Panorama

Der Lebensweg einer Transfrau "Ich bin ich. Ich bin ein Mensch"

1.jpg

Sie wurde als Junge im Iran geboren. Heute ist sie ein international erfolgreiches Model: Pari Roehi.

Ihr erstes Kleid trägt Pari schon als vierjähriger Junge. Damals heißt sie noch Parham und lebt im Iran. Mit Mutter und Bruder flüchtet sie in die Niederlande. Mit 17 verlässt sie das Elternhaus und zieht nach Amsterdam. Als androgynes Mischwesen stürzt sie sich in das wilde Nachtleben, lässt sich auf Drogen und falsche Beziehungen ein. Doch damit kann sie die Leere nicht füllen. Mit 19 wird sie schließlich auch körperlich zur Frau. Parham ist nun Pari - und bei sich selbst angekommen. Dass der Weg dahin nicht leicht war und warum sie trotzdem nichts bereut, erzählt sie in ihrer Biografie: "Mein bunter Schatten: Lebensweg einer Transgender-Frau".

n-tv.de: Frau Roehi, Sie sind als Kind einer iranischen Flüchtlingsfamilie in den Niederlanden im Körper eines Jungen aufgewachsen. Jetzt sind Sie eine wunderschöne Frau – wie sind die Reaktionen, wenn die Leute erfahren, dass Sie mit einer anderen Identität geboren wurden?

Pari Roehi: Die Leute haben immer eine Erwartung. So und so hat eine Transfrau oder ein Transmann auszusehen und wenn du nicht in diese Schublade passt, dann kommt immer ein 'aber'. Ich bin das gewöhnt. Ich sehe das sogar als ein Kompliment und ich bin froh darüber, dass ich Komplimente bekomme. Ich bin stolz auf meine Transidentität. Aber natürlich gibt es auch immer wieder Reaktionen, die mich enttäuschen: Zum Beispiel, wenn ich sehr hübsch gemacht auf einer Party erscheine, dann sagen manche Frauen abfällig: 'Guck mal, da kommt die, die bei Germany's Next Topmodel mitgemacht hat. Das war früher ein Kerl.'

4.jpg

"Mein bunter Schatten: Lebensweg einer Transgender-Frau" so heißt die Biograpie von Pari Roehi. Wie der Titel vermuten lässt, gibt es viel zu erzählen.

In Ihrem Buch "Mein bunter Schatten" schreiben Sie: "Viele glauben, dass ich am Tag meiner Geschlechtsangleichung zur Frau wurde, aber das ist nicht so…"

Ich habe als Kind immer gedacht, dass ich ein Mädchen bin. Ich habe mit Puppen gespielt, Kleider getragen und die Schminke meiner Mutter toll gefunden. Zuhause war alles gut. Keiner hat mich gefragt: Was machst du? Keiner hat es mir verboten. Im Kindergarten und später in der Schule hatte ich dann mit anderen Kindern zu tun, die mich wissen ließen, dass ich anders bin. Das Geschlecht hat nicht gepasst. Aber die Diskussion was ist Mann, was ist Frau - die gab es nicht. Ich bin Ich. Ich bin ein Mensch und in meinem Verhalten, in meinem Sein, in meinem Aussehen bin ich weiblich.

Mädchenspielzeug, Kleider, Kosmetik… Ihre Mutter ließ sie gewähren. Woher kam diese Toleranz?

Meine Mutter hat mich immer unterstützt und mich zu einer anständigen Frau erzogen. Das Einzige, worauf meine Mutter immer beharrt hat, war, das ich mich nicht zu einer Witzfigur mache. Denn sie wollte mich zu einer starken Frau erziehen. Sie wollte, dass ich mich anständig anziehe und mich anständig benehme. Sie hat nur gesagt: Du willst ein Mädchen sein? Mädchen in deinem Alter tragen kein Make-up!"

Im Iran werden Homosexuelle bestraft, wie gehen die Menschen dort mit Transsexualität um?

Viele vergessen, dass wir vor 40 Jahren eine Monarchie hatten - einen König und eine Königin. Vor der islamistischen Revolution war der Iran ein ganz normales westliches Land. Die Frauen mussten kein Kopftuch tragen, wir haben Diskotheken und Bars gehabt, wir wurden das 'Europa des Mittleren Ostens" genannt. Der Islam war nicht so präsent, aber dann gab es in den 70er Jahren eine Revolution, die Monarchie wurde abgeschafft und alles wurde konservativer. Während Transsexualität etwas ist, das gesellschaftlich irgendwie okay ist, wurde Homosexualität unter Strafe gestellt. Deshalb sehen viele homosexuelle Männer und Frauen nur den Ausweg über eine Geschlechstumwandlung, um in ihrer Sexualität frei zu sein. Aber am Ende sind sie nicht frei. Sie sind gefangen.

2.JPG

Pari Roehi wurde europaweit bekannt, nachdem sie 2015 als erste Transgenderfrau bei GNTM teilnahm.

Mit 17 Jahren haben Sie ihr Elternhaus verlassen, zogen nach Amsterdam, wurden erst ein It-Girl und sind dann eine Zeit lang ziemlich abgestürzt.

