Panorama

Drogen-Routen nach DeutschlandKokainschmuggler peilen kleinere Nordseehäfen an

18.02.2026, 17:21 Uhr
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Spezialisierte Verlade-Kapazitäten an der Nordsee, hier der Jade-Weser-Port: Zoll und Drogenfahnder nehmen verstärkt auch kleinere Häfen in den Blick. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Polizei und Zoll stehen vor einem Rätsel: Nach den Rekordfunden der vergangenen Jahre geht den Fahndern plötzlich deutlich weniger Kokain ins Netz. An den großen Seehäfen wird unverändert streng kontrolliert. Haben Kriminelle ein neues Einfallstor gefunden?

Die internationale Drogenkriminalität sucht sich neue Wege nach Deutschland: Nach Ansicht von Ermittlern weichen Kokainschmuggler zunehmend von den großen Seehäfen wie Hamburg oder Rotterdam auf kleinere Nordseehäfen aus. Der Einfuhrschmuggel über kleinere Häfen sei für die niedersächsischen Behörden wegen der Lage des Bundeslandes als Nordsee-Anrainer mittlerweile ein Bearbeitungsschwerpunkt, teilte das Landesinnenministerium in Hannover mit. Kriminelle Organisationen versuchen demnach, dem "Kontrolldruck an den großen europäischen Seehäfen" zu entgehen.

Unklar ist, welche Mengen an Drogen auf dem Seeweg nach Deutschland gelangen. Ermittler gehen davon aus, dass der Zustrom an illegalen Drogen wächst. Zumindest ist der Umfang an sichergestelltem Kokain in den vergangenen Jahren stetig gestiegen: Im Jahr 2018 konnten die deutschen Behörden Daten des Bundeskriminalamts zufolge bundesweit insgesamt rund fünf Tonnen an eingeschmuggeltem Kokain beschlagnahmen.

Die Kokain-Funde nahmen seitdem fast durchgehend zu. Drei Jahre später waren es - auch dank verbesserter Fahndungsmethoden und intensiverer Überwachung - bereits rund 23 Tonnen. Für das Jahr 2023 verzeichnete die BKA-Statistik die bisherige Rekordmenge von 43,1 Tonnen. Kurz darauf jedoch brach die Summe der aufgedeckten Kokain-Lieferungen ein.

Daten aus der europäischen Kriminalitätsstatistik zeichnen ein ähnliches Bild: An den bisherigen europäischen Haupteinfallstoren für Kokain - den Häfen in Antwerpen in Belgien und im niederländischen Rotterdam - waren die Kokainfunde im Jahr 2024 ebenfalls drastisch zurückgegangen. Dort wurden nach BKA-Angaben insgesamt rund 69 Tonnen Kokain sichergestellt.

Im Jahr davor waren es insgesamt noch 175 Tonnen. Gleichzeitig sei "eine Verlagerung nach Spanien und Frankreich festzustellen, die nunmehr zunehmend als Haupteinfallstore für Kokain genutzt werden", fasste das BKA-Lagebild zur Drogenkriminalität die bisherigen Ermittlungsergebnisse zusammen. Der Kokain-Schmuggel, heißt es, stelle weiterhin ein hochprofitables Geschäft für Kriminelle dar.

Experten gehen davon aus, dass der Zustrom an Kokain nach Deutschland unvermindert anhält. Dafür spricht unter anderem zum Beispiel die unverändert stetig steigende Zahl an Kokain-Delikten im Inland. Für die illegale Einfuhr über abgelegenere Nordseehäfen gibt es außerdem bereits vereinzelte Belege: Allein in den vergangenen drei Jahren hätten mehr als zwei Tonnen Kokain mit dem Zielhafen Brake beziehungsweise Stade-Bützfleth aus Südamerika eingeführt werden sollen, hieß es aus dem Landeskriminalamt Niedersachsen. Die fraglichen Drogenlieferungen konnten demnach schon in Brasilien sowie in Italien und Polen von Polizei und Zoll sichergestellt werden.

Treibende Drogenpakete mit Peilsendern

Das tatsächliche Ausmaß des unentdeckten Drogenschmuggels bleibt bislang im Dunkeln. Nach Einschätzung des BKA setzen die Kriminellen mittlerweile auf eine Vielzahl unterschiedlicher Methoden, um die hochprofitable Schmuggelware ins Land zu bringen. Dazu zählen die Fahnder etwa unauffällige Beiladungen in Schiffscontainern, das Aussetzen von wasserdicht verpackten und mit Peilsendern ausgestatteten Drogen-Bojen vor der Küste oder das Anbringen von Drogenpaketen an geschützten Stellen an der Außenhaut von Frachtschiffen.

"Der Einfuhrschmuggel von Betäubungsmitteln auf dem Seeweg nach Deutschland hat weiterhin eine sehr hohe Bedeutung", heißt es im BKA-Lagebericht. Im Jahr 2024 seien größere Einzelmengen von Kokain aus vermutlich misslungenen Drogenlieferungen per Boje an verschiedenen Küstenabschnitten der Nordsee auf Borkum, bei Heiligenhafen sowie auf Amrum, Föhr und Sylt angespült worden.

Den Ursprung des nach Deutschland geschmuggelten Kokains vermuten die Ermittler in Südamerika: Die illegale Ware stamme "überwiegend aus Ecuador und Brasilien". Diese beiden Länder verfügen demnach nicht nur über eine Vielzahl von Containerhäfen, sondern grenzen zudem auch an bekannte Koka-Anbaustaaten wie Kolumbien, Peru und Bolivien an. Aus den Ländern Panama und Peru werde Kokain zudem auch direkt per Seecontainer nach Europa geschmuggelt.

Die organisierte Kriminalität sei "eine der größten Herausforderungen für unsere Sicherheitsbehörden", erklärte die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens den Funke-Zeitungen mit Blick auf die Überwachung der Häfen. Die SPD-Politikerin betonte: "Dieses Phänomen ist geprägt von hoher Professionalität, internationaler Vernetzung und einer stetigen Anpassung an neue technische Möglichkeiten." Organisierte Kriminelle versuchten, ihre Einnahmequellen zu behaupten. Ziel sei, "konsequent die Einfallstore für Drogen zu schließen" - etwa mit gezielter Überwachung auch der kleineren deutschen Nordseehäfen.

Quelle: ntv.de, mmo/dpa

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