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Die Schäden werden jeden Tag größer.
Die Schäden werden jeden Tag größer.(Foto: dpa)
Dienstag, 13. Februar 2018

Loch auf der A20: Kann eine Autobahn einfach wegbröckeln?

Von Solveig Bach

Die Autobahn 20 verwandelt sich binnen weniger Wochen auf einem Teilabschnitt in eine unbefahrbare Mondlandschaft. Was normalerweise 50 Jahre hält, ist bereits nach 13 Jahren alles hinüber. Was ist dort passiert? Fragen und Antworten zum Schaden an der A20:

Wo genau befindet sich der gesperrte Autobahnabschnitt?
Gesperrt ist die Autobahn 20 zwischen den Anschlussstellen Tribsees und Bad Sülze. Das sind insgesamt 5644 Meter. Zunächst hatte es nur eine Teilsperrung in Richtung Rostock gegeben, seit Oktober 2017 ist die A20 in diesem Bereich in beiden Richtungen jedoch komplett gesperrt.

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Was ist dort passiert?
Bereits 2014 hat das Landesamt für Straßenbau und Verkehr auf dem 2005 fertiggestellten Autobahnabschnitt erste Setzungen festgestellt, heißt es beim Verkehrsministerium in Schwerin. Dem NDR zufolge galt der Abschnitt bereits beim Bau als schwierigstes Teilstück der insgesamt 324 Kilometer langen Ostseeautobahn. Im Frühjahr 2017 beobachtet das Landesverkehrsamt ein schleichendes Absinken der Fahrbahn. Ende September sackt dann ein etwa 100 Meter langer Abschnitt ab. Daraufhin wird die A20 in Richtung Rostock gesperrt. Anfang Oktober bricht ein Teil der Autobahn dann regelrecht ab. Das Loch ist zunächst 10 Meter breit, 40 Meter lang und 2,5 Meter tief. Die andere Fahrbahnseite wird nun verstärkt kontrolliert, auch dort treten an der Fahrbahndecke Veränderungen auf. Am 20. Oktober 2017 kündigt Mecklenburg-Vorpommmerns Verkehrsminister Christian Pegel die Vollsperrung an.

Sind die Schäden seitdem größer geworden?
Seit der Sperrung haben sich die Schäden extrem vergrößert. Anfang Februar 2018 erweitert sich das Loch auf 100 Meter Länge, kurz darauf bricht auch die Gegenfahrbahn in Richtung Stettin weg. Auf Luftaufnahmen ist zu sehen, dass lediglich der Bereich der mittleren Leitplanke noch halbwegs hält. Insgesamt sind 800 bis 1000 Meter Autobahn vollständig zerstört.

Wie kann es sein, dass eine ganze Autobahn einfach auseinanderbricht?
Dem Schweriner Verkehrsministerium zufolge sind die genauen Ursachen "bislang nicht abschließend" geklärt. In zwei Gutachten konnte demnach bisher nur festgestellt werden, dass das Gründungssystem in diesem Bereich versagte. Der "vorhandene restliche Damm war dann aufgrund des Versagens des Tragsystems nicht mehr ausreichend tragfähig beziehungsweise sicher".

Was heißt das?
In dem betroffenen Abschnitt liegt der etwa fünf Meter starke Straßendamm auf einer bis zu 20 Meter starken Torfschicht, heißt es in einer Ministeriumsmitteilung aus dem Oktober. Beim Bau der A20 wurde dieser nicht besonders stabile Untergrund mit "15 Zentimeter starken unbewehrten Mörtelpfählen, so genannte CSV-Säulen, stabilisiert". Die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH, die den Bau geplant und realisiert hatte, beschreibt das Verfahren so: "Dabei wird mit einer Endlosschnecke ein Gemisch aus Sand und Zement in den Untergrund eingebracht. Es entsteht eine Säule aus verpresstem Trockenmörtel; dieser bindet durch Erdfeuchte und Grundwasser ab, und es entsteht eine verfestigte Säule." DEGES-Sprecher Michael Zarth sagt n-tv.de, dass eine Gründung auf pfahlartigen Tragelementen "aus Gründen des Umweltschutzes und wegen hydrodynamischer Aspekte für die Dämme und Ingenieurbauwerke" empfohlen wurde. Dabei ging es unter anderem darum, das Moor vor aggressiven Baustoffen zu schützen und als Landschaftsbiotop biologisch intakt zu erhalten. Man habe aber kein Verfahren direkt favorisiert oder vorgeschrieben. In der Ausschreibung habe man sich dann für den Anbieter "entschieden, der alle technischen Vorgaben auch für den Teil des Untergrundes erfüllt und letztlich für den Gesamtauftrag das wirtschaftlichste Angebot abgegeben hat. Teil dieses Angebots war der Einsatz der Trockenmörtelsäulen", die daraufhin direkt im Trebeltal getestet wurden.

