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Kein "Verschwörungstheoretiker" Kardinal verteidigt umstrittene Unterschrift

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Kardinal Müller steht in der Kritik für seine Unterstützung eines Aufrufs, der vor einer "Weltregierung" warnt.

(Foto: picture alliance / Andreas Arnol)

Ein "unsichtbarer Feind" nutzt die Viruskrise, um eine Weltregierung aufzubauen. Das behauptet ein Aufruf, den auch die Unterschrift von Kardinal Müller ziert. Der Glaubensmann wird dafür teils scharf gerügt. Er sieht sich aber zu Unrecht in der Kritik.

Der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller verteidigt seine Unterschrift unter einem Schreiben, das zum Kampf gegen einen "unsichtbaren Feind" aufruft. Dieser würde die Bekämpfung des Coronavirus als "Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung" nutzen, welche sich jeder Kontrolle entzöge. Deutsche Kirchenvertreter kritisierten Müller für seine Unterstützung des Aufrufs, der sieht sich aber schlicht missverstanden.

Gegenüber der katholischen Zeitung "Tagespost" sagte der ehemalige Regensburger Bischof: "Interessierte kirchliche Kreise" nutzten den Text, um daraus "Empörungskapital" zu schlagen. "Jeder nennt jetzt jeden Andersdenkenden Verschwörungstheoretiker", so Müller. Er werde bewusst falsch verstanden.

So liege das Hauptaugenmerk seiner Kritik nicht auf den medizinischen Aspekten der Krise, sondern auf der Reaktion der Kirche. Müller empört sich unter anderem darüber, dass Kirchenvertreter sich an die staatlichen Gottesdienstverbote halten. Damit machten sie sich zu bloßen "Staatsbeamten" so der Kardinal.

"Unklare Absichten supranationaler Einheiten"

Doch der Aufruf, den Müller unterzeichnete, bleibt nicht bei der Kritik am Umgang der Kirche mit der Viruskrise stehen. Darin schreiben die Bischöfe, sie hätten "Grund zu der Annahme", dass es Kräfte gebe, die Panik stiften wollten, um so dauerhaft Freiheiten einschränken zu können. Beziehungen würden kriminalisiert und Personen isoliert, "um diese besser manipulieren und kontrollieren zu können". Die Menschheit solle in einer virtuellen Wirklichkeit eingeschlossen werden.

In den Augen der Verfasser ist das Teil eines nicht näher beschriebenen "Projekts". Die Bischöfe erkennen dahinter die "unklaren Absichten supranationaler Einheiten" mit "sehr starken" Interessen. Ohne genauere Erläuterung warnen die Unterzeichner außerdem davor, sich mit Impfstoffen behandeln zu lassen, zu deren Herstellung "Material von abgetriebenen Föten verwendet" werde.

Das Schreiben war von zahlreichen katholischen Geistlichen, Medizinern, Journalisten und Anwälten unterschrieben worden. Der von Papst Franziskus ernannte Präfekt der Gottesdienstkongregation, Kardinal Sarah, war zunächst auf der Liste der Unterzeichner aufgetaucht, hatte die Verfasser dann aber nach eigener Aussage gebeten, nicht in dieser zu erscheinen. Er teile aber einige der geäußerten Sorgen, so Sarah. Der erklärte Papst-Gegner und Initiator des Aufrufs, Erzbischof Viganò hatte dem entgegnet, Sarah habe klar seine Zustimmung gegeben, mit seinem Namen unter dem Aufruf zu erscheinen.

Kardinal Müller sieht sich nun zu Unrecht im Zentrum der Kritik: "Dadurch, dass ich als Kardinal irgendwie als der Hauptprominente dieses Textes angesehen wurde, hat sich die Wahrnehmung auf mich konzentriert", sagte er der "Tagespost". Er habe sich demnach lediglich mit dem Schreiben einverstanden erklärt, weil dieses zum sorgfältigen Umgang mit in einigen nicht-demokratischen Ländern möglichen Nebenwirkungen der Pandemie aufrufe.

"Rechtspopulistische Kampf-Rhetorik"

Der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer, sagte, er sei "einfach nur fassungslos, was da im Namen von Kirche und Christentum verbreitet wird: Krude Verschwörungstheorien ohne Fakten und Belege, verbunden mit einer rechtspopulistischen Kampf-Rhetorik, die beängstigend klingt." Es sei ungeheuerlich, wenn Anstrengungen zur Eindämmung einer Pandemie derartig diskreditiert würden, so Pfeffer. Dem müsse widersprochen werden.

Auch die Deutsche Bischofskonferenz distanzierte sich deutlich von dem Schreiben. "Die Deutsche Bischofskonferenz kommentiert grundsätzlich keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands. Allerdings füge ich hinzu, dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend von dem gestern veröffentlichten Aufruf unterscheidet", erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing.

Die katholische Laienbewegung "Wir sind Kirche" zeigte sich entsetzt darüber, wie bekannte Kirchenmänner sich verantwortungslos zu Handlangern von Verschwörungstheoretikern machen ließen. Die Papst-Gegner machten sich lächerlich und könnten nicht mehr ernst genommen werden, erklärte "Wir sind Kirche" weiter. Papst Franziskus hatte sich Mitte 2017 von Müller als Chef der Glaubenskongregation getrennt.

Quelle: ntv.de, lwe/dpa