Ich war alleine in einer großen Stadt. Einerseits war ich einsam und mochte meinen Körper nicht. Auf der anderen Seite wollte ich alles neu entdecken, neue Leute kennenlernen, wollte mich selber kennenlernen, wie bin ich? Aber so viel Freiheit, wie ich sie damals hatte, ist auch nicht gut für einen jungen Menschen. Ich hatte von allem zu viel und niemanden, der mich ermahnt: Pari, mach das nicht! Mit Drogen und falschen Beziehungen wollte ich die Leere in mir füllen.

Mit 19 Jahren haben Sie die Geschlechtsangleichung machen lassen. Was hat sich seitdem für sie verändert?

Das Wichtigste ist, dass ich morgens in den Spiegel gucken kann und mich gut fühle. Mein Innenleben stimmt jetzt mit meinem Aussehen überein. Früher hatte ich immer Angst, es könnte jemand dieses männliche Geschlechtsteil sehen, das überhaupt nicht zu mir passte. Trotzdem bin ich nach der Operation immer noch die Pari von früher. Meine Persönlichkeit hat sich nicht geändert, außer, dass ich mit 27 Jahren bereits eine sehr erwachsene junge Frau bin und weiß, was ich will und was nicht.

Nach der Geschlechtsangleichung wollten Sie weg aus Amsterdam, warum?

Pari Roehi

Pari Roehi engagiert sich für zwei Organisationen in Berlin: "Lambda" vertritt die Interessen junger LSBTIQ* in der Öffentlichkeit und Politik und unterstützt sie in ihrem Selbsterkennungsprozess sowie in psychosozialen Notsituationen. "Gleich und Gleich" hilft LGBTQI -Jugendlichen bei der Therapie, bei der Wohnungssuche und im Alltag. Außerdem ist Pari Botschafterin des Facialteams in Marbella, die ihre Gesichts-Feminisierung-Operation an der Stirn gemacht haben. Und sie betreibt einen Youtube-Kanal.

In Amsterdam war ich stadtbekannt und so gut wie jeder kannte meine Geschichte. Ich wollte einfach einen Neuanfang - irgendwo anfangen wo ich Pari als Pari vorstellen konnte. Ohne das Getuschel hinter meinem Rücken hören zu müssen: 'Weißt du, die Pari …'

Amor brachte Sie nach Berlin. Ist Berlin oder Deutschland im Allgemeinen offener für Transsexualität?

Nachdem ich durch meine Teilnahme an "Germanys Next Topmodel" in ganz Europa bekannt wurde und Interviews gegeben habe, fiel mir auf, dass die Leute keine Ahnung haben. Seit den 90er Jahren wurden Transmenschen in den Medien immer als Witzfiguren dargestellt. Egal ob in Amerika, Afrika oder Europa: Für Transmenschen ist es vielerorts immer noch sehr schwer eine Wohnung zu mieten oder Arbeit zu finden. Das hat nichts mit Nationalitäten zu tun, sondern mit Menschen. Weil Menschen immer Angst haben vor Dingen, die sie nicht kennen oder nicht verstehen.

Es herrscht also Ihrer Meinung nach, noch viel Unwissenheit über das Thema Transsexualität?

Ja und mir ist es wichtig, deutlich zu machen, dass die sexuelle Vorliebe nichts mit der eigenen Identität zu tun hat. Wenn ich ein heterosexueller Mann bin und ich entscheide mich, eine Geschlechtsangleichung vorzunehmen, dann bleibt meine sexuelle Vorliebe die gleiche. Ein homosexueller Mann ist ein Mann der Männer mag. Eine transsexuelle Frau hat nichts zu tun mit Homosexualität, das ist ihre Identität. Es gibt so viele Themen, die man immer noch erklären muss. Leute können nichts akzeptieren, dass sie nicht begreifen. Ich kann nicht böse sein mit jemanden der auf der Straße "Blöde Transe" ruft. Er hat wahrscheinlich seit seiner Kindheit gelernt, dass wir Transen sind. Deshalb muss ich es korrigieren: 'Nein, das bin ich nicht. Du kannst transsexuelle Frau zu mir sagen oder Frau, ich bin keine Transe'.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ein großer Wunsch ist bereits in Erfüllung gegangen: Ich wollte mit meinem Buch mindestens einen Menschen motivieren und inspirieren, an sich zu glauben und niemals aufzugeben. Ich habe Mobbing und Missbrauch erlebt. Ich möchte helfen, dass andere Trans-Kinder es nicht so schwer haben wie ich. Außerdem will ich irgendwann Kinder haben und was das Berufliche angeht: Ich möchte sehr gern eine Fernsehsendung moderieren. Für solche Ziele muss ich immer mehr als andere kämpfen, denn wir Transmenschen werden leider immer noch nicht seriös wahrgenommen. Die Leute denken, da kommt eine Olivia Jones oder eine Conchita Wurst. Die verstehen nicht, dass dies Künstler sind – und Männer. Ich bin Pari und eine Frau.

Mit Pari Roehi sprach Diana Sierpinski

"Mein bunter Schatten" bei Amazon bestellen oder bei iTunes downloaden

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema