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Der Mann wurde am Rande des Tempelhofer Feldes von Schüssen getroffen.
Der Mann wurde am Rande des Tempelhofer Feldes von Schüssen getroffen.(Foto: dpa)
Montag, 10. September 2018

Mord an Clan-Mitglied in Berlin: "Kein Interesse an Toten"

In Berlin ist ein 36-Jähriger niedergeschossen worden und später im Krankenhaus gestorben, der schon lange als Intensivtäter und Clanmitglied bekannt ist. Die Hauptstadt gilt als eine Hochburg für kriminelle Großfamilien. Jurist und Islamwissenschaftler Mathias Rohe hat zu diesen Clans geforscht. Der Direktor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa vermutet einen Racheakt und Bemühungen der Clan-Chefs, den Konflikt wieder zu befrieden.

n-tv.de: Noch ist der Täter in Berlin nicht gefasst. Wie schätzen Sie diese Tat ein?

Mathias Rohe: Ich kenne natürlich auch die konkreten Hintergründe nicht, aber so wie sich das Geschehen darstellt, ist es ein typischer Fall für Racheakte oder Revierkämpfe im Bereich der Organisierten Kriminalität. Das ist nicht nur clanspezifisch, sondern findet sich ebenso unter Rockergruppen. Das ist also der erste Verdacht, aber die Hintergründe muss man natürlich erst aufhellen.

Aus Berlin gibt es derzeit viele Meldungen, in denen die kriminellen Familienclans eine Rolle spielen. Es gab eine große Aktion, bei der Immobilien beschlagnahmt wurden, die wahrscheinlich mit kriminell erworbenem Geld bezahlt wurden, es gibt dieses Kräftemessen des Rappers Bushido mit einem früheren Geschäftspartner, der diesem Milieu zugerechnet wird. Lässt sich da ein Zusammenhang herstellen zu der aktuellen Tat?

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Das sind sicher alles verschiedene Baustellen. Aber insgesamt beobachte ich, dass man sich in Berlin offensichtlich entschlossen hat, gegen diese kriminellen Strukturen entschiedener vorzugehen. Bei der Beschlagnahmeaktion hat ein Gesetz geholfen, das im vergangenen Jahr verabschiedet wurde. Man kann jetzt auf Vermögen, das aus kriminellen Aktivitäten geschöpft wird, leichter zugreifen. Vorher musste man es einer konkreten Straftat zuordnen. Das entfällt jetzt und das macht es sehr viel leichter für die Sicherheitsbehörden.

Könnte es sein, dass diese neue Konsequenz auch für Unruhe in diesen Clanstrukturen sorgt?

Das ist zwar denkbar, aber genauso ist es möglich, dass einfach nur eine bestehende Situation eskaliert ist. Manchmal geht es einfach nur um Revierverteilungen -  beispielsweise für den Drogenhandel. Manchmal gibt es Racheakte wegen persönlicher Verletzungen. Genau wissen das nur die Beteiligten.

Beim Berliner Landeskriminalamt geht man davon aus, dass zwölf Großfamilien für fast ein Viertel der Straftaten im Bereich der Organisierten Kriminalität verantwortlich sind. Ist Berlin damit eine Hochburg für dieses Phänomen?

Berlin ist schon besonders geplagt, aber es gibt auch andere Ecken in Deutschland, wo es ähnlich ist. Bremen, einige Städte in Niedersachsen und in Nordrhein-Westfalen sind ebenfalls betroffen. Aber wir haben natürlich diese regionalen Schwerpunkte. Das Entstehen solcher Schwerpunkte hängt mit der Migrationsgeschichte der Beteiligten zusammen. Typischerweise sucht man sich Orte, in denen schon andere Bezugspersonen wohnen, und solche, in denen man meint, seine Aktivitäten besonders leicht durchführen zu können. Man geht zum Beispiel bewusst nicht nach Bayern.

Sie haben im Rahmen einer Studie viele Interviews mit Clan-Angehörigen geführt. Was ist Ihre Haupterkenntnis aus diesen Gesprächen?

