Panorama

Zweifel an Lockerungen Indische Variante gefährdet Johnsons Erfolg

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Premier Johnson warnt bereits, dass der Öffnungszeitplan gefährdet sein könnte.

(Foto: dpa)

Großbritannien gilt bis heute als Vorbild in Sachen Corona-Impfungen. Mehr als ein Drittel der Erwachsenen hat bereits zwei Dosen erhalten. Doch die Verbreitung der Virusvariante B.1.617.2 weckt Zweifel an geplanten Lockerungen. Hinzu kommt Kritik an der späten Reaktion der Regierung.

In Großbritannien schien die Corona-Pandemie nach dem ungeheuren Erfolg der Impfkampagne schon fast überwunden zu sein. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Mehr als zwei Drittel der Erwachsenen sind erstmalig geimpft, über ein Drittel sogar schon vollständig. "Behutsam, aber irreversibel" werde das Land in die Normalität zurückkehren, kündigte Premierminister Boris Johnson im Februar an. Bis zum 21. Juni, so der Plan, sollten zumindest im größten britischen Landesteil England alle Corona-Maßnahmen aufgehoben werden.

Doch inzwischen gibt es Zweifel, ob der Lockerungsfahrplan eingehalten werden kann. Lokale Ausbrüche der indischen Virusvariante B.1.617.2, die auf dem asiatischen Subkontinent zu einer drastischen Welle an Infektionen und Todesfällen führte, sorgen für Unruhe. Das renommierte Expertengremium SAGE (Scientific Advisory Group for Emergencies), das die Regierung berät, fürchtet, dass die indische Variante um bis zu 50 Prozent ansteckender sein könnte als die bisher in Großbritannien vorherrschende sogenannte britische Mutante B.1.1.7. Es ist nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aber noch zu früh, um festzustellen, ob die indische Variante eine höhere Resistenz gegen Impfstoffe aufweist.

Bislang wurden rund 1300 Fälle von B.1.617.2 in Großbritannien registriert - die Zahl verdreifachte sich beinahe innerhalb einer Woche. Experten gehen davon aus, dass sich die Variante in dem Land schon bald als dominant durchsetzen wird. "Wir befinden uns in einem Wettlauf zwischen der Impfkampagne und dem Virus, und diese neue Variante hat dem Virus ein paar zusätzliche Beine in diesem Wettlauf gegeben, aber wir haben ein hohes Maß an Vertrauen, dass der Impfstoff siegen wird", sagte Gesundheitsminister Matt Hancock.

Keine erhöhten Krankenhauseinweisungen

Die Bundesregierung stufte das Vereinigte Königreich am Freitag wieder als Corona-Risikogebiet ein. Diese Einstufung bedeutet, dass das Auswärtige Amt vor "nicht notwendigen, touristischen Reisen" warnt. Und das obwohl Großbritannien derzeit mit einer landesweiten Sieben-Tage-Inzidenz von rund 24 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche vergleichsweise wenige Fälle hat. Bislang wurden zudem in den betroffenen Gebieten keine erhöhten Krankenhauseinweisungen oder Todesfälle registriert. Daher gibt es Hoffnung, dass die Impfungen zumindest gegen schwere Erkrankungen mit dem mutierten Erreger schützen.

Zunächst einmal will London deshalb auch an den geplanten Lockerungen festhalten. Von diesem Montag an sollen in England wieder Treffen von bis zu sechs Personen in Privathaushalten möglich sein. Auch die Innengastronomie, Theater, Kinos und Museen dürfen wieder Gäste empfangen. Selbst Auslandsreisen sind teilweise wieder ohne Auflagen erlaubt.

Doch sollten sich die Befürchtungen über die höhere Übertragbarkeit von B.1.617.2 bewahrheiten, könnte der Fahrplan für weitere Öffnungsschritte ins Stocken geraten, warnte Premierminister Johnson am Freitag. Ob wie geplant am 21. Juni wieder Normalität einkehren kann, will die Regierung nun erst eine Woche davor entscheiden. Sollte es nicht klappen, könnte Johnsons zuletzt eher positive Bilanz in der Pandemie wieder ins Negative umschlagen.

Kritik am späten Handeln

Am Wochenende wurden Stimmen laut, die dem Premier vorwarfen, wieder einmal zu langsam gehandelt zu haben. Erst am 23. April wurden die Bestimmungen für Einreisende aus Indien drastisch verschärft - drei Wochen nachdem bereits Pakistan und Bangladesch auf die rote Liste der Virusvarianten-Gebiete gesetzt wurden, für die bei Einreise eine Hotelquarantäne vorgeschrieben ist. Doch bis dahin waren laut "Sunday Times" bereits mindestens 20.000 Menschen eingereist, die womöglich das Virus mit sich brachten.

Es sei "völlig falsch", dass Großbritannien schneller hätte handeln können, um Indien auf die rote Liste der Länder zu setzen, für die besondere Quarantänemaßnahmen bei der Einreise gelten, sagte dagegen Gesundheitsminister Hancock dem Sender Sky News. Er erklärte, dass für Indien im April strenge Reisebeschränkungen verhängt wurden - noch bevor die Variante B.1.617.2 genau untersucht wurde.

Kritiker sehen einen Zusammenhang zu einer geplanten Indien-Reise des Premiers, die Johnson eigentlich dazu nutzen wollte, die Pläne für ein Handelsabkommen mit Indien voranzubringen - eines der wichtigsten Brexit-Versprechen. Erst nach langem Zögern sagte Johnson die Reise am 19. April ab, und selbst dann dauerte es noch mehrere Tage, bis die verschärften Richtlinien in Kraft traten. "Es sieht so aus, als würde Boris Johnson das Streben nach einem Handelsabkommen mit Indien der öffentlichen Gesundheit vorziehen", kritisierte die liberaldemokratische Abgeordnete Layla Moran. Hancock wies einen Zusammenhang zurück.

Quelle: ntv.de, mli/AFP/dpa

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