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"Polizei hat Silke erschossen" Gladbeck-Geisel erhebt schwere Vorwürfe

Mehr als 19 Stunden befand sich Ines Voitle in der Gewalt der Gladbecker Geiselgangster. Bei der Befreiungsaktion wird ihre Freundin erschossen. Den tödlichen Schuss sollen die Geiselnehmer abgegeben haben. Doch Ines Voitle glaubt nicht daran.

Das Geiseldrama von Gladbeck begann am 16. August 1988 mit einem Überfall auf eine Filiale der Deutschen Bank im Gladbecker Stadtteil Rentfort-Nord. Insgesamt 54 Stunden flohen die Täter Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski mit ihren Geiseln quer durch Deutschland und die Niederlande. In Bremen brachten sie einen voll besetzten Bus in ihre Gewalt, unter den Insassen Ines Voitle und Silke Bischoff.

Die damalige Geisel Ines Voitle erhebt nun schwere Vorwürfe gegen Polizei, Sicherheitsbehörden und Medien. Am 18. August 1988 überlebte sie, getroffen von einer Polizeikugel, leicht verletzt die Befreiungsaktion eines Sondereinsatzkommandos auf der Autobahn A3 zwischen Köln und Frankfurt. Ihre Freundin Silke Bischoff wurde bei dem Zugriff getötet.

"Er hätte es nicht gewagt, Silke zu erschießen"

Voitle und ihre Freundin befanden sich mehr als 19 Stunden in der Gewalt der Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski. Im späteren Prozess wurde der Geiselnehmer Rösner für den tödlichen Schuss zur Verantwortung gezogen. Voitle sagt nun in einem Interview dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: "Ich glaube daran nicht. Er hätte es nicht gewagt, Silke zu erschießen. Die Polizei hat Silke erschossen." Es sei wie bei ihr "eine Kugel von draußen" gewesen. Voitle widerspricht damit Gutachten, die nach der Tat ergaben, dass Silke Bischoff durch eine Kugel aus Rösners Waffe gestorben ist.

Die Polizei habe sich bis heute nicht bei ihr entschuldigt, klagt die Gladbeck-Geisel in dem Interview. "Das kommt jetzt noch. Der Bremer Senat trifft sich mit mir und will wissen, wie es mir geht. Besser spät als nie."

Auch gegen den damaligen Innenminister von NRW, Herbert Schnoor, erhebt sie schwere Vorwürfe: "Er hatte uns zum Abschuss freigegeben. Er hatte gesagt: Macht dem Ganzen ein Ende, egal wie. Unser Leben war also nichts mehr wert."

Die Eindrücke von damals verfolgten sie bis heute, sagt Voitle. "Die Bilder und Fotos, die im Umlauf waren, Gerüche von Schweiß, Blut und Urin, die ich aus dem Bus kannte - das alles lässt mich heute noch erschaudern und versetzt mich immer noch in Panik", so Voitle. "Und die Schüsse klingen immer noch im Ohr. Silvester war lange Zeit die Hölle für mich."

Schwere Fehler wirft die damalige Geisel auch den Medien vor. "Die Menschenwürde war nicht mehr da. Sie waren alle sensationsgeil". Sie habe sich wie "Schlachtvieh" gefühlt.

54 Stunden Flucht durch Deutschland und die Niederlande

Am 16. August 1988 hatten Degowski und Rösner in Gladbeck zunächst eine Bankfiliale überfallen und Geiseln genommen. Live verfolgt von Fernsehen und Radio flohen sie daraufhin quer durch Deutschland und die Niederlande. In Bremen kaperten sie am 17. August 1988 einen Linienbus im Stadtteil Huckelriede mit 32 Passagieren.

Zwei der Businsassen wurden von den Geiselnehmern getötet. Der 15-jährige Italiener Emanuele de Georgi wurde von Degoswki im Bus erschossen, Silke Bischoff später bei der Polizeiaktion auf der Autobahn A3. Dabei wurde die Geiselnahme beendet. Das dritte Opfer war ein Bremer Polizeibeamter, der während des Einsatzes durch einen Verkehrsunfall starb.

Am 30. Jahrestag des Geiseldramas wollen Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und Bremens Regierungschef Carsten Sieling (SPD) mit Kranzniederlegungen der Opfer gedenken. Gemeinsam besuchen sie das Grab von Silke Bischoff auf dem Friedhof Heiligenrode in Stuhr bei Bremen.

Laschet bittet Opfer um Vergebung

In Bremen soll noch in diesem Jahr in Absprache mit den Angehörigen und dem Ortsbeirat Huckelriede über einen Erinnerungsort in der Nähe des Busbahnhofs entschieden werden. In Süditalien soll Ende der Woche zudem auf dem Friedhof der Stadt Surbo ein Kranz für den damals 15-jährigen Emanuele de Georgi niedergelegt werden. Bremens Bürgermeister Sieling bat die deutsche Botschaft in Italien um Mithilfe und schickte ein Kondolenzschreiben an die Familie.

NRW-Ministerpräsident Laschet bat in dieser Woche die Angehörigen der drei Todesopfer und die weiteren Opfer öffentlich um Vergebung. "Es ist die oberste Pflicht des Staates, seine Bürger zu schützen. Dies ist ihm in Gladbeck und in den Stunden danach unter dramatischen Umständen nicht gelungen", sagte Laschet der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Quelle: n-tv.de, pvo/dpa/AFP

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