Panorama

Neuer Negativrekord bei Toten Jeder zehnte Brite hatte bereits Corona

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Die Lage in Großbritannien ist nach wie vor "sehr ernst", sagt Regierungschef Boris Johnson.

(Foto: dpa)

Großbritannien ist von der Coronavirus-Pandemie besonders hart betroffen. In keinem anderen Land der Welt ist der Anteil von Todesfällen an der Gesamtbevölkerung offiziellen Angaben zufolge so hoch. Eine Entspannung der Lage ist diesbezüglich nicht in Sicht.

Großbritannien verzeichnet derzeit relativ zur Bevölkerung die weltweit höchste Anzahl von Corona-Todesfällen. Im gleitenden Sieben-Tage-Durchschnitt waren es zuletzt mehr als 16,5 Tote pro eine Million Menschen. Das geht aus einer aktuellen Auswertung der Universität Oxford hervor, die sich auf Daten der Johns-Hopkins-Universität bezieht. Damit liegt Großbritannien knapp vor Tschechien und Portugal und deutlich vor Deutschland und den USA, die beide in diesem Zeitraum im Schnitt mehr als neun Todesopfer pro eine Million Einwohner verzeichneten.

Insgesamt liegt die Zahl der Sterbefälle in Großbritannien, bei denen Covid-19 auf dem Totenschein vermerkt wurde, inzwischen bei über 91.000. Am heutigen Dienstag verzeichnete das Königreich zudem einen neuen Höchststand: Innerhalb von 24 Stunden wurden 1610 Todesfälle gemeldet, wie die Gesundheitsbehörde Public Health England mitteilte. Das ist die höchste Zahl seit Beginn der Pandemie im vergangenen Frühjahr.

Die Zahl der Neuinfektionen lag mit 33.355 Fällen niedriger als in den vergangenen Tagen. Ein Zeichen dafür, dass die Lockdown-Maßnahmen langsam greifen. Die Infektionslage ist nach Ansicht von Premierminister Boris Johnson dennoch weiterhin "sehr ernst". Es bleibe überaus wichtig, dass sich alle an die Regeln halten, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Das habe Johnson zu Beginn einer Kabinettssitzung gesagt, erklärt sein Sprecher vor Reportern.

Besonders stark von der Pandemie betroffen ist unterdessen der größte Landesteil England. Dort hatten bis Dezember schätzungsweise mehr als zwölf Prozent der Menschen eine Coronavirus-Infektion durchgemacht, wie aus einer Antikörper-Studie der Statistikbehörde ONS (Office for National Statistics) hervorgeht. Dies entspricht ungefähr jedem Achten. Landesweit ist es demnach ungefähr jeder Zehnte.

Allerdings haben Analysen gezeigt, dass die Menge an Antikörpern nach einer Infektion rasch schwinden kann - der tatsächliche Wert könnte deshalb höher liegen. Im November hatte die Rate in England noch bei knapp neun Prozent gelegen. Besonders hoch liegt der Anteil im Nordosten Englands (Yorkshire and Humber), wo knapp 17 Prozent der Menschen Anzeichen für eine durchgemachte Corona-Infektion aufwiesen. Auch in London liegt die Rate höher als im landesweiten Durchschnitt (16,4). Im Südwesten Englands haben sich hingegen bisher nur relativ wenige Menschen infiziert (knapp fünf Prozent). Analysiert werden für die Auswertung Proben Tausender Menschen im Alter ab 16 Jahren aus Privathaushalten. In Pflege- und Altenheimen betreute Menschen sind nicht in die Studie einbezogen.

Ethnische Minderheiten bei der Impfreihenfolge berücksichtigen

Erfreulicher sind die Zahlen der bereits durchgeführten Impfungen. Mehr als vier Millionen Briten haben der Regierung zufolge inzwischen eine erste Dosis erhalten. Das Land ist damit abgesehen von kleineren Ländern wie Israel und mehreren Golfstaaten weltweit noch immer einsamer Spitzenreiter. Mehr als die Hälfte der über 80-Jährigen und die Hälfte der Pflegeheimbewohner wurden in England bereits geimpft, wie Gesundheitsminister Matt Hancock am Montag mitgeteilt hatte. Der konservative Politiker ging am heutigen Dienstag erneut in Selbstisolation, nachdem er eine entsprechende Aufforderung per Corona-Warn-App erhalten hatte. Er war bereits im Frühjahr vergangenen Jahres an Covid-19 erkrankt.

Britische Ärzte sprachen sich unterdessen für eine Berücksichtigung ethnischer Minderheiten bei der Corona-Impfreihenfolge aus. "Wir sind besorgt, weil Berichte zeigen, dass Menschen aus den schwarzen und asiatisch geprägten Communities nicht nur mit größerer Wahrscheinlichkeit schwer von dem Virus betroffen sind, sondern auch weniger wahrscheinlich eine Corona-Impfung in Anspruch nehmen", sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbands Royal College of General Practitioners, Martin Marshall, dem "Guardian". Marshall forderte das Gesundheitsministerium auf, Angehörige ethnischer Minderheiten bei der Impfreihenfolge zu berücksichtigen. Außerdem hätten Hausärzte das Recht, auf Besonderheiten ihrer lokalen Gemeinden zu achten und so gegebenenfalls zu priorisieren.

Marshall sowie mehrere andere Mediziner und Berater sprachen sich außerdem für eine auf die Zielgruppe zugeschnittene Aufklärungskampagne aus. "Wir müssen unseren Gemeinden klarmachen, dass die Impfstoffe kein Fleisch oder keinen Alkohol enthalten und dass sich Religionsvertreter dafür ausgesprochen haben", sagte Habib Naqvi vom staatlichen Gesundheitsdienst NHS. Untersuchungen zeigten, dass ethnische Minderheiten fast doppelt so gefährdet waren, an Covid-19 zu sterben, wie der Rest der Bevölkerung. Die Todesquote lag in der ersten Welle der Pandemie der britischen Statistikbehörde zufolge unter männlichen 9- bis 64-jährigen schwarzen Afrikanern und Bangladeschern fünfmal so hoch wie unter Weißen.

Quelle: ntv.de, fzö/dpa/rts

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