Wie geht es jetzt weiter?
Zu reparieren ist die Autobahn in diesem Bereich nicht. Sie muss wahrscheinlich komplett neu gebaut werden. Inzwischen steht der Zeitplan für die europäische Ausschreibung von Planungsleistungen für die Reparatur. Einer Ministeriumssprecherin zufolge können sich Planungsfirmen bis zum 22. Februar bewerben. Es folgen sechs Wochen, in denen die Bewerbungen ausgewertet werden. Anschließend würden drei Büros ausgewählt, die innerhalb von 30 Tagen ein detailliertes Angebot abgeben sollen. Die Auswertung bis hin zum Zuschlag werde sechs Wochen dauern. Wenn keiner der unterlegenen Bieter klage, könne der Zuschlag voraussichtlich im Juni erteilt werden. Verkehrsminister Christian Pegel geht von einer vollständigen Wiederherstellung der Autobahn bis zum Jahr 2021 aus.

Wie wird der Verkehr bis dahin laufen?
Geplant ist der Bau einer Umleitungsstrecke. Dabei könnte man auf den Verlauf der Baustraße zurückgreifen, die Anfang der 2000er Jahre bestand. Diese Baustraße wurde jedoch komplett zurückgebaut und muss nun ganz neu errichtet werden. Auch dafür muss eine Lösung in dem morastigen Boden gefunden werden. Dem NDR zufolge gehört die Fläche, die dafür benötigt wird, insgesamt 15 verschiedenen Eigentümern, "neben dem Bund und dem Land auch Privatpersonen und Erbengemeinschaften aus mehreren Bundesländern". Nur wenn sie alle ihr Land noch im Februar zur Verfügung stellen, könnte noch vor dem Sommer mit dem Bau begonnen werden. In einer "Zwischenlösung" wird der Verkehr derzeit durch die angrenzenden Ortschaften geleitet.

Wer muss das bezahlen?
Die Kosten für die Instandsetzung trägt der Bund, der der Eigentümer der deutschen Autobahnen ist. Das gilt auch für die Herrichtung aller Umleitungsstrecken, auf denen Autofahrer das fehlende Autobahnstück umfahren müssen. Das Schweriner Verkehrsministerium geht davon aus, dass alle Fristen für mögliche Regressansprüche an Bau- und Planungsfirmen bereits abgelaufen sind. Sollten sich bei den Arbeiten eindeutige Hinweise auf Mängel ergeben, werde man aber mögliche Ansprüche prüfen.

Was hat die Sperrung für Folgen?
Vor allem die Tourismusbranche befürchtet erhebliche Auswirkungen. Bereits im Januar hatte es deshalb ein Krisentreffen mit Verkehrsminister Pegel gegeben, bei dem der SPD-Politiker zusagte, alles für den schnellen Bau einer Umleitung zu tun. Das Loch bereitet regionalen Medien zufolge auch den Rettungsdiensten im Landkreis Vorpommern-Rügen Sorgen. Wie die "Ostsee-Zeitung" berichtet, brauchen die Einsatzwagen in der Region wegen der Umleitung deutlich länger, um zu ihren Patienten zu kommen. Die notärztliche Versorgung im Süden des Landkreises werde dadurch zum Problem, zitiert das Blatt den Stralsunder Arzt Ronald Zabel. Um das Problem zu lösen, wäre eine zweite Rettungsstation im Umfeld der abgesackten Autobahn denkbar.

Quelle: n-tv.de