Panorama

Folterzellen in Containern Kriminelle plauderten offen über Mordpläne

0222dfbf9d56b1bb3046a86e0e1f224a.jpg

Die niederländische Polizei setzte eine Spezialeinheit ein, um die Lagerhalle zu besetzen, in der die Container verborgen waren.

(Foto: via REUTERS)

Das Szenario erscheint wie in einem Film: Kriminelle planen die Entführung und Ermordung von Menschen und bauen dafür Schiffscontainer zu Zellen und Folterkammern um. Sie fliegen auf, weil die Polizei ihre verschlüsselten Verbindungen hackt.

Hochseecontainer, die zu Gefängniszellen und Folterräumen ausgebaut waren, Drogenlabore und sechs Festnahmen: Was die niederländischen Ermittler in dem Ort Wouwse Plantage an der Grenze zu Belgien entdeckt haben, wirft ein Licht auf die extreme kriminelle Energie, die das organisierte Verbrechen in Europa entwickelt - und ist trotzdem nur ein kleiner Ausschnitt.

Die in mehreren europäischen Ländern unter verschiedenen Codenamen geführten Ermittlungen basierten auf Millionen von Nachrichten, die von verschlüsselten Telefonen aus verschickt worden waren. Die Firma Encrochat hatte ihre Geräte immer als besonders sicher beworben. Am 13. Juni erhielten Besitzer eines Encrochat-Telefons jedoch die Nachricht, dass die Domain "illegal von Regierungseinheiten übernommen" wurde. "Wir raten dazu, euer Gerät auszuschalten und physisch zu beseitigen", hieß es weiter.

Für zahlreiche Kriminelle kam die Nachricht zu spät. Die Ermittler hatten den Nachrichtenaustausch bereits mitgelesen, bevor er verschlüsselt wurde. Bereits am vergangenen Donnerstag konnten französische und niederländische Behördenvertreter in Den Haag mitteilen, dass es ihnen gelungen war, das verschlüsselte Kommunikationsnetzwerk zu zerschlagen.

Seitdem gab es europaweit Verhaftungen, von mehr als 800 Festnahmen gehen die Sicherheitsbehörden aus. Denn das Netzwerk wurde fast ausschließlich vom organisierten Verbrechen genutzt, darunter von Drogenhändlern und Auftraggebern für Morde. Die meisten Festnahmen gab es in Großbritannien, auf Platz zwei liegen die Niederlande. Zwar mit deutlichem Abstand, aber hier wurden außerdem noch mehr als 8000 Kilogramm Kokain und 1,2 Tonnen Crystal Meth sichergestellt.

Folterwerkzeuge en masse

"Es war, als hätten wir live am Tisch der Kriminellen gesessen", sagte Janine van den Berg, die Leiterin der niederländischen Polizei. "Wir haben die Tatsache ausgenutzt, dass die Kriminellen blind auf die Krypto-Kommunikation vertrauten und frei sprachen", fügte ihr Kollege Andy Kraag hinzu. Er verglich die abgefangenen Informationen während der Operation "26Lemont" mit einer "Goldmine" für die Fahnder.

Im Fall der sieben Seecontainer in Wouwse Plantage sind die Ermittler sicher, dass sie mit dem Zugriff zahlreiche schwere Verbrechen verhindern konnten. Denn die Vorbereitungen für Entführungen, Misshandlungen und Morde waren bereits weit gediehen. Die Behälter waren aufwendig schallisoliert und innen mit einer wärmeisolierenden Folie verklebt, wahrscheinlich um zu verhindern, dass der Inhalt mit einer Wärmebildkamera sichtbar wird. Nebenan parkten drei gestohlene Transporter und drei "schnelle" BMW.

Sechs der Container waren als eine Art Zellentrakt angeordnet, in dem Menschen gefesselt festgehalten werden konnten. Ein weiterer Container war nach Überzeugung der Ermittler als Folterkammer gedacht: Handschellen hingen von der Decke, am Boden war ein Zahnarztstuhl befestigt. "Die Verdächtigen nannten den siebten Container den 'Behandlungsraum'", hieß es in der Erklärung der Polizei. Die Polizei fand Teppichmesser und Astscheren, eine Astsäge, Skalpelle, Zangen, Handschellen, Fingerschellen, Klebeband, Sturmhauben und schwarze Baumwolltaschen, die über den Kopf gezogen werden können. Es gab ein Chemieklo und eine Art Aufenthaltsraum für die Wachen. Jeder Raum wurde komplett von Kameras überwacht.

Nach Angaben der Polizei waren die bevorstehenden Entführungen mit großer Präzision vorbereitet. Es habe mehrere Teams und ein spezielles Beobachtungsteam gegeben, außerdem Waffen, Polizeikleidung, Lieferwagen, Stoppschilder und kugelsichere Westen. Aus den Chat-Nachrichten konnte die Polizei auf die ausgespähten Opfer schließen. Sie wurden gewarnt und versteckten sich. Als die Zellen unmittelbar vor der Fertigstellung standen, beschloss die Polizei einzugreifen.

Zum Hauptverdächtigen hat die niederländische Polizei bisher nicht mehr gesagt, als dass es sich um einen 40-jährigen Mann aus Den Haag handelt, der verdächtigt wird, am Drogenhandel beteiligt zu sein, und mehrere Morde vorbereitete.

Quelle: ntv.de