Panorama

Mehr als ein Job Kontaktverfolgung geht nicht ohne Empathie

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Hartmut Reincke telefoniert jeden Tag mit Menschen, die wegen der Corona-Maßnahmen in Quarantäne bleiben müssen.

(Foto: dpa)

Mittlerweile wird vor allem über das Impfen und Testen gesprochen. Für die Bekämpfung der Corona-Pandemie ist die Kontaktnachverfolgung aber weiter wichtig. Dabei geht es um weit mehr als um Fragebögen und bloße Zahlen.

Wenn Beatrice Götzke anruft, wird es mitunter ernst für die Menschen am anderen Ende der Leitung. "Ich darf Sie noch nicht rauslassen", sagt die 39-Jährige dann mit freundlicher Stimme in ihr Headset. Oder aber: "Heute ist der letzte Tag der Quarantäne." Sie sitzt im zweiten Stock eines ehemaligen Schulungszentrums hinter dem Landratsamt in Greifswald, an einer wichtigen Front im Kampf gegen die Corona-Pandemie.

"Kontaktnachverfolgung ist ein ganz wichtiges Instrument, ein wesentlicher Baustein der Pandemiebekämpfung", sagt Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Das hat auch die Politik schon früh erkannt und etwa Corona-Maßnahmen damit begründet, dass die Kontakte nachvollziehbar bleiben müssten.

Wie viele Menschen bundesweit in der Kontaktnachverfolgung arbeiten, ist laut Deutschem Landkreistag unklar. Es dürften Tausende sein. Allein in Vorpommern-Greifswald gibt es laut Landkreis etwa 150 Vollzeitstellen. Die aber längst nicht immer voll ausgeschöpft werden, sodass beispielsweise knapp 80 Mitarbeiter für einen Tag eingeplant sind. "Wir arbeiten 365 Tage im Jahr. Unter der Woche sind die Schichten von 8.00 bis 22.00 Uhr insgesamt und an den Wochenenden von 8.00 bis 20.00 Uhr", sagt Miriam Wanke, stellvertretende Leiterin der Kontaktnachverfolgung. Die Besetzungsstärke variiere. Zu den Beschäftigten gehörten Verwaltungsmitarbeiter, Soldaten, Studierende oder Quereinsteiger.

Anordnen ist nicht alles

Götzke ist medizinische Fachangestellte und arbeitet seit November für das Gesundheitsamt. Zuvor sei sie in Kurzarbeit gewesen. Die Arbeit sei teilweise sehr emotional. Kürzlich habe sie den Fall eines Siebenjährigen mit einem schweren Covid-19-Verlauf gehabt. "Sowas nimmt man auch mit nach Hause". Dasselbe gelte für Todesfälle. Kurz nach ihrem Start habe sie mit einem jungen Mann ohne Vorerkrankungen Kontakt gehabt. Er sei wenig später an Covid-19 gestorben. Auch das beschäftige sie. Ähnlich äußert sich ihr Kollege Hartmut Reincke. Zu Beginn des Jahres habe er täglich mit Todesfällen zu tun gehabt. Aber auch die schönen Momente gingen ihm nahe. Etwa, wenn Menschen nach schweren Verläufen wieder gesund würden.

An diesem Vormittag ist der 60-Jährige dabei, Kontakte einer Schule abzutelefonieren. "Oftmals sind dann auch Telefonnummern falsch", sagt der gelernte Karosseriebauer. "Dann geht's manchmal auch ganz schleppend voran." Die Arbeit sei teilweise geradezu kriminalistisch. Viele Landkreise und Städte berichten von Problemen, weil auf Laborscheinen Telefonnummern fehlten oder Menschen Kontakte nicht preisgeben.

"Auch Empathie musst du haben", sagt Reincke. Man habe schließlich mit Menschen zu tun und mit einer unberechenbaren Krankheit. Fehlender Kooperationswille sei auch ein Problem. Da müsse man viel Überzeugungsarbeit leisten. "Aber das macht's eben auch aus." Mit dem bloßen Anordnen etwa von Tests oder Quarantänen sei es nicht getan. Man beschaffe auch schon mal Hilfe beim Einkaufen, wenn die Betroffenen nicht mehr raus dürften. Für einen Bauern in Quarantäne habe man sogar schon die Fütterung für dessen Hühner organisiert.

Götzke sagt, ihr Freundes- und Bekanntenkreis habe sich wegen ihrer Arbeit deutlich verkleinert. "Man hat immer noch Leute, die es nicht verstehen, die ganz andere Ansichten haben." Sie selbst sei vorsichtiger im Umgang mit der Pandemie geworden. Steigende Inzidenzen kämen bei ihr und ihren Kollegen in Form zunehmender Labormeldungen an. "Der Druck ist schon da - gar keine Frage." Gerade sei die Lage angespannt.

Probleme mit aktuellen Zahlen

Mitarbeiter in den Gesundheitsämtern arbeiteten seit Monaten am Anschlag, heißt es vom Landkreistag. Und Teichert berichtet: "Die sind mit den Nerven durch. Wir beobachten das schon. Viele wollen nach der Pandemie kündigen und etwas anderes machen." Zudem litten andere Aufgabenbereiche. Sie prophezeit für dieses Jahr etwa ein weitgehendes Fehlen von Einschulungsuntersuchungen.

Bis zu welcher Sieben-Tage-Inzidenz die Kontaktnachverfolgung gut möglich ist, könne man so grundsätzlich nicht sagen. Bei derselben Inzidenz während eines Lockdowns stünden hinter jeder Corona-Infektion viel weniger Kontakte als in einer Zeit ohne Lockdown, erklärt Teichert. Dementsprechend sei auch die Arbeitsbelastung trotz gleicher Inzidenz eine andere.

Vom Landkreistag heißt es: "Soweit wir wissen, ist die Kontaktnachverfolgung im Moment im Schnitt der Gesundheitsämter noch leistbar." Wanke erklärt, je höher die Inzidenzen steigen, umso schwieriger werde es, neben der zügigen Informationen der Infizierten auch eine schnelle Nachverfolgung der Kontakte zu gewährleisten. "Schwierig, denke ich, wird es bei Zahlen um die 200 und über 200."

Vorpommern-Greifswald verzeichnete im Vergleich zum Rest von Mecklenburg-Vorpommern lange relativ hohe Infektionszahlen. Hinzu kam ein Meldeverzug, der die für Corona-Maßnahmen maßgebliche tagesaktuelle Sieben-Tage-Inzidenz über Wochen deutlich nach unten gedrückt hatte. Eine Untersuchung der zuständigen Landesbehörde hatte Arbeitsabläufe im Landkreis als Ursache ausgemacht. Anstatt Fälle zunächst nur mit wenigen Kerninformationen an das Land zu melden, hatte der Kreis demnach gewartet, bis alle 70 Einzelinformationen eines Fragebogens vorlagen. Mittlerweile sei das Vorgehen umgestellt worden.

"Die Zahlen dürften jetzt aktuell sein", sagt auch Reincke. Wie seine Kollegin Götzke erfüllt es auch ihn mit Stolz, bei der Bewältigung der Pandemie mitwirken zu können. Er kann sich so einen Job, etwa beim Gesundheitsamt, auch für die Zukunft vorstellen. "Auf jeden Fall, denn Spaß macht es ja."

Quelle: ntv.de, Christopher Hirsch, dpa

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