Panorama

Totgeglaubter Zeuge sagt aus Hussein K. schweigt weiter im Mordprozess

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Das Alter von Hussein K. hat maßgeblichen Einfluss auf ein mögliches Urteil. Dazu gibt es aber widersprüchliche Angaben.

(Foto: dpa)

Im Oktober 2016 stirbt eine Studentin in Freiburg. Vergewaltigt lässt ihr Peiniger sie in einem Fluss liegen. Vor Gericht legt der angeklagte Hussein K. ein Geständnis ab. Doch es bleiben viele Unklarheiten. Ohne deren Aufklärung kann es kein Urteil geben.

Der Mordprozess gegen Hussein K. in Freiburg wirft ein Licht auf Deutschland in Zeiten der Flüchtlingskrise 2015/16. Er beleuchtet mögliches Behördenversagen im Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Er ringt um Wahrheit, Schuld und Verantwortung - und wirft dabei immer neue Fragen auf. Es ist ein ungewöhnlicher und überregional beachteter Prozess mit widersprüchlichen Aussagen und vielen Facetten. Der angeklagte Flüchtling Hussein K. schweigt dazu. Ab heute geht der Anfang September begonnene Prozess in eine rund zweieinhalb Wochen dauernde Winterpause. Mit einem baldigen Urteil ist nicht zu rechnen.

An das Bild haben sich Prozessbeteiligte und Zuhörer im Saal IV des Freiburger Landgerichts längst gewöhnt: Hussein K. wird streng bewacht in Handschellen und Fußfesseln an seinen Platz geführt. Dort nimmt er, meist ohne äußerliche Regung, an dem Verfahren teil. Zur Last gelegt werden ihm Mord und besonders schwere Vergewaltigung. K. hat zugegeben, im Oktober 2016 in Freiburg eine 19 Jahre alte Studentin vergewaltigt und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt zu haben. Die Frau ertrank im Wasser des Flusses Dreisam. Rund sieben Wochen nach der Tat wurde der Flüchtling festgenommen. Spuren von ihm waren am Tatort gefunden worden.

Das Verbrechen löste - noch vor dem Terroranschlag von Anis Amri auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz vor einem Jahr - eine Debatte über die deutsche Flüchtlingspolitik aus. Im Prozess geht es nun vor allem um die Frage, wie alt Hussein K. ist. Davon hängt ab, ob für den vor der Jugendkammer stehenden Mann Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht gilt. Dies hat Auswirkungen auf die Höhe der Strafe. Doch die Suche nach Antworten erweist sich als schwierig - und zeitintensiv. Plante das Gericht anfangs rund zwei Monate und 13 Verhandlungstage, sind nun mindestens 24 Prozesstage bis Mitte März 2018 vorgesehen, sagt die Vorsitzende Richterin Kathrin Schenk. Das Gericht will besonders sorgfältig und präzise vorgehen. Das zeigt die Bilanz nach den bisher 15 Verhandlungstagen.

Alter noch immer ungeklärt

Hussein K. war im November 2015 ohne Papiere nach Deutschland gekommen und galt als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Er kam in Freiburg zu einer Pflegefamilie. Er sagte, er stamme aus Afghanistan und sei 16 oder 17 Jahre alt. Konkreter wurde er nicht. Von den Behörden überprüft wurden die Angaben nicht, wie Mitarbeiter der beiden beteiligten Jugendämter vor Gericht einräumen mussten. Dafür seien es damals schlicht zu viele Flüchtlinge gewesen. Amtliche Dokumente habe fast keiner von ihnen gehabt.

Zum Prozessauftakt gab K. zu, beim Alter gelogen zu haben und älter zu sein. Mehr sagt er dazu nicht. Die Staatsanwaltschaft hält Hussein K. für mindestens 22 Jahre alt, wie Oberstaatsanwalt Eckart Berger betont. Entsprechende Gutachten sowie mehrere Zeugenaussagen in dem Prozess untermauern das. Eines der beiden Gutachten hat einen Eckzahn des Angeklagten untersucht und so ein Alter von 25,8 Jahren errechnet. Das Verfahren der Zahnuntersuchung liefert Experten zufolge vergleichsweise verlässliche Zahlen. Ein zweites Gutachten basiert auf Röntgenaufnahmen von Knochen und Gebiss sowie medizinischen Untersuchungen. Das Resultat: Das wahrscheinliche Alter von Hussein K. betrage 22 oder 23 Jahre. Das absolute Mindestalter sei 19. Dieses sei zwar sehr unwahrscheinlich, aber auch nicht auszuschließen.

Vermeintlich toter Vater sagt plötzlich aus

Hinzu kam zuletzt, völlig überraschend, eine Aussage des vermeintlich toten Vater des Angeklagten. In einem Telefonat mit der Richterin und anderen Prozessbeteiligten sagte er, es gebe ein amtliches Dokument. Dort stehe als Geburtsdatum der 29. Januar 1984. Hussein K. wäre demnach 33 und zur Tatzeit 32 Jahre alt gewesen - und damit etwa doppelt so alt wie von ihm selbst angegeben. Dies trug der im Iran lebende Vater, der nach Angaben des Angeklagten vor Jahren gestorben war, am Telefon vor. Er sagte außerdem, er sei Analphabet.

Dem Gericht liegt das ins Gespräch gebrachte Dokument bislang nicht vor, wie ein Justizsprecher sagt. Zudem gibt es laut Verteidiger Sebastian Glathe Zweifel an der Aussage. Die Angaben des Vaters müssten erst noch geprüft werden. Ob der Mann in Freiburg vor Gericht aussagen wird und ob für den Prozess möglicherweise weitere Altersgutachten eingeholt werden, ist derzeit noch unklar. Für das Gericht liegen die bisherigen Altersangaben teilweise im rechtlichen Grenzbereich, Gewissheit gibt es nicht.

Das Gesetz macht für die juristische Bewertung in Strafprozessen Vorgaben: Ist ein Angeklagter zur Tatzeit 22 Jahre oder älter, gilt stets Erwachsenenstrafrecht. Ist er jünger, wird in der Regel Jugendstrafrecht angewandt. Daran bemessen sich auch die Strafen. Die von der Staatsanwaltschaft angestrebte lebenslange Haft bei Mord und eine mögliche anschließende Sicherungsverwahrung ist nur im Erwachsenenstrafrecht möglich. Nächstes Jahr will das Gericht weitere Zeugen hören. Darunter sind auch Polizisten aus Griechenland. Wegen einer schweren Gewalttat an einer jungen Frau im Jahr 2013 war Hussein K. dort zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, im Oktober 2015 aber vorzeitig entlassen worden. Danach tauchte er unter und kam nach Deutschland. Zur Tat in Griechenland hat er sich im aktuellen Prozess bislang nicht geäußert.

Quelle: ntv.de, Jürgen Ruf, dpa