Panorama

Ohne Trüffel - aber mit Herz Kiews hippe Bars werden zu Volksküchen

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Roman Jirnih und seine Mitarbeiter kochen kostenlos für alle, die Hunger haben.

(Foto: Johny O'Reilly)

Vor dem Krieg ist Kiew eine florierende Großstadt mit einer Gastro-Szene, die in Osteuropa ihresgleichen sucht. Nach Beginn der russischen Invasion müssen Restaurants und Bars schließen. Doch manche Betriebe orientieren sich neu - die einen kochen für die Armee, die anderen eröffnen kostenlose Restaurants für Rentner.

Es ist Anfang April, Kiew kehrt trotz anhaltender Sirenenalarme, Lebensmittelknappheit und Ausgangssperren nach und nach zur Normalität zurück. Manche Cafés und Restaurants in der ukrainischen Hauptstadt bieten Speisen zum Mitnehmen, einige öffnen wieder ihre Türen für Gäste.

"Jeder braucht Ablenkung, jeder braucht das Gefühl, dass er lebendig ist, dass er ein Mensch ist", sagt die 31-jährige Kiewer Gastronomin Anna Andrienko. "Eine Tasse Kaffee oder ein Mittagessen, bei dem man für eine halbe Stunde abschalten kann, zu einer gewissen Routine kommt - das ist psychologisch sehr wichtig."

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Anna Andrienko vor einem ihrer Restaurants. Im Großen und Ganzen ist die Stimmung positiv.

(Foto: privat)

Annas Restaurant "Altruist" im Stadtzentrum ist seit der vergangenen Woche wieder geöffnet. "Ich habe vier Lokale, zwei davon haben wir aus Sicherheitsgründen Ende Februar geschlossen. In einem weiteren arbeiten wir seit Kriegsbeginn an fünf Tagen die Woche", sagt die Unternehmerin. "Wir kochen für die Streitkräfte, für Krankenhäuser und bringen Essen in die Luftschutzkeller", sagt die Unternehmerin. "'Altruist', unser Hauptrestaurant, war einen Monat lang dicht, ist aber seit vergangener Woche wieder in Betrieb, sowohl für Gäste als auch für die, die unsere Hilfe brauchen. Emotional sind wir alle noch ganz durcheinander. Es fühlt sich immer noch wie ein Albtraum an. Aber im Großen und Ganzen ist die Stimmung positiv: Wir glauben an den Sieg und tun, was wir können."

"Wir versuchen jedem zu helfen, der in Not ist"

Der 40-jährige Roman Jirnih - der eigentlich Filmregisseur ist - eröffnete vor drei Jahren seine erste Location. "The Cinematographers Party Bar" wurde schnell beliebt. Nach zwei Jahren folgte dann eine kleine Pizzeria in einer nahe gelegenen Straße. Heute bietet "T.C. Pizza" Speisen zum Mitnehmen, kocht aber auch weiterhin für Bedürftige. Roman und sein Team beliefern ebenfalls Krankenhäuser und Luftschutzkeller. Vor wenigen Tagen brachten sie Lebensmittel nach Butscha. "Wie schlimm dort die Lage ist, wisst ihr ja selbst", schrieb das Team auf Instagram.

"Wir kochen auch für unsere älteren Nachbarn, die nicht mehr zum Supermarkt gehen können. Wir versuchen, jedem zu helfen, der in Not ist." Während Romans Team nach Kriegsbeginn pro Tag etwa 100 Mahlzeiten für Bedürftige zubereiten konnte, reichen die Kapazitäten inzwischen für bis zu 650 Mahlzeiten pro Schicht aus.

Das Liefersystem funktioniert in Kriegszeiten anders als früher: "Man kann jetzt nicht einen Lieferanten anrufen und sich Trüffel und Lemongras bringen lassen. Wir haben einen gemeinsamen Chat mit unseren befreundeten Restaurants, und wenn jemand schreibt: 'Leute, 20 Tonnen Hähnchen werden an diese Adresse geliefert und Gemüse an jene', dann fahren wir einfach hin und nehmen das, was verfügbar ist."

Die Hauptfinanzierungsquelle sind Spenden. "Unsere Instagram-Abonnenten und Freunde unterstützen uns." Hilfe kommt auch von Kunden. "Vor kurzem hat uns eine junge Frau, die nur einmal in unserer Bar war, 1000 US-Dollar überwiesen", erzählt Roman.

Zufluchtsort für Kunden und Mitarbeiter

"Squat 17b", ein weiterer wichtiger Treffpunkt der Kiewer Kultur- und Barszene, ist zu einem Zufluchtsort für Mitarbeiter und Stammkunden geworden, die Angst haben, zu Hause zu bleiben. "Wir haben aus einem Teil der Räumlichkeiten einen Wohnraum gemacht: Wir haben Sofas umgestellt, Decken und Kissen von Zuhause mitgebracht, damit die Leute dort wohnen können", erzählt Daria Kryzh, Mitbegründerin des "Squats".

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Darya Kryzh im "Squat 17b" im Sommer 2021.

