Panorama

Susanne Johna im ntv-Interview "Long Covid wird uns noch länger beschäftigen"

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Dr. Susanne Johna ist seit November 2019 die Vorsitzende des Marburger Bundes.

(Foto: Marburger Bund)

Um die Impf-Skeptiker noch zu überzeugen, bedarf es weiterer Anstrengungen, meint die Vorsitzende des Marburger Bundes. Gerade angesichts von Long Covid sei es für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft, wichtig, die Ausbreitung des Coronavirus weiter konsequent zu unterbinden. Von Lockerungen wie jetzt in Großbritannien hält Susanne Johna hingegen gar nichts.

ntv: In den Hochwassergebieten besteht die Angst, dass es dort zu Corona-Ausbrüchen kommen könnte. Wie sehen Sie das?

Dr. Susanne Johna: Das Risiko besteht natürlich, dass die Menschen dort jetzt den Fokus ganz woanders haben - verständlicherweise. Und dass sie dann auch eng zusammenarbeiten, um die Krise zu bewältigen und sehr häufig auch bei den hohen Temperaturen draußen nicht an Masken und Abstand denken. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Virusübertragung. Wobei wir insgesamt sagen müssen, dass ja der große Teil der Arbeiten draußen läuft, damit die Virusübertragung sinkt. Aber das enge Zusammenkommen von vielen Menschen, zum Beispiel auch in Turnhallen für die Übernachtung, erhöht natürlich das Risiko.

Lassen Sie uns vom Hochwassergebiet auf die allgemeine Lage kommen. Es sind im Moment noch nicht mal die Hälfte der Deutschen doppelt geimpft, etwa 46 Prozent. Die Infektionszahlen steigen wieder an, Delta setzt sich durch und Experten sprechen auch davon, dass wir im Grunde am Anfang der vierten Welle stehen. Was müssen wir jetzt tun, damit wir im Herbst nicht wieder über einen Lockdown sprechen oder vielleicht auch über überfüllte Krankenhäuser?

Das Entscheidende ist sicher, mit den Impfungen schneller voranzukommen. Wir sehen ja, dass die Impfgeschwindigkeit abnimmt. Wir sind jetzt an dem Punkt, wo wir diejenigen, die der Impfung skeptisch gegenüberstehen, unbedingt mitnehmen müssen. Das sind oft diffuse Ängste, die da eine Rolle spielen. Wir müssen ganz klar kommunizieren: Es ist viel wahrscheinlicher - gerade jetzt mit der Delta-Variante - an Covid zu erkranken, auch schwer zu erkranken, als eine Impfnebenwirkung zu haben. Und diese Risikokommunikation muss viel besser werden.

Wie kann diese Risikokommunikation besser werden?

Ich glaube, oft muss man das visualisieren. Wir wissen, dass sich manche Personen in einer Kommunikationsblase befinden. Sie bestätigen sich gegenseitig immer die eigenen Sorgen. Da ist es hilfreich, einfach auch Zahlen gegenüberzustellen und auch die persönliche Beratung zu den Menschen zu bringen. Auch das ist sicher wichtig, dass wir auf den Marktplätzen vielleicht Stände aufbauen und sagen: Hier können sie sich beraten lassen.

Es steht immer wieder die Impfpflicht, vor allem auch für Pflege- und Medizinpersonal, im Raum. Was halten Sie davon?

Ich bin der Meinung, dass die Daten für die Impfung so überzeugend gut sind, dass ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, dass eine Impfpflicht notwendig ist. Wir wissen ja, dass medizinisches Personal, Krankenschwestern und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte, sich ohnehin zu einem sehr sehr hohen Prozentsatz impfen lassen. Insofern ist das nicht unser wirkliches Problem. Unser Problem ist eher, die Menschen zu erreichen, die jetzt noch skeptisch sind und oft gar nicht richtig fassbare Gründe haben für diese Skepsis. Da müssen wir besser - auch über soziale Medien, auch vielleicht über Influencer - kommunizieren.

Es gibt eine aktuelle Studie, die zeigt, dass ungefähr 20 Prozent der Covid-Patienten langfristige Organschäden haben. Das heißt, wenn die Infektionspandemie vorbei ist, dann werden uns die Covid-Patienten noch sehr lange beschäftigen und vor allem ja auch die Ärzte. Auf welchen Mehraufwand stellen sich die Ärztinnen und Ärzte hier ein?

Covid 19 ist eben nicht, wie es am Anfang schien, eine reine Virus-Lungenerkrankung, sondern diese Erkrankung führt zu Gefäßschäden, Entzündungen der Gefäße von innen, und das wiederum betrifft dann alle Organe. Die Zahl 20 Prozent ist relativ hoch. Die meisten Studien gehen eher von um die 10 Prozent aus. Aber dieses Syndrom, was auch Long Covid genannt wird, wird uns sicher noch länger beschäftigen und ist auch ein entscheidender Grund, warum es sich lohnt, Infektionen auch weiterhin zu verhindern. Denn es geht nicht nur um die Frage 'Erkrankt ein Mensch schwer?', sondern auch um die Frage 'Bleiben längere Schäden?'. Und da geht es um den einzelnen Menschen und es geht am Ende auch um die Frage, wie viele Menschen dann vielleicht sogar auch für die Volkswirtschaft in der Berufstätigkeit vorübergehend ausfallen. Also es lohnt sich, weiter zu investieren, um Ansteckungen zu vermeiden. Das geht am besten durch Impfung, am zweitbesten natürlich durch das Maskentragen und die Kontaktbeschränkungen.

Masken tragen und Kontaktbeschränkungen sind Maßnahmen, die auf Grundlage der epidemischen Lage, die wir gerade haben, getroffen werden können. Das ist die juristische Grundlage. Die FDP fordert nun, dass man eben diese epidemische Lage zum 30. September auslaufen lässt. Was halten sie davon?

Ich halte da gar nichts von. Wir sehen jetzt am Beispiel Großbritannien, dass auch dort sehr viele Menschen nichts davon halten. Etwa 70 Prozent haben in Umfragen angegeben, auch in Großbritannien weiter in Innenräumen Masken tragen zu wollen. Den Menschen ist schon klar, welcher Gefahr sie sich aussetzen und da helfen dann politische Schlagzeilen wenig. Wir müssen mit Vernunft an die Problematik herangehen und Vernunft hat eben auch mit der Bereitschaft zu tun, sich mit den wissenschaftlichen Fakten auseinanderzusetzen.

Mit Dr. Susanne Johna sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

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