Panorama

"Jenseits von herzzerreißend" Indien aktiviert Armee gegen zweite Welle

b599678e2f0cab3977640ea256c651f4.jpg

In und vor Indiens Krankenhäusern spielen sich Dramen ab.

(Foto: AP)

Die Infektionszahlen schnellen in die Höhe, das Gesundheitssystem ist heillos überlastet: Indien stemmt sich mit aller Kraft gegen die zweite Corona-Welle. Nun sollen Militärangehörige im Ruhestand in den Kliniken aushelfen. Doch es fehlt dort nicht nur am Personal. Mehrere Länder bieten Hilfe an.

Im Kampf gegen eine immer schneller wachsende Corona-Welle ruft Indien die Armee zu Hilfe. Generalstabschef Bipin Rawat kündigte die Entsendung von militärischem Personal im Ruhestand in die Kliniken an. Zudem würden Sauerstoffvorräte aus den Armeereserven freigegeben. Es werde "Himmel und Erde" in Bewegung gesetzt, twitterte Gesundheitsminister Harsh Vardhan. Zuvor gaben die Behörden den fünften Tag in Folge einen Rekord bei Neuinfektionen bekannt. Mehrere Staaten kündigten Hilfe an, darunter Deutschland.

Mit zuletzt mehr als 350.000 Neuinfektionen pro Tag sind die Kliniken in dem Land mit 1,3 Milliarden Menschen überlastet. Viele weisen Patienten aus Mangel an Betten, Ausrüstung und Medikamenten ab. Auch der Sauerstoff zur Behandlung von schwereren Covid-19-Fällen wird knapp. Es mangelt selbst an Bahren, um die Toten wegzubringen: Der Sender NDTV zeigte Bilder aus dem Bundesstaat Bihar, auf denen zu sehen war, wie Krankenhausmitarbeiter eine Leiche über den Boden zum Krematorium zogen. In stark betroffenen Städten wurden in provisorischen Anlagen mehrere Tote gleichzeitig eingeäschert.

Lockdowns gegen die zweite Welle

Der südindische Bundesstaat Karnataka mit dem Technologie- und Outsourcing-Zentrum Bangalore stemmt sich ab Dienstag mit einem Lockdown gegen die zweite Welle. Ähnliche Maßnahmen gelten bereits im westlichen Staat Maharashtra, wo das Finanzzentrum Mumbai liegt. Dagegen tragen religiöse und politische Massenveranstaltungen zur Verbreitung des Virus bei. Die Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi hatte sie ungeachtet der steigenden Infektionszahlen zugelassen. Zudem finden in Indien Kommunalwahlen statt. Allein am Montag waren 8,6 Millionen Wahlberechtigte in Westbengalen im Osten des Landes aufgefordert, ihre Stimme abzugeben.

Die Lage in Indien sei "jenseits von herzzerreißend", erklärte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) tue alles, womit sie helfen könne, einschließlich der Lieferung von Feldlazaretten und Laborausrüstung. Die USA wollen Rohstoffe für Corona-Impfstoffe, Beatmungsgeräte, Schnelltests und Schutzkleidung bereitstellen. Frankreich kündigte Lieferungen von flüssigem Sauerstoff und acht Anlagen zur Sauerstoffgewinnung für die kommenden Tage an. Russischen Medien zufolge soll am Samstag eine erste Lieferung des Sputnik-V-Impfstoffes in Indien ankommen.

Hilfe auch aus Deutschland

Auch die Bundesregierung schnürt ein Hilfspaket. Teil der Lieferungen könnten Sauerstoff, Beatmungsgeräte oder Medikamente sein, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Hilfe soll schnellstmöglich zur Verfügung gestellt werden. Das Verteidigungsministerium prüft Möglichkeiten zur Abgabe einer mobilen Sauerstoff-Herstellungsanlage sowie zur Transportunterstützung für weitere Hilfsgüter.

Ein Grund für die stark steigenden Corona-Infektionszahlen ist eine besonders ansteckende Virus-Mutante, die in Indien entdeckt wurde. Auch das Nachbarland Nepal führt seine stark steigenden Zahlen auf die Variante aus Indien zurück. Zahlreiche Länder, darunter Deutschland, stoppten aus Furcht vor einer Verschärfung der Pandemie Einreisen aus Indien. Die Behörden haben 17,3 Millionen Infektionen und mehr als 195.000 Tote verzeichnet. Gesundheitsexperten gehen aber davon aus, dass die Dunkelziffer bei den Toten weitaus höher ist.

Quelle: ntv.de, jog/rts

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.