Panorama

Mehr Infektionen, mehr Patienten Großbritanniens Kliniken füllen sich

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Die neue Corona-Welle in Großbritannien bringt wieder mehr Patienten in die Krankenhäuser.

(Foto: picture alliance/dpa/PA Wire)

Die Delta-Variante treibt die Infektionszahlen in Großbritannien rasant in die Höhe. Immer mehr Covid-19-Patienten müssen in Kliniken. Dennoch will die britische Regierung schon bald alle Maßnahmen aufheben. Experten schlagen Alarm.

Wenige Tage nach dem EM-Finale in London verzeichnet Großbritannien mit 42.302 nachgewiesenen Neuinfektionen binnen eines Tages aktuell den höchsten Wert seit dem 15. Januar. Das ist kein Ausbrecher, die Fallzahlen steigen im Vereinigten Königreich kontinuierlich steil an, die Sieben-Tage-Inzidenz kletterte in den letzten vier Wochen von 75 auf über 360. Hinzu kommt: Immer mehr Patienten werden mit Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert.

Ursache für die hohen Fallzahlen ist die deutlich ansteckendere Delta-Variante, die derzeit auf der Insel grassiert. Sie ist inzwischen für 95 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich, wie aus Daten der britischen Gesundheitsbehörde hervorgeht. Dennoch will Premierminister Boris Johnson am 19. Juli fast alle Corona-Maßnahmen aufheben und sein Land weitgehend in die Normalität zurückführen. Abstandsregeln und Maskenpflicht enden dann, Nachtclubs dürfen wieder öffnen, zudem gibt es keine Zuschauerbeschränkungen bei Veranstaltungen mehr.

Die Regierung verlässt sich bei ihren Öffnungsplänen auf die hohe Impfquote. Fast 68 Prozent der Briten haben bereits eine Spritze bekommen. Die Hälfte der Bevölkerung ist vollständig geimpft. Dabei sei das immer noch zu wenig, um eine schützende Herdenimmunität zu erreichen, warnten britische Experten zuletzt. Zudem sind die Corona-Impfstoffe bei Delta durchlässiger als erhofft. Obwohl das Astrazeneca-Vakzin, mit dem die meisten Briten geimpft sind, mit 92 Prozent zuverlässig vor schweren Verläufen schützen soll, tut es dies aber auch erst 14 Tage nach der zweiten Dosis. Laut des französischen Instituts Pasteur habe eine einzelne Astrazeneca-Dosis "wenig bis gar keine Wirksamkeit" gegen die Delta-Mutante.

"Unethisch und unlogisch"

Sind die Infektionszahlen extrem hoch, nehme auch in den jüngeren Altersgruppen der Anteil schwerer Verläufe zu, erklärte Christian Karagiannidis, verantwortlich für das DIVI-Intensivbettenregister, der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Es sei entscheidend, dass Masken- und Abstandspflicht bestehen bleiben. "Wenn man alle Maßnahmen wegließe, hätten wir es angesichts eines natürlichen R-Werts der Delta-Variante von sechs mit einer schnellen Durchseuchung all jener zu tun, die nicht geimpft sind."

Die britische Regierung hat offen zugegeben, dass sie hohe Fallzahlen in Kauf nimmt - Gesundheitsminister Sajid Javid etwa sagte vergangene Woche dem Sender Sky News, die täglichen Neuinfektionen könnten im Lauf des Sommers auf 100.000 ansteigen. Das sind weit mehr als in der bisher größten Welle im Januar. Aber er setzt darauf, dass sich dies dank des Impfprogramms nicht automatisch in einen starken Anstieg der Hospitalisierungen übersetzen wird.

Doch bereits jetzt ist ein eben solcher Anstieg zu beobachten. Wurden Mitte Juni noch rund 1500 Covid-Patienten in den Kliniken behandelt, sind es inzwischen mehr als 3600. Und auch die Zahl der beatmeten Patienten hat sich innerhalb des gleichen Zeitraums mehr als verdoppelt. Noch ist das zwar kein Grund zur Panik, aber angesichts der geplanten Lockerungen zumindest ein Grund zur Sorge. Viele Epidemiologen schlagen daher Alarm. "Unethisch und unlogisch", nennt eine Gruppe von Pandemie-Experten im Fachjournal "The Lancet" die Strategie der Regierung. Die aktuelle Welle werde mit großer Wahrscheinlichkeit exponentiell wachsen, bis "Millionen infiziert sind und damit Hunderttausende an Langzeiterkrankungen leiden".

Viele Wissenschaftler kritisieren auch, dass der Fokus auf die Hospitalisierungen zu kurz greift: Denn auch ohne dass jemand ins Krankenhaus muss, kann Covid-19 schwere Gesundheitsschäden verursachen. Bislang haben in Großbritannien rund zwei Millionen Menschen Long-Covid entwickelt. Fast 400.000 zeigen auch ein Jahr nach der Erkrankung noch Symptome. Wenn die Neuinfizierungen rasant in die Höhe schnellten, würden unweigerlich auch die Fälle von Long-Covid zunehmen, warnt die Epidemiologin Deepti Gurdasani von der Queen Mary University "Hunderttausende werden eine chronische Krankheit entwickeln, die wir noch nicht verstehen oder behandeln können."

Quelle: ntv.de

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