Panorama

Lücken in Akten, enorme Ignoranz Kölner Gutachten legt Systemfehler offen

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Für Woelki ist das Kapitel Missbrauchsaufklärung längst noch nicht abgeschlossen.

(Foto: AP)

Das Erzbistum Köln gibt ein Missbrauchsgutachten in Auftrag - und veröffentlicht es dann auch wirklich. In dem 800-Seiten-Papier wird Erzbischof Woelki entlastet. Damit könnte das Thema erledigt sein. Aber so einfach ist es nicht.

Wer von dem Gutachten zum Umgang mit sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige und Schutzbefohlene im Erzbistum Köln völlig neue Erkenntnisse erwartete, war vermutlich naiv. Die Arbeit, die sich die Kanzlei des Strafrechtlers Björn Gercke in den zurückliegenden Monaten gemacht hat, war trotzdem nicht umsonst.

Denn die Strafrechtsexperten finden nach der Auswertung der Akten von 1975 bis 2018 sehr klare Worte für einige Missstände. Als Gercke und seine Kollegin Kerstin Stirner ihre Erkenntnisse aus der Sichtung beschreiben, wird überdeutlich, wie Kirchenmitarbeiter über Jahrzehnte hinweg sexuelle Straftaten an Kindern bewerteten. Die Missbrauchstaten wurden dem Gutachten zufolge in etwa drei Viertel aller Fälle an Kindern unter 14 Jahren begangen. Trotzdem wurden sie beispielsweise in Personalakten lange lediglich als Verstöße gegen priesterliche Pflichten angesehen.

Obwohl die Anwälte ihren Auftraggebern durchaus Aufklärungswillen attestieren, ist ihre Verwunderung in diesem Punkt überdeutlich. Die Taten, die in der Hälfte der Fälle strafrechtlich als sexueller Missbrauch an Kindern und schwerer sexueller Missbrauch zu bewerten sind, wurden in der Kirchenlogik mit Verstößen gegen das Zölibat gleichgesetzt. Dabei dürfte es sich bei letzterem in den meisten Fällen um einvernehmliche sexuelle Kontakte von Geistlichen zu anderen Erwachsenen gehandelt haben. Die katholische Moral war jedoch mehr erschüttert von der Tatsache, dass ein Priester nicht vermochte, sexuell enthaltsam zu leben oder auch davon, dass er übermäßig dem Alkohol zusprach, als davon, dass Kinder überwiegend in Betreuungssituationen missbraucht worden waren.

"Brüder im Nebel"

Die Anwälte nehmen sich sehr viel Zeit, ihr Vorgehen nach der Übergabe der Akten zu beschreiben. Dabei handelte es sich um Protokolle, Sitzungsunterlagen, Schriftsätze, Stellungnahmen, Interviews und Befragungen, Sonder- und Personalakten, nach der Einrichtung der Interventionsstelle auch um Interventionsakten. Bezeichnend ist, dass der frühere Erzbischof Joachim Kardinal Meisner einen eigenen Aktenbestand hatte, der den Titel "Brüder im Nebel" trug. Das Erzbistum gab für all diese Akten eine Vollständigkeitserklärung ab, betonte also ausdrücklich, dass keine Papiere zurückgehalten wurden.

Und obwohl schon das erhebliche Papiermengen waren, dürften sie nur einen kleinen Teil der Missbrauchstaten abbilden, die es tatsächlich gegeben hat. Zum einen gab es in dem untersuchten Zeitraum von 1975 bis 2018 mindestens zweimal Aktenvernichtungen. Dabei habe es sich um turnusmäßige Aktionen nach Kirchenrecht gehandelt, so Gercke. Trotzdem ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass so Papiere verloren gingen, die weitere Hinweise zum Inhalt hatten.

