Missbrauch, Verzweiflung, MordJüngster verurteilter US-Mörder kommt frei

Curtis und Catherine Jones sind 12 und 13 Jahre alt, als sie einen Menschen töten. Sie werden wie Erwachsene verurteilt und müssen ihre Strafe in einem ganz normalen US-Gefängnis verbüßen. Jetzt werden sie nach 16 Jahren entlassen.
Die Justizgeschichte der USA ist voller Fälle, die mit einem normalen Gerechtigkeitsempfinden nur als ungerecht beschrieben werden können. Der Fall von Curtis Jones und seiner Schwester Catherine ist ein ganz besonders schwerer Fall von Ungerechtigkeit. Curtis ist in die Geschichte eingegangen als der jüngste jemals verurteilte Mörder.
Er war zwölf Jahre alt, als er im Januar 1999 gemeinsam mit seiner 13-jährigen Schwester die Freundin ihres Vaters erschoss. Sie benutzten die Neun-Millimeter-Waffe aus dem Nachttisch ihres Vaters. Die 29-jährige Sonya Nicole Speights war sofort tot. Die Kinder schleppten sie ins Badezimmer und säuberten das Haus. Dann versteckten sie sich im Wald, wo sie am nächsten Morgen festgenommen wurden.
Im Laufe der Ermittlungen stellte sich heraus, dass der Tod von Speights nur ein Teil des Plans der Geschwister war. Ursprünglich hatten die Teenager vor, nicht nur ihre Stiefmutter zu töten, sondern auch ihr Vater und ein mit im Haus lebender Verwandter sollten sterben. Diesen Plan ließen sie jedoch fallen, nachdem sie Speights erschossen hatten. Die Behörden gingen davon aus, dass die Kinder aus Eifersucht handelten, ihnen drohte eine Anklage wegen Mord ersten Grades und damit lebenslange Haft.
Keine Entlastung
Um dies zu verhindern, wurde ein Deal mit der Staatsanwaltschaft ausgehandelt. Die Anklage lautete auf Mord zweiten Grades, die Strafe: 18 Jahre. Es gab keinen Prozess, keine Zeugen, keine Gutachten, nur den Deal. Verurteilt wurden die Kinder nach Erwachsenenstrafrecht. Nach mehr als 16 Jahren, die Curtis und Catherine getrennt voneinander im normalen Erwachsenenvollzug absaßen, werden sie nun überraschend entlassen. Curtis kam bereits am Dienstagmorgen auf freien Fuß, seine Schwester soll noch im Lauf der Woche aus dem Gefängnis kommen.
Beide müssen vorläufig noch Bewährungsauflagen erfüllen, doch nach ihrer Freilassung könnte ihre Version der Tat noch einmal ausführlich erzählt werden. Und die klingt vollkommen anders: Demnach wuchsen Curtis und Catherine in einer gewalttätigen Familie auf. Schläge waren der Grund, warum ihre Mutter 1989 ihren Vater verließ. Die Kinder blieben beim Vater, auch weil er sie nicht gehen ließ. Ein anderer Grund war offenbar, dass die weiße Familie der Mutter die Kinder, die sie mit einem schwarzen Mann hatte, nicht akzeptierte.
Schon Monate vor dem Mord sah die Fürsorge Anzeichen dafür, dass die Kinder sexuell missbraucht wurden, ohne Konsequenzen. Der Mitbewohner war 1993 verurteilt worden, weil er die Tochter seiner damaligen Freundin sexuell genötigt hatte. Catherine berichtete später, er habe sie belagert, während sie duschte und dabei masturbiert. Auch Curtis sagte aus, er sei missbraucht worden. Doch niemand glaubte den Kindern. Daraufhin beschlossen sie, ihr Problem selbst zu lösen. Der Täter sollte ebenso sterben, wie die Menschen, die ihnen nicht geholfen hatten.
"Ich war bereit, alles dafür zu tun, um endlich aus der Hölle, in die ich geboren worden war, herauszukommen", sagte Catherine 2009 in einem Interview mit der Zeitung "Florida Today". Selbst im Gefängnis sei es für sie besser gewesen. "Es gab dort einen Punkt, an dem ich glücklich war, meine Ruhe hatte und mich sicher fühlte." Ihr Bruder hat über die Tat nie gesprochen.
Schritt ins Unbekannte
Inzwischen ist Curtis 29, Catherine 30 Jahre alt. Ihnen dürfte eine Art Kulturschock bevorstehen. Curtis' größte Sorge nach seiner Verurteilung war, ob er seinen Nintendo mit ins Gefängnis nehmen darf. Inzwischen soll er sich nicht nur mehrere Tatoos stechen lassen haben, sondern auch sehr gläubig geworden sein. Er plane, Pfarrer zu werden, heißt es. Allerdings habe er keinen Schulabschluss. Immerhin waren die Geschwister all die Jahre in Brief- und Telefonkontakt. Catherine heiratete im November 2013 sogar im Gefängnis. Ihr Mann, der Navy-Soldat Ramous Fleming hatte während eines Einsatzes auf dem Flugzeugträger "U.S.S Enterprise" im Persischen Golf im Internet über ihren Fall gelesen. Aus einem spontan entstandenen Briefwechsel wurde zunächst Freundschaft und später Liebe.
Ob die Jones-Geschwister jemals ein normales Leben führen werden, ist völlig offen. Zu den Gewalterfahrungen ihrer Kindheit und dem von ihnen begangenen Mord kommen die Gefängnisjahre. Experten befürchten psychische Probleme bis hin zu Suizidversuchen. Sie können nicht Autofahren, kennen kein Handy und keine sozialen Medien. Catherine beschrieb ihre Angst 2009 in einem Brief an "Florida Today": "Ich habe meine Teenagerjahre und die ersten meines Erwachsenlebens im Gefängnis gebracht und werde jetzt in eine mir völlig unbekannte Gesellschaft entlassen."