Panorama

Eine für alleHabe ich mich übergriffig verhalten?

06.09.2026, 07:13 Uhr imageEine Kolumne von Sabine Oelmann
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Helfen? Oder lieber lassen? Vielleicht lieber einmal zu viel fragen, als gleichgültig zu werden. Oder?

Vielleicht habe ich mich Anfang dieser Woche übergriffig verhalten. Vielleicht aber auch nicht. Der Polizist dankte mir, der Bürgerin, jedenfalls für meine beherzte, engagierte Aktion. Ich war kurz froh. Bis mich Zweifel einholten.

Wir haben es ein bisschen eilig, meine eine Tochter und ich, und fahren am Heidelberger Platz in Berlin bei Dunkelgrün über die Ampel. Auf der Mittelinsel steht ein alter Mann, schief wie der Turm von Pisa, wir nehmen ihn aus den Augenwinkeln wahr, wollen weiter, er erinnert uns aber zu sehr an Opa. Der Pullover in einer undefinierbaren Farbe, die Hose zu locker, das Haar weiß.

Wir zögern, schauen uns an, bleiben hinter der Ampel stehen, ich parke. Meine Tochter läuft zu ihm, er wankt. Sie fragt, ob sie helfen kann, ihr Telefon läuft, ich höre es. Er will nach Hause. "Wo ist denn zu Hause?", fragt sie. Er nennt ihr eine Adresse in der Nähe. Er hat einen 50-Euro-Schein und einen Schlüssel in der Hand. "Mami, er hat eine riesige Platzwunde am Kopf und ein Krankenhausbändchen am Handgelenk. Ich glaube, der ist gerade aus dem Krankenhaus drei Straßen weiter ausgebüxt", sagt sie leise in ihr Handy. Sie kann ihn überreden, in meine Richtung zu laufen, denn ich parke falsch, und sie verspricht, ihm ein Taxi zu rufen. Das wollen wir beide aber nicht, der Mann blutet, er hat unglaublich viel Kruste im Gesicht, er wirkt schwach und verwirrt.

Als ich ihn auf sein Krankenhausbändchen anspreche, versucht er, es hinter seinem Rücken abzufummeln. Es fällt auf den Boden. Ich verwickele ihn in ein Gespräch und laufe langsam mit ihm in Richtung Krankenhaus. Wir sprechen über seine Kinder, die natürlich Ärzte sind, deswegen müsse er auch nicht ins Krankenhaus, und überhaupt, alles sei in bester Ordnung. Er läuft sehr schlecht. Je weiter wir auf das Krankenhaus zusteuern, desto langsamer wird er. Etwas ausgefressen haben kann er nicht, denke ich, dazu ist er gar nicht in der Lage.

Ich rede auf ihn ein: "Man wird Ihnen dort helfen. Wir meinen es doch nur gut. Lassen Sie die Wunde versorgen und danach können Sie nach Hause." Er lächelt und schüttelt den Kopf, das will er nicht. Er sagt auch, ich solle jetzt ruhig gehen, denn ich hätte doch bestimmt keine Zeit. Das stimmt, aber ich lasse ihn auf keinen Fall am Wegesrand stehen, damit der nächste Trottel anhält und sich um ihn kümmern will. Er lächelt.

Keine Zeit für so was?

Schließlich sage ich ihm, dass ich ein Taxi rufe. Ich rufe aber bei der Feuerwehr an. Da kann leider niemand rangehen, weil absoluter Alarm in Berlin-Wilmersdorf zu herrschen scheint. Ich lege auf und wähle die 110. Da geht ein sehr freundlicher Mensch ans Telefon und sagt, dass die Polizei eigentlich keine Zeit dafür hätte - alter Mann auf der Straße, Wunde, Krankenhausnähe, Verwirrung - aber er würde sehen, was er tun kann.