Zum einen sind nicht alle Mitglieder der jeweiligen Großfamilie in kriminelle Aktivitäten verstrickt. Und denen, die involviert sind, kann man nur durch die Härte des Gesetzes beikommen. Bei der Durchsetzung des Rechtsstaates muss man ganz schön in die Vollen gehen, denn wenn man da nur mit ein paar wenigen Beamten eintrifft, dann lachen die nur. Da ist schon ein erhebliches Maß an krimineller Energie vorhanden, wo man jetzt investieren und die Fehler der Vergangenheit aufarbeiten muss.

Welche Fehler waren das?

Ich meine den Rückzug des Rechtsstaates aus dem öffentlichen Raum aus Spargründen. Aber natürlich muss man auch Angebote für den Ausstieg aus diesen Strukturen machen. Die werden ja nicht als Kriminelle geboren. Ein Fehler war sicher, dass man die Leute hat hängen lassen, als sie hier in den 1970er- und 80er-Jahren angekommen sind. Sie waren schon in ihren Herkunftsregionen Underdogs und hatten auch hier keinen Zugang zu Bildung oder Arbeit. Da muss man natürlich trotzdem nicht kriminell werden, aber der Weg ist eben vergleichsweise kurz. Viele dieser Menschen sind bis heute staatenlos, haben keine vernünftige Lebensperspektive. Da müssen wir sicher für die Zukunft lernen.

Meinen Sie das auch Bezug auf die jungen männlichen Flüchtlinge, die in den letzten Jahren gekommen sind?

Die Clankriminalität, die wir jetzt haben, ist ein älteres Phänomen. Die Leute sind schon lange da. Aber wir sehen, dass sie auch unter Flüchtlingen gezielt versuchen, beispielsweise für den Drogenhandel zu rekrutieren. Es ist natürlich wichtig, dass wir das realistisch angehen. Ich bin schon der Meinung, dass nicht alle hierbleiben können, die das gern möchten. Abschiebungen gehören leider auch dazu. Andererseits muss man schauen: Wer wird für einige Zeit im Land bleiben? Und welche Lebensperspektiven kann man denen bieten, damit sie nicht abgleiten?

Auf viele Menschen wirkt diese Clankriminalität ziemlich faszinierend. Können Sie das nachvollziehen?

Das Besondere an diesen Clans ist einfach, dass sie in einer extrem geschlossenen patriarchalen Großfamilienstruktur groß geworden sind und diese auch ihr Auffangbecken ist. Dort dominiert eine Gewalterziehung; besonders die Jungen und die jungen Männer werden so erzogen, dass sie sich und ihre Ehre und natürlich die der Familie verteidigen müssen. Da ist ein hohes Maß an Gewaltbereitschaft, die ja auch immer wieder öffentlich demonstriert wird. Der Überfall auf das Pokerturnier in Berlin, der Diebstahl der Münze aus dem Bode-Museum, das würde die Mafia nicht machen. Die arbeiten lieber im Verborgenen. Diese Täter legen es darauf an, in der Öffentlichkeit als die großen Macker aufzutreten. Es kann schon sein, dass dann jemand denkt: Das sind die harten Jungs, da will ich auch mit dabei sein.

Fordern die Clans bewusst den Rechtsstaat immer wieder heraus?

Aber ja, genau das tun sie. Ich habe das selbst mal in Berlin im Kleinen erlebt. Da fuhr ein ganzer Konvoi von sehr teuren Autos Unter den Linden direkt vor dem Brandenburger Tor mit hoher Geschwindigkeit vor, mit quietschenden Reifen. Da wurden Fußgänger gefährdet, die sind zur Seite gesprungen. Die Polizei stand etwas machtlos daneben. Dahinter steht die Haltung: Ihr könnt uns gar nichts. Jugendliche Straftäter aus diesem Bereich lachen bloß, wenn sie festgenommen werden. Die haben oft gut bezahlte Anwälte und sind oft auch schnell wieder draußen.

Nun gibt es einen Toten in Berlin, sind jetzt also neue Racheaktionen zu erwarten?

Das könnte sein. Ich vermute aber, dass jetzt im Hintergrund Clan-Oberhäupter miteinander verhandeln, was jetzt die Konsequenzen sein könnten, damit es nicht immer weitergeht. Das ist ein typischer Anwendungsfall von Paralleljustiz. Da wird versucht, Kompensationszahlungen auszuhandeln oder die Täter intern zur Rechenschaft zu ziehen. Die haben auch kein Interesse daran, dass Leute umgebracht werden.

Mit Mathias Rohe sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de