Panorama

Die Statistik der Toten Italien verliert eine ganze Generation

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In Italien sind schon mehr als 10.000 Menschen am Coronavirus gestorben.

(Foto: dpa)

In vielen Gegenden Italiens hat das Coronavirus Tausende Menschenleben gefordert. 60 Prozent der knapp 12.500 Covid-19-Toten waren über 80 Jahre alt. Laut letztem Stand des Italienischen Instituts für Gesundheit (ISS), liegt die Mortalität bei den 50- bis 59-Jährigen bei 2 Prozent, steigt aber bei den 70- bis 79-Jährigen auf 19,8 Prozent und bei den 80- bis 89-Jährigen auf 28,1 Prozent. Graziano Orden, Geriater und zuständig für Herz-Kreislauferkrankungen und Alterungsprozesse beim italienischen Institut für Gesundheit, erklärt ntv.de, warum.

ntv.de: Wäre es möglich gewesen, mehr ältere Menschen zu retten, wenn die Krankenhäuser besser mit Intensivstationen und Beatmungsgeräten ausgestattet gewesen wären?

Graziano Orden: Das ist schwer zu sagen, eine eindeutige Antwort kann ich nicht geben. Was man nicht vergessen darf, ist, dass der Großteil der Verstorbenen schon an zahlreichen anderen Krankheiten litt und nur noch eine geringe Lebenserwartung hatte. Wir schätzen, dass dieses Jahr vor der Covid-19-Pandemie 8000 Menschen an Influenza gestorben sind. Und auch in diesem Fall handelte es sich meistens um Hochbetagte. Bei der Grippewelle hatten wir aber in den Krankenhäusern weder einen Mangel an Betten noch überfüllte Intensivstationen. Anders gesagt: Für die Menschen, die schon gesundheitlich angegriffen waren, war schon die Grippe tödlich. Für viele der jetzt am Virus verstorbenen Menschen gilt dasselbe. Wir haben in kürzester Zeit die Kapazitäten in den Intensivstationen um 50 Prozent ausgebaut. Freilich verfügen wir nicht über die Kapazitäten, die Deutschland hat. Aber alles, was in unserer Macht stand, haben wir gemacht.

Inwieweit gibt es einen Zusammenhang zwischen der demografischen Ausgangssituation und dem Gesundheitssystem?

Italien hat eine der höchsten Lebenserwartungsraten weltweit. Die der Frauen liegt bei 85 Jahren, die der Männer bei 80 Jahren. In Deutschland ist sie um ein, zwei Jahre niedriger. In Italien sind 20 Prozent der Bevölkerung älter als 60 Jahre. Was ich mit diesen Zahlen sagen will, ist Folgendes: Das italienische Gesundheitssystem funktioniert bestens. Aber die Fortschritte der letzten Jahrzehnte werden gerade zunichtegemacht.

*Datenschutz

Die ältere Generation hat weitaus mehr geraucht als die jetzige. Könnte das Rauchen auch ein weiterer Grund für die hohe Sterberate sein?

Sicher gehört das Rauchen zu den Risikofaktoren. Und man muss in Zukunft nicht nur gezieltere Kampagnen gegen das Rauchen starten, sondern auch für mehr Zentren sorgen, die beim Entzug helfen. Das gilt aber nicht nur im Hinblick auf das Coronavirus, sondern generell.

Ein Mailänder Hausarzt hat erzählt, dass sich viele ältere Menschen weigern, ins Krankenhaus zu gehen. Sie haben Angst, dass sie dann alleine sterben müssen. Das erhöht aber die Ansteckungsgefahr.

Das ist in der Tat ein Problem. Wir haben strikte Maßnahmen getroffen, was die gesellschaftliche Distanzierung betrifft. Nur - innerhalb einer Familie geht das natürlich nicht. In China wurden die Kranken in sogenannte wandernde Krankenhäuser pflichtverlegt. Bei uns bleibt ein Kranker, der nur leichte Symptome aufweist, stattdessen zu Hause. Was natürlich heißt, dass er auch die anderen Familienmitglieder anstecken kann.

Viele alte alleinstehende Menschen haben eine Krankenpflegerin oder -pfleger. Diese kommen einmal am Tag, fahren meistens mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und setzen somit sich und zu pflegende Personen der Gefahr aus, sich anzustecken.

Deshalb müssen auch sie sich strikt an die vorgeschriebenen Maßnahmen halten, die für alle anderen Arbeitnehmer und Arbeitsbereiche gelten.

Gibt es schon Überlegungen zu eventuellen Verhaltensvorschriften für die Älteren, wenn die Ausgangssperre einmal aufgehoben ist? Zum Beispiel, dass sie für eine gewisse Zeit nur mit Mundschutz außer Haus gehen dürfen?

Zu einer sogenannten Normalität werden wir erst zurückkehren, wenn wir einen Impfstoff haben. Und das wird wahrscheinlich noch ein Jahr dauern. Bis dahin werden wir weiter eine gewisse gesellschaftliche Distanzierung praktizieren müssen. Natürlich nicht wie jetzt. Aber in Lokalen und Restaurants - der Abstand zwischen den Tischen wird mindestens ein Meter sein müssen. Was die über 60-Jährigen betrifft, so gibt es im Moment noch keine spezifischen Überlegungen, aber wir werden uns damit befassen. Denn laut einer Studie des Imperial College haben sich 10 Prozent der Italiener mit dem Virus infiziert, was so viel heißt, dass 54 Millionen noch keine Antikörper entwickelt haben.

Und dann sind da noch die Alters- und Pflegeheime. Seit fast einem Monat dürfen die Angehörigen nicht mehr hinein. Wie lange wird dieses Verbot noch anhalten?

Die Menschen in den Pflegeheimen sind in dieser Situation das schwächste Glied unserer Gesellschaft und müssen deswegen besonders geschützt werden. Deswegen denke ich, dass hier die Einschränkungen als Letztes aufgehoben werden. Das stellt in erster Linie für die Bewohner, aber auch für ihre Angehörigen eine immense psychische Belastung dar. Aber im Moment haben wir keine Alternative.

Mit Graziano Orden sprach Andrea Affaticati

Quelle: ntv.de