Panorama

"Kulturwandel" nötig Gutachten: System Kirche fördert Missbrauch

137277944.jpg

Laut dem Gutachten vergingen sich Priester aus dem Bistum Aachen in den letzten Jahrzehnten wohl an mindestens 175 Kindern.

(Foto: picture alliance/dpa)

Im Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen in den eigenen Reihen ist es ein Novum: Das Bistum Aachen gewährt Gutachtern vollständige Einsicht in dessen Unterlagen. Die Juristen finden zahlreiche Opfer. Ihre wichtigste Empfehlung ist: Die Kirche muss ihre Leitungsämter für Frauen öffnen.

Als eines der ersten Bistümer in Deutschland hat das Bistum Aachen ein unabhängiges und ohne Einschränkungen erstelltes Gutachten über den eigenen Umgang mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs veröffentlicht. Die vom katholischen Bistum beauftragte Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl stellte ihr Gutachten in Anwesenheit von Bischof Helmut Dieser bei einer im Internet übertragenen Pressekonferenz vor. Die Gutachter konnten nach Darstellung beider Seiten frei agieren und waren ausdrücklich aufgerufen, die Namen derer zu benennen, die in der Vergangenheit möglicherweise etwas vertuscht hatten. Die Unterstützung des Bistums Aachen sei "grenzenlos" gewesen, lobte der Jurist Ulrich Wastl.

Die Gutachter fanden bei ihren Recherchen Hinweise auf 175 Missbrauchsopfer im Bistum Aachen bis 2019, die meisten davon Jungen, besonders aus der Altersgruppe der 8- bis 14-Jährigen. In mehreren Fällen seien Priester, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht und teilweise Haftstrafen abgesessen hätten, wieder in Gemeinden eingesetzt worden. Dort hätten einige dann erneut Kinder missbraucht. Das Gutachten bestätigt damit ein Prinzip, das aus der Studie der Bischofskonferenz und aus Einzelfällen bereits zur Genüge bekannt ist: Opfer galten in der Kirche tendenziell als Störenfriede. Als Täter überführte Kleriker wurden geschützt und wieder eingesetzt.

Missbrauch hat "systemische Ursachen"

Persönliche Mitverantwortung sehen die Gutachter bei mehreren früheren Aachener Bischöfen, unter ihnen Klaus Hemmerle (1929-1994) und Heinrich Mussinghoff, der bis 2015 an der Spitze des Bistums stand. Die Präsentation des Gutachtens hatte jedoch nichts von einem Tribunal. Es ging den Juristen erkennbar nicht darum, einzelne Verantwortungsträger an den Pranger zu stellen. Vielmehr wollten sie die "systemischen Ursachen" des Missbrauchs herausarbeiten, die solche Verbrechen an Kindern und Jugendlichen nach ihrer Überzeugung bis heute begünstigen.

Dazu gehört für sie zum einen die quasi unangreifbare Stellung des Priesters als Mittler zwischen Gott und den Menschen. So jemand kann sich nach früher weit verbreitetem Verständnis eigentlich gar nicht schuldig machen. Ein zweiter wesentlicher Punkt ist für die Gutachter das problematische Verhältnis der Kirche zur Sexualität. Sexualität werde rein negativ gesehen - darüber zu sprechen, hätten viele Amtsträger nie gelernt.

Die wichtigste Empfehlung lautet: Die Kirche muss ihre Leitungsämter für Frauen öffnen. Nur so könne ihr "männerbündisches System" aufgebrochen und ein "Kulturwandel" erreicht werden. Dass die Kirche diesen Rat beherzigt, ist jedoch absolut nicht in Sicht. Das Priestertum und damit auch alle Bischofsämter bleiben Männern vorbehalten - mit dem schlichten Hinweis darauf, dass die zwölf Apostel von Jesus vor 2000 Jahren in der römischen Antike auch alle Männer gewesen seien.

Gutachten als "Goldstandard" bei der Missbrauchsaufklärung

Mehr zum Thema

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller bewertete das Gutachten als "qualitativ präzise" und "fachlich hochwertig". Bei der Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche gebe es ab jetzt einen "Goldstandard". "Hinter diesen Bericht wird kein Bistum zurückgehen können, und jeder weiß jetzt, welche Angst das Erzbistum Köln umtreibt, verzweifelt den für Köln erstellten Bericht mit allen Kräften nicht der Öffentlichkeit zu übergeben", sagt der Münsteraner Professor.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hatte bei derselben Kanzlei eine ähnliche Untersuchung bestellt, die schon seit mehr als einem halben Jahr fertig ist. Durchgesickert ist bereits, dass darin unter anderem der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße - ehemals Personalchef in Köln - kritisch beurteilt wird. Die geplante Veröffentlichung des Gutachtens wurde von Woelki jedoch mittlerweile ganz abgesagt - es fehle die nötige Rechtssicherheit. Der Aachener Bischof Helmut Dieser hat sich von Woelkis Bedenken nicht abschrecken lassen. Kirchenrechtler Schüller meint: "Dem Bischof von Aachen ist für seinen Mut und seine Entschlossenheit zu danken."

Quelle: ntv.de, jhe/dpa