Zwei Minuten später rasen zwei Streifenwagen mit Blaulicht auf den Bürgersteig, auf dem wir uns befinden, mindestens fünf Polizisten kommen auf uns zu. Ich bin beeindruckt. Auch sie versuchen, den alten Mann dazu zu bewegen, in das inzwischen nur noch 200 Meter entfernte Krankenhaus mitzukommen, meine Tochter und ich habe ihn so zugetextet, dass er gar nicht gemerkt zu haben scheint, wie wir gelaufen sind. Der alte Mann schüttelt jedoch den Kopf. Nein, nein, nein, er will nach Hause. Er schwankt allerdings immer bedenklicher. Wir setzen ihn auf den Boden.

Der Netteste der Polizisten versucht die Enkel-Tour: "Sie erinnern mich an meinen Großvater. Ich würde mir wünschen, dass sich jemand so um ihn kümmert, wie wir das hier gerade tun, wenn es ihm schlecht ginge." Der alte Mann lächelt. Ein anderer Polizist sagt, warum auch immer, dass die Krankenhäuser in Deutschland spitze sind und man in so einem Fall auch nichts bezahlen müsse, er solle froh sein über so ein gutes System. Ich nehme an, unser alter Herr hier weiß das eigentlich. Irgendwas passt ihm aber nicht.

Sein Pullover in der undefinierbaren Farbe ist vollgekleckert, ich schätze, dass er normalerweise gepflegter unterwegs ist, und ich bestätige mir selbst, dass es gut war, die Polizei zu rufen. Denn hundertprozentig überzeugt bin ich nicht, weil ich den freien Willen jedes Einzelnen sehr schätze und ich mich so sehr daran erinnert fühle, wie ich mich über diverse Willensäußerungen meiner Eltern hinweggesetzt habe, weil ich, und die Ärzte, der Meinung waren, es wäre nicht mehr möglich, ihren freien Willen zuzulassen oder ernst zu nehmen, wenn wir ihr Bestes wollen würden. Ja, ich will jetzt auch wieder das Beste, der alte Herr tut mir leid, er sitzt, gehalten von drei Polizisten, auf dem Boden, und sie sagen, wir können jetzt gehen. Wir hätten alles richtig gemacht.

Der eine Polizist kommt aus den Streifenwagen zurück und sagt noch, er hätte den alten Herrn erkannt, weil er ihn heute in dem (bereits oft erwähnten) Krankenhaus um die Ecke zuvor gesehen hätte. Er, der Polizist, war wegen eines anderen Falles da, und sie würden ihn jetzt wieder dorthin bringen.

Besser haben als brauchen

Meine Tochter und ich wissen nun nicht, was aus dem alten Herrn geworden ist. Wohnt er wirklich an der von ihm genannten Adresse? Ging es ihm doch besser, als er aussah? Hat er nicht ein Recht darauf, das zu machen, was er will? Habe ich jemanden "zu seinem Glück" gezwungen, weil ich so ein bekloppter Gutmensch bin? Ich stelle abschließend fest: Ich kann mit meinem Zweifel leben. Ich könnte schlechter damit leben, wenn wir ihn hätten stehen lassen, so wie er aussah und wirkte.

Und nein, ich rette nicht die ganze Welt, ich werde aber auch nicht in Gleichgültigkeit versinken, weil doch eh schon alles egal ist, wie viele finden, und was kann der/die Einzelne schon tun und nützt das überhaupt was? Wenn ich diese Einstellung bekomme, dürfen meine Kinder mich entmündigen lassen und jeder darf mir über die Straße helfen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag! Ach ja, an manchen Stellen Deutschlands ist das ein besonders wichtiger Sonntag, denn Sie dürfen wählen! Ich zähl' auf Sie! Also - nicht auf alle, zum Beispiel auf Sven Schmidke (wenn der echt ist) nicht, denn der hatte mir neulich erst wieder geschrieben, wie geisteskrank ich bin. Zitat: "wer hat dir denn ins hirn geschissen, alle afd wähler so zu defamieren ... schäm' dich für diesen müll". Dabei duze ich den gar nicht. Warum ich das hier jetzt noch reinschreibe? Weil ich nur alle zwei Wochen eine Kolumne habe, die Welt aber so voller Scheiße ist, dass ich jeden Tag eine schreiben könnte.

Quelle: ntv.de

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