Zum anderen gab es jedoch in all den Jahren "erhebliche Mängel bei der Aktenführung", so die Gutachter. Bei einigen Akten hatte das Untersuchungsteam den Eindruck, dass Aktenbestandteile fehlten. Die Gutachter konstatieren Mängel sowohl bei der Organisation des Aktenbestands als auch bei der Aktenführung im Erzbistum. Zu den Empfehlungen der Anwälte gehört deshalb unter anderem der Hinweis, dass schon eine durchlaufende Nummerierung der Seiten helfen könne, um die Lückenlosigkeit der Dokumentation von Vorgängen zu belegen oder auch zu widerlegen.

Reputation wichtiger als Opfer

Noch wichtiger ist jedoch ein anderer Nebensatz bei der Vorstellung des Gutachtens. Dabei stellen die Strafrechtler fest, dass sich "jahrzehntelang" kaum jemand getraut habe, "Verdachtsfälle zu melden". Erst als Anfang 2010 über Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Colleg berichtet wurde, gingen demnach auch in Köln überhaupt erst Hinweise auf Missbrauchstaten in nennenswerter Menge ein. Viele der Fälle, in denen untersucht wurde, ob es von kirchlicher Seite Fehler im Umgang mit mutmaßlichen Tätern und deren Opfern gab, liegen mittlerweile Jahrzehnte zurück. Gercke kommt zu der eindeutigen Einschätzung, es sei nicht vorrangig um die Opfer gegangen, sondern vielmehr darum, Reputationsschäden von der Kirche abzuwenden. Auffällig war demnach, dass bei kirchlichen Laien, denen Übergriffe zur Last gelegt wurden, zügig Kündigungen ausgesprochen wurden, während Kleriker beinahe unbehelligt blieben.

Bei den Personen, die für die Versäumnisse verantwortlich waren, nennen die Gutachter Namen. Dem heutigen Hamburger Erzbischof und früheren Kölner Domvikar Stefan Heße werden elf Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen vorgeworfen, dem verstorbenen Erzbischof Joachim Kardinal Meisner 23, weitere dem 1987 verstorbenen Kardinal Joseph Höffner. Zudem sind die Namen des Weihbischof Dominikus Schwaderlapp und von Offizial Günter Assenmacher aufgelistet, die Woelki daraufhin mit sofortiger Wirkung beurlaubte.

Schuld auf die Vorgänger

Dem Kardinal selbst wird kein Fehlverhalten zur Last gelegt. Die Gutachter loben stattdessen die 2015 von ihm eingerichtete Interventionsstelle. Dort werden sowohl aktuelle (Verdachts-)Fälle von sexualisierter Gewalt bearbeitet, als auch sogenannte "Altfälle" aufgearbeitet. Trotzdem kann sich Woelki auf diesem "Freispruch" kaum ausruhen.

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Sein Krisenmanagement ist derzeit alles andere als glücklich. Das erste Gutachten einer Münchner Kanzlei unter der gleichen Fragestellung, die jetzt Gercke und sein Team bearbeitet haben, hielt er unter Verschluss und führte dafür rechtliche Bedenken an. Demnächst soll es ausgewählten Personen zugänglich gemacht werden. Seiner zunächst gemachten Ankündigung, er wolle am kommenden Dienstag mögliche personelle Konsequenzen mitteilen, kam Woelki heute selbst zuvor.

Ob das ausreicht, um die enorme Vertrauenskrise zu lösen, die sein bisheriges Verhalten ausgelöst hat, wird sich noch zeigen müssen. Noch ist das Erzbistum Köln die mitgliederstärkste römisch-katholische Diözese im deutschsprachigen Raum. Gerade erlebt es jedoch eine Austrittswelle von Gläubigen. Woelki selbst spricht nach der Übergabe des Gutachtens von "Vertuschung". Vor allem seine beiden Vorgänger hätten sich schuldig gemacht. "Sie haben nicht sanktioniert, sondern verzögert oder den Schutz der Betroffenen nicht beachtet." Es spreche Bände, dass Laien in Köln bei Missbrauchsvorwürfen immer schnell und konsequent bestraft worden seien, Priester aber nicht - "das berührt mich und beschämt mich auch zutiefst", sagte Woelki. Dazu, dass er bei Meisner Erzbischöflicher Kaplan und Geheimsekretär war, kein Wort.

Quelle: ntv.de

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