(Foto: Alexandra Muraschko)

Das heutige "Squat 17b" entstand aus einem besetzten Haus in einem verlassenen Gebäude im Zentrum Kiews. Seit Jahren unterstützt das Team lokale Initiativen und städtische Kulturprojekte, seit dem Sommer 2021 gibt es dort auch ein vollwertiges Lokal mit Bar und Küche. In den ersten Kriegstagen kochte "Squat" für die Territorialverteidigung. Doch die Kapazität der Küche reichte nicht aus, um eine große Anzahl von Portionen zubereiten zu können. "Deswegen kochen unsere Mitarbeiter nun auswärts, sie wurden zu Freiwilligen in anderen Einrichtungen der Stadt."

"Uns geht es nicht um Geld"

Auch einige größere Restaurantketten orientieren ihre Betriebe neu. Eins der bemerkenswertesten Beispiele ist das vor ein paar Wochen entstandene, kostenlose Restaurant für Rentner "Palianitsya". Die Idee für das Projekt stammt von dem renommierten ukrainischen Gastronomen Alex Cooper, dem Gründer des "Kyiv Food Market" und mehrerer Restaurants. Das erste "Palianitsya" wurde am 19. März eröffnet, inzwischen gibt es sechs Filialen in verschiedenen Stadtteilen. Die Restaurants bereiten täglich rund 10.000 Portionen zu.

Für den Food-Journalisten Jaroslaw Druzjuk ist "Palianitsya" das beste Beispiel dafür, was Kiew gerade passiert: "Coole Gastronomen, die in den letzten zehn Jahren in modernen Premiumformaten tätig waren, haben sich angesichts des Kriegs zusammengetan und mobilisiert, anstatt Geld abzuziehen und aus dem Land zu fliehen."

"Heute geht es uns bei der Arbeit gar nicht um Geld", sagt Anna Andrienko, Inhaberin des "Altruist". "Wir haben weniger Umsatz als Betriebskosten, aber ich glaube, das wird sich bald ändern. Wegen der Sperrstunde mussten wir früher schließen. Die Speisekarte ist ebenfalls geschrumpft, weil wir einige Produkte nicht mehr finden können und die Preise für andere stark gestiegen sind", sagt Anna.

Auch "Squat 17b" arbeitet noch im reduzierten Modus. Dort kriegt man heute nur alkoholfreie Getränke und kleine Snacks. Seit dem 1. April ist der Verkauf von Alkohol in Kiew zwar wieder erlaubt - ist aber auf die Zeit zwischen 11 und 16 Uhr begrenzt. "Die Tatsache, dass das "Squat" - wenn auch ohne Alkohol - wieder geöffnet hat, hat viele Menschen ermutigt", sagt Daria Kryzh.

"Die Menschen brauchen ein kleines Stück Normalität"

"Es ist ein seltsames Gefühl, nach 40 Tagen Krieg wieder ein Restaurant zu betreten. Das Erste, was einem auffällt, sind die Panoramafenster. Wegen der Beschüsse haben wir uns daran gewöhnt, uns von den Fenstern fernzuhalten", so der Kiewer Journalist Yuriy Marchenko. "Dann bekommst du dein Essen - und du schickst Fotos an alle deine Freunde: Schau, das ist Kiew, das bin ich, das ist das Essen im Restaurant!", schwärmt der 38-Jährige. "Gleichzeitig entsteht aber ein Gefühl der Ungerechtigkeit. Weil man hier in einem schönen Restaurant sitzt und warmes Essen genießt, während die Menschen in Mariupol von einem Schluck Wasser träumen. Wie man damit leben soll, weiß ich nicht."

Yuriy verbrachte die ersten Wochen des Krieges in einem Dorf bei Kiew - dort war es relativ sicher. Er kehrte jedoch bald in die Hauptstadt zurück. "In der Nähe meines Hauses gibt es ein Café, vor dem sich fast immer eine kleine Schlange bildet", sagt der Journalist. "Ich glaube, was die Menschen wollen, ist nicht so sehr der Kaffee, sondern ein kleines Stück normales Leben."

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Die Kiewer wollen zurück in die tägliche Routine, ist sich auch Darya Kryzh sicher. "Viele unsere Besucher bedanken sich bei uns dafür, dass wir wieder geöffnet haben. Es ist wichtig für sie, ein Stück Normalität zu bekommen." Bis das Gastronomiegewerbe es nach dem Krieg zurück in den Alltag schafft, dürfte es nach Einschätzungen von Vertretern der Branche Jahre dauern. Das Tempo wird davon abhängen, wie schnell sich die Lieferketten erholen, wann das Personal zurückkehrt und vor allem, wie hoch die Kaufkraft der Kunden ist.

Trotz allem blicken die Kiewer Gastronomen optimistisch in die Zukunft. "Natürlich gibt es viel Schmerz, es gibt tragische Geschichten in jeder Familie, es gibt Unternehmen, die für immer schließen mussten", sagt der Food-Journalist Jaroslaw Druzjuk. "Aber es gibt auch das Gefühl, dass vieles von uns selbst abhängt und wir deshalb hart arbeiten müssen. Das gibt uns Hoffnung."

Quelle: ntv.de, übersetzt von Uladzimir Zhyhachou

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