Eine für alleHabt ihr einen an der Klatsche?
Eine Kolumne von Sabine Oelmann 
4,5 Prozent weniger: Die Kürzung psychotherapeutischer Honorare ist ein schwerer Schlag für die ambulante Versorgung von psychisch erkrankten Menschen. Die Kolumnistin fragt sich: "Seid ihr - also die Verantwortlichen, die Politiker - eigentlich dumm oder was?"
Ich muss etwas ausholen: Als ich das Schlagwort "Seid ihr dumm oder was?" mal eben googelte, blieb' ich doch glatt auf Seiten hängen wie: "Wie dumm bist du?" oder "Bist du dumm?" Auf die Ergebnisse meiner Tests möchte ich gar nicht weiter eingehen, ich frage mich nämlich gerade ganz aktuell, wie dumm unser Land bald aussehen wird, wenn 80 Prozent der Syrer nach Hause geschickt werden. Fiel mir bei "Bist du dumm?" oder "Wie dumm bist du?" spontan ein. Kleiner Zahlenexkurs: Das Institut der deutschen Wirtschaft veranschlagt rund 950.000 Syrer in Deutschland, 260.000 von ihnen waren im Herbst 2025 sozialversicherungspflichtig beschäftigt, Tendenz steigend, rund 80.000 davon arbeiteten zu diesem Zeitpunkt in sogenannten Engpassberufen, also dort, wo Unternehmen offene Stellen besonders schwer besetzen können.
Am stärksten vertreten sind syrische Arbeitskräfte in der Kfz-Branche, in Transport und Logistik, im Gastgewerbe sowie im Gesundheitswesen. Mal abgesehen davon, dass unser Bundeskanzler und der syrische Interimspräsident Al-Sharaa, der in der vergangenen Woche mit Glanz und Gloria in der Hauptstadt empfangen wurde (ein meines Erachtens äußerst befremdliches Vorgehen seitens der Bundesregierung), die Aussage zum Themenkomplex "wer wann wohin wie viele Syrer schickt, holt oder auch nicht", sich gegenseitig in die handgenähten Schuhe schieben, stellen sich dem geneigten Leser und der aufmerksamen Leserin folgende Fragen: Wer repariert fortan mein E-Auto (Benziner bald nur noch mit H-Kennzeichen, es gibt außerdem eh keinen oder wenig Nachschub an den Tankstellen); wer transportiert meine bestellten Waren; wer bedient mich in Café und Restaurant; und wer dreht mich von links nach rechts, wenn ich drohe, mich in Krankenhaus oder Altersheim wundzuliegen, weil deutsches Personal schlicht nicht zu bekommen ist für diese Arbeiten?
Das macht 80 Euro on top, bitte
Und jetzt kommt's für mich so richtig dicke: Als schnöde Kassenpatientin ist es mir gerade noch mal eben gelungen, einen Termin zur Untersuchung meiner Schilddrüse zu bekommen (Fehlfunktion ist seit Jahren bekannt, nix Neues für meine Krankenkasse oder meine Ärzte), und wenn wir schon dabei sind, einmal großes Blutbild bitte. Macht 80 Euro extra, ist aber kein Ding, Online-Journalisten verdienen sich schließlich wund und außerdem brauche ich auch nichts Neues mehr in meinem Alter, das Sofa ist doch noch gut.
Ich komme aber immer wieder zurück auf die Frage: "Seid ihr dumm oder was?" Denn wenn ich mir das alles genauer überlege, was ich bereits geschrieben habe, dann würde ich meine Gedanken gern von einem Coach oder einer Therapeutin ordnen lassen. Bevor ich total am Rad drehe, meine ich. Denn dann würde es richtig teuer werden. Aber nichts da: Erstens müsste ich die Konsultationen selbst bezahlen, sogar, wenn ich kurz vorm Durchdrehen bin (bezahlt von der Kasse wird eher, wenn alles bereits zu spät, der Patient also schon durchgedreht ist, was wiederum doppelte und dreifache Kosten verursacht), und zweitens bekomme ich eh keinen Platz, weil alle Therapeutinnen und Therapeuten restlos ausgebucht, überfüllt, überfordert sind. Und jetzt sollen sie auch noch 4,5 Prozent Lohn weniger erhalten. Das schlägt dem Fass doch den Boden aus!! Das Honorar solle angeglichen werden, heißt es. Nach unten!! Erzählen Sie das mal einem Piloten!! Zur Veranschaulichung hier eine Übersicht, welche Ärzte welche Summen durchschnittlich verdienen:
So, und nun? Wie oft waren Sie denn beim Radiologen? In letzter Zeit mal "Ich fühl' mich nicht so, ich geh' mal lieber zum Radiologen" gedacht? Oder doch eher, dass Sie Ihren Hausarzt, Ihre Gynäkologin oder einen Orthopäden aufsuchen sollten? Der Sie, im Fall der Fälle, dann zum Radiologen schicken würde, keine Frage. Ich will auch den Berufsstand der Radiologen gar nicht schlechtreden, aber ich finde, man sollte den Berufsstand der TherapeutInnen eben auch nicht runtermachen! An sie möchte man sich vertrauensvoll wenden können, wenn der Stress im Job, der Ärger mit dem Partner oder der PartnerIn, die Sorge um die Zukunft der Kinder, der Tod der Eltern oder eine Depression einfach zu viel werden, um allein damit klarzukommen.
