso viele wie vor einem Jahr, aber mit deutlich weniger Personal.

Schon jetzt melden von 1321 Krankenhäusern dem DIVI-Intensivregister 587 einen eingeschränkten, 287 einen teilweise eingeschränkten Betrieb. Nur noch 315 arbeiten regulär, 132 machten keine Angaben.

Höhepunkt Ende Januar

Der Höhepunkt wäre damit aber noch lange nicht erreicht und es könnte auch noch weit schlimmer kommen. Um eine ungefähre Vorstellung davon zu erhalten, was passiert, wenn die Maßnahmen nicht oder nur unzureichend greifen, kann man den Covid-Simulator der Universität des Saarlands zu Hilfe nehmen.

Das Modell ergibt bei einer ungebremsten Entwicklung bereits zu Weihnachten 15.000 Corona-Intensivpatienten bei einer 7-Tage-Inzidenz über 1100 Ansteckungen pro 100.000 Einwohner. Der Höhepunkt der Welle wäre Ende Januar mit rund 1700 Neuinfektionen erreicht, mit etwas Verzögerung folgen die Intensivstationen mit fast 29.000 Patienten. Christian Karagiannidis, Leiter des DIVI-Intensivregisters, geht davon aus, dass derzeit 0,9 Prozent aller Neuinfektionen intensiv behandelt werden müssen.

So heftig, wie es der Covid-Simulator errechnet, wird es Deutschland aller Wahrscheinlichkeit nach aber nicht treffen. Modelle zeigen nur mögliche Entwicklungen, hier beispielsweise, was im Extremfall passieren kann. Weder die Wirkung der neuen Regeln, noch unbekannte Faktoren sind berücksichtigt. Unter anderem könnten die Menschen ihre Kontakte freiwillig einschränken, was sie in der Pandemie bereits mehrmals getan haben.

Todeszahlen schon auf Vorjahresniveau

So oder so wird sich die Lage bis Weihnachten noch zuspitzen, vor allem in den Krankenhäusern, wo einschränkende Maßnahmen erst mit Verzögerung Wirkung zeigen. Die Frage ist nicht, ob die Zahlen weiter steigen, sondern wie stark. Das trifft auch auf die Todeszahlen zu, die bereits das Vorjahresniveau erreicht haben. Am 15. November 2020 wurden im 7-Tage-Schnitt 168 an Covid-19 Verstorbene gezählt, aktuell sind es 165.

Die aktuelle Kurve ähnelt stark dem Anstieg vor zwölf Monaten. Damals starben zu Weihnachten etwa 600 Menschen im Wochenschnitt an Corona, im Januar waren es zum Höhepunkt fast 900. Der Covid-Simulator errechnet im schlimmsten Fall täglich rund 800 Corona-Tote zu den Festtagen, Ende Januar könnten es dem Model nach doppelt so viele sein.

Impfungen verhindern Schlimmeres

Auf den ersten Blick scheint die Entwicklung ein Beleg für die Unwirksamkeit der Impfungen zu sein. Doch das ist ein Denkfehler, ohne Vakzine wären die Opferzahlen viel höher. Das geht unter anderem aus den britischen Statistiken hervor, die fast alle Corona-Infektionen, -Hospitalisierungen und -Sterbefälle nach Altersgruppen und Impfstatus erfassen.

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Die Covid-19-Sterberaten betrugen in Großbritannien zuletzt bei den geimpften über 80-Jährigen 52,9 Tote pro 100.000 Einwohner, bei den ungeimpften 125. Bei den Hospitalisierungen waren es 62,3 und 133,7 Fälle. In der Gruppe der 70-bis 79-Jährigen lagen die Raten bei 14,6 und 46,8 beziehungsweise 33,8 und 80,5.

In den jüngeren Altersgruppen sind die Unterschiede noch deutlicher. Beispielsweise betrug bei den 50- bis 59-Jährigen die Hospitalisierungsrate der Geimpften nur 9,7 Fälle pro 100.000 Einwohner, die der Ungeimpften 46,4. Die Raten der Todesfälle: 1,3 und 7,9.

Quelle: ntv.de

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