Panorama

Wenn der Stau zur Hoffnung wird Höhepunkt der vierten Welle schon erreicht?

Coronavirus.jpg

Hoffen darf man immer, bei Sars-CoV-2 darf man sich aber nie allzu sicher fühlen.

(Foto: imago images/IlluPics)

Seit Langem steigt die Corona-Inzidenz in Deutschland erstmals nicht an, fällt sogar etwas. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass der Höhepunkt der vierten Welle bereits erreicht ist und strengere Maßnahmen nicht nötig sind. Schon möglich, man sollte aber nicht allzu sehr darauf hoffen.

Mehr als einen Monat gingen die deutschen Corona-Fallzahlen ständig steil nach oben, der Höhepunkt der vierten Welle wurde frühestens im neuen Jahr erwartet. Jetzt hat die Kurve erstmals wieder einen sichtbaren Knick nach unten, gestern waren es 473,5 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche, heute sind es 452,2. Ist der Scheitelpunkt also doch schon erreicht worden, haben 3G, 2G, 2G plus et cetera die Welle bereits gebrochen? Kann sein, vielleicht steht Deutschland aber auch nur im Stau und hat sich erschrocken.

Eigentlich ist es ja erstaunlich, dass die Inzidenzen überhaupt noch so genau beobachtet werden, schließlich sollen ja jetzt die Hospitalisierungen im Fokus stehen. Aber da man schon länger weiß, dass der Index der Realität um zwei Wochen hinterherhinkt, ist es schon richtig, die Fallzahlen im Auge zu behalten. Sie ermöglichen nämlich, zu sehen, wie es in den kommenden zwei Wochen in den Krankenhäusern aussehen wird.

Es wäre bitter nötig

Insofern wäre ein Rückgang der Inzidenzen ein gutes Zeichen für das ausgelaugte Personal auf vielen Intensivstationen. Denn die Zahl der Corona-Patienten ist dort mit 4600 schon so hoch, wie sie 2020 erst Mitte Dezember war. Vor einem Jahr gab es noch fast 5000 freie betreibbare Betten, heute weniger als die Hälfte. Am 30. November meldeten 315 Krankenhäuser einen eingeschränkten Betrieb, jetzt sind es mehr als doppelt so viele.

Besonders wichtig wäre ein Rückgang der Fallzahlen in Sachsen, Bayern und Thüringen, von wo aus am Wochenende schon Patienten in weniger belastete Bundesländer ausgeflogen werden mussten. Dort liegt der Anteil der Covid-19-Fälle auf den Intensivstationen bereits über 33 Prozent, in Sachsen sogar bei 41 Prozent.

Tatsächlich ist die sächsische Inzidenz seit Freitag von 1430 Neuinfektionen auf 1269 recht deutlich gesunken. Das könnte etwas damit zu tun haben, dass der Freistaat schon am 8. November eine 2G-Regel eingeführt hat und zwei Wochen später in den Teil-Lockdown gegangen ist. Doch möglicherweise ist gegenwärtig ein anderer Effekt ausschlaggebender.

Gesundheitsämter kommen nicht mehr mit

So berichtet der MDR, Sachsens Gesundheitsämter seien von den hohen Fallzahlen völlig überfordert. Man käme mit den Meldungen an das RKI nicht mehr nach, sagte die Leiterin des Leipziger Gesundheitsamtes in einer Videokonferenz mit Ministerpräsident Kretschmer. "Die Fallzahlen liegen wohl durchaus höher als gemeldet."

Das dürfte in anderen Bundesländern ähnlich sein. Schließlich wurde noch im vergangenen Februar über den Schwellwert 50 diskutiert. In einem Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz hieß es damals: "Mit erheblicher Unterstützung von Landes- und Bundesbehörden sowie der Bundeswehr wird daran gearbeitet, dass auch bei 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern pro Woche die Kontaktverfolgung noch vollständig erfolgen kann."

Selbst wenn die Gesundheitsämter aufgerüstet haben und vielleicht jetzt auch digital arbeiten können, sind sie kaum auf zehn oder 20 Mal höhere Inzidenzen vorbereitet gewesen. Es ist aber anscheinend auch nicht selten, dass die Ämter sogar schlechter dastehen als vor zehn Monaten. Der BR berichtete Mitte November, eine Umfrage habe ergeben, dass von 66 Gesundheitsämtern 36 zuletzt weniger Personal hatten als im vergangenen Frühjahr.

Auch Bundesländer mit geringeren Inzidenzen haben überforderte Gesundheitsämter. Laut SWR stellten in Rheinland-Pfalz einige von ihnen die Kontaktverfolgung teilweise oder weitgehend ein, dem NDR nach sieht es in Niedersachsen nicht viel besser aus. Der RBB berichtete kürzlich, die Brandenburger Ämter schränkten die Nachverfolgung auf besonders gefährdete Personengruppen ein, in Baden-Württemberg wird es dem SWR zufolge ähnlich gehandhabt. Einschränkungen gibt es laut SR auch im Saarland, Hamburg hat dem NDR zufolge die Nachverfolgung schon vor vier Wochen heruntergefahren. Es ließen sich noch weitere Beispiele finden.

Test-Positivrate steigt weiter

Ein Indikator dafür, dass die Fallzahlen eher unterschätzt werden (Unterfassung), ist auch die Test-Positivrate. Die Erfassung der durchgeführten Tests sowie die Ermittlung des Anteils der positiven Tests ermöglichten eine Einschätzung zur Wirksamkeit der Teststrategie, schreibt das RKI in seinem Wochenbericht. Je höher der Positivanteil bei gleichzeitig anhaltend hohen Fallzahlen sei, desto höher wird die Anzahl unerkannter Infizierter in einer Population geschätzt

Laut ALM (Akkreditierte Labore in der Medizin) ist der Positivanteil zum sechsten Mal in Folge deutlich gestiegen. In der vergangenen Woche betrug der Wert 21,2 Prozent, vor sieben Tagen war er noch um 12 Prozent niedriger. Anfang Oktober lag die Positivrate bei 6,4 Prozent. Gleichzeitig ist die Anzahl der angeforderten PCR-Tests um 5 Prozent auf 1.838.396 Proben gestiegen.

Hohe Untererfassung in Thüringen und Sachsen

Besonders ausgeprägt war laut RKI bereits in der Woche bis 21. November die Untererfassung in Thüringen und Sachsen mit Positivraten von 38 und 36,5 Prozent. Deutlich über dem Bundesdurchschnitt lagen auch Brandenburg und Sachsen-Anhalt mit 27,8 und 22,1 Prozent.

Am "ehrlichsten" scheint unter den Bundesländern mit besonders hohen Inzidenzen Bayern die Fallzahlen abzubilden. Dort war der Anteil der positiven Tests mit 18,7 Prozent relativ niedrig und sank in der vergangenen Woche auch leicht um 0,7 Prozent. Berlin machte mit einer Rate von 5,2 Prozent (- 1,4 Prozent) die beste Test-Figur, gefolgt von Bremen (7,2/+1,2 Prozent) und Schleswig-Holstein (8,8/+1,6 Prozent).

Dunkelziffer steigt durch überlastete Labore

Die Labore haben ihre Gesamtkapazität um 2 Prozent auf jetzt 2.202.594 Tests pro Woche gesteigert, allerdings liegt die bundesweite Auslastung der Labore bereits bei 85 Prozent. Das sind 5 Prozentpunkte über der Grenze zum roten Bereich, wo laut ALM auf Dauer nicht mehr alle Tests zeitnah bearbeitet werden können. Als Resultat steigt die Dunkelziffer. Das Saarland, Baden-Württemberg, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern haben sogar Laborauslastungen jenseits von 100 Prozent.

"Auf Dauer sind auch 85 Prozent Auslastung im Bundesdurchschnitt nicht unbegrenzt machbar, zumal neben der COVID-19-Diagnostik die medizinische Versorgung der Bevölkerung mit Labordiagnostik sicherzustellen ist", so ALM-Vorstand Evangelos Kotsopoulos. "Die Gefahr besteht, dass bei einer Auslastung nahe oder regional oberhalb der Maximalgrenze schon bei kleineren Ausfällen von Personal oder Geräten die Befundlaufzeiten auf mehrere Tage steigen, was es unbedingt zu vermeiden gilt."

Freiwillige Einschränkungen?

Es spricht also einiges dafür, dass die aktuell in manchen Bundesländern sinkenden Inzidenzen keine Trendumkehr darstellen, sondern eine Unterfassung der Fallzahlen widerspiegeln. Trotzdem könnte es auch eine echte positive Entwicklung geben. Einerseits gibt es sicher Effekte durch die eingeführten Maßnahmen. Andererseits schränken sich möglicherweise Teile der Bevölkerung freiwillig stärker ein, als sie müssten, da sie den Ernst der Lage begriffen haben oder vielleicht auch angesichts der schon wieder hohen Todeszahlen und vollen Intensivstationen erschrocken sind.

Kontakte_Monitor.jpg

Die durchschnittlichen Kontakte pro Person sind kaum gesunken.

(Foto: HU Berlin/RKI)

Der mithilfe von Mobilfunkdaten erstellte Mobilitäts-Monitor der Berliner Humboldt-Universität und des RKI zeigt, dass die Menschen im Vergleich zum Oktober etwas weniger unterwegs sind, aber sich nicht annähernd so stark zurückhalten wie vor einem Jahr.

Fast so viele Kontakte wie im September

Der kleine Rückgang liegt vielleicht nur am schlechteren Wetter. Am zugehörigen Kontakte-Monitor sieht man nämlich, dass die durchschnittliche Anzahl von rund zwölf Kontakten pro Person und Tag wieder fast so hoch wie im September ist.

Im vergangenen Jahr war es kaum anders. Bis Bund und Länder am 13. Dezember verschärfte Maßnahmen beschlossen, trafen die Deutschen durchschnittlich sogar fast 14 andere Personen. Erst danach ging's runter auf rund zehn Kontakte.

Das spricht dafür, dass auch jetzt nur weitergehende Einschränkungen helfen. Andererseits gab es vor einem Jahr noch keine Impfstoffe und Schnelltests, die die Säulen der gegenwärtigen Maßnahmen sind. Man könnte also erstmal, wie von der kommenden Ampel-Regierung vorgesehen, diese Mittel voll ausreizen und durch lokale Lockdowns ergänzen.

Omikron macht es noch komplizierter

Mehr zum Thema

Das wiederum reicht möglicherweise nicht aus, da statt Alpha jetzt die ansteckendere Delta-Mutante von Sars-CoV-2 das Zepter in der Hand hält und eine weitreichendere Kontaktreduzierung als im Winter 2020 nötig macht. Außerdem muss die Politik bei ihren Entscheidungen berücksichtigen, dass die jüngste besorgniserregende Variante Omikron möglicherweise noch gefährlicher als Delta ist.

Für einen positiven Trend spricht, dass die Reproduktionszahl R, die angibt, wie viele andere Personen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt, im 7-Tage-Schnitt gestern unter 1 gesunken ist. Allerdings lag sie davor noch darüber und es könnte sich nur um eine übliche Schwankung handeln. Die Pandemie ist und bleibt kompliziert. Schnelles Handeln ist gefragt, aber keine schnellen Schlüsse.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.