Wunder gibt es immer wieder? Wohl kaum ...
Anlässlich der bereits erwähnten, veröffentlichten Empfehlungen der Finanzkommission Gesundheit sagt Dr. Andrea Benecke, Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), etwas vornehmer als ich: "Die vorgelegten Vorschläge, die Vergütung global zu begrenzen und teilweise zu streichen, werden die ambulante psychotherapeutische Versorgung schwächen. Alles andere wäre ein mathematisches Wunder." Das meine ich mit vornehmer, sie sagt "mathematisches Wunder", ich sage "ist doch dumm, der Vorschlag". Denn an Wunder, vor allem mathematische, glaube ich leider nicht. Die Einzigen, die weiterhin und unbedingt an Wunder glauben sollten, sind Therapeutinnen und Patienten.
Dabei sind ja nicht alle Ideen schlecht: Zum Beispiel die Empfehlung, dass die Beiträge für Menschen, die Grundsicherung bekommen, solidarisch steuerfinanziert und nicht allein von den GKV-Beiträgen getragen werden. Auch die vorgeschlagene Erhöhung der Alkohol- und Tabaksteuer sowie die Einführung einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke sei absolut richtig, findet Benecke. Trotzdem: "Die ambulanten Praxen stehen mit dem Rücken zur Wand", Therapeutinnen und Therapeuten sehen sich gezwungen, gegen den Beschluss und dafür, die Entscheidung zurückzunehmen und stattdessen die Rahmenbedingungen für die psychotherapeutische Versorgung zu verbessern, zu demonstrieren. Zudem solle das Bundesgesundheitsministerium den Beschluss prüfen und beanstanden, fordern sie.
Hört die Signale!
"Wir arbeiten an der Grenze der Belastbarkeit und können die hohe Nachfrage trotzdem nicht decken. Das ist für alle Beteiligten eine sehr schwierige Situation", höre ich aus meinem Umfeld. Junge, ausgebildete Psychologen, mit einem Master in der Tasche und dem Wunsch, sich noch drei weitere Jahre Ausbildung ans Bein zu binden, um Therapeuten zu werden, werden mit den Sparvorhaben regelrecht vor den Kopf gestoßen. Sie geben Zehntausende Euro für ihre Ausbildung aus und sollen letztendlich schlechter bezahlt werden als die Kollegen, die sich nicht um die Psyche, sondern die Physis bemühen werden? Das kann nicht sein! Was ist das für ein Signal?
Vor allem, und das ist nicht nur dumm, sondern geradezu dämlich, wird eine Kürzung der Honorare die Lage nicht verbessern, im Gegenteil! Die Therapeuten müssten stärker auf privatversicherte Patienten oder Selbstzahler ausweichen, wenn die Vergütung durch die gesetzliche Krankenversicherung nicht mehr kostendeckend ist. Und das in einem laufenden Jahr, in dem die Kosten für Personal, Miete und Nebenkosten gleich bleiben oder sogar noch steigen werden.
Und während seit Jahren für bessere Ausbildungsbedingungen und eine vernünftige Finanzierung der Weiterbildung - damit ausreichend Nachwuchs für die Praxen da ist - gekämpft wird, müssen die Therapeutinnen nun feststellen, dass die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen so wenig wertgeschätzt wird, dass man ihr Honorar kürzt. Ich wiederhole mich: ein Unding!
Was also tun? Sich das nicht gefallen lassen, sichtbar werden, die Petition an den Bundestag unterzeichnen (oder hier bei change.org). TherapeutInnen geht es nicht nur um Wirtschaftlichkeit, sondern auch um Wertschätzung. Außerdem - welche andere Berufsgruppe würde hinnehmen, weniger als vorher zu verdienen? Wenige andere Berufsgruppen behaupten von sich, ihre Arbeit so sehr zu lieben. Sie haben das Gefühl, seitens der Krankenkassen keinen Respekt zu erfahren, obwohl sie eine tragende Säule des Gesundheitssystems sind. Als wären sie Ärzte zweiter Klasse.
Liebe Lesende - auch Sie oder eine Ihnen nahestehende Person, selbst ein Bundeskanzler, kann einmal therapeutische Hilfe benötigen. Es kommt jetzt wirklich darauf an, laut zu bleiben, durchzuhalten und weiter für die Versorgung psychisch erkrankter Menschen in Deutschland zu kämpfen. Bitte machen Sie mit! Frohe und gesunde Ostern Ihnen - sowohl psychisch als